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René Boldt hat einen Mordanschlag überlebt

Was sich ein Opfer von der neuen Regierung wünscht

BAD PYRMONT. René Boldt hat einen Mordanschlag überlebt. Seine Ex-Freundin hatte ihn im Schlaf attackiert und acht Mal auf ihn eingestochen. Auch er hat einen konkreten Wunsch an die neue Regierung: „Mehr Richter, weniger Bürokratie“.

veröffentlicht am 14.09.2017 um 17:33 Uhr

„Der Täterschutz wird in Deutschland – zumindest gefühlt – höher bewertet, als der Schutz der Opfer. Das darf nicht sein“, sagt Verbrechensopfer René Boldt. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

„Was ich mir von der neuen Bundesregierung erhoffe?“ René Boldt denkt kurz nach, dann sprudelt es förmlich aus ihm heraus, so als habe er nur darauf gewartet, dass ihm jemand diese Frage stellt: „Opfern von Verbrechen muss viel schneller und vor allem unbürokratisch geholfen werden. Und die Gesetze müssen endlich konsequent angewendet werden.“ Es könne doch nicht angehen, dass man als Gewaltopfer wie ein Bettler von Pontius zu Pilatus laufen müsse, um vom Staat Hilfe in der Not zu erhalten.

Boldt ist Unternehmer. Der 39-Jährige verdient sein Geld als selbstständiger Werbetechniker. Vor knapp zwei Jahren, am frühen Morgen des 4. Oktober 2015, ist der Bad Pyrmonter Opfer eines äußerst brutal und heimtückisch ausgeführten Kapitalverbrechens geworden. Dass Boldt überlebt hat, ist allein der ärztlichen Kunst zu verdanken. Seine Ex-Freundin hat ihn im Schlaf attackiert. Mit zwei Messern. Achtmal stach sie zu. Die Klingen trafen Lunge, Milz und Leber, verfehlten nur knapp das Herz. Die offenbar krankhaft eifersüchtige Frau, die das getan hat, wurde Mitte März 2016 wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Als Gewaltopfer wünscht sich Boldt mehr Rechte für Opfer. Der Täterschutz, sagt er, werde in Deutschland – zumindest gefühlt – höher bewertet, als der Schutz der Opfer. Das dürfe nicht sein. Der Bad Pyrmonter erwartet von dem neuen Justizminister, dass das anders wird. „Wir brauchen mehr Richter und mehr Staatsanwälte. Es ist ein Unding, dass einige Verfahren erst nach zwei, drei oder vier Jahren verhandelt werden. Da haben die meisten Zeugen schon viele Details vergessen, müssen Angeklagte womöglich nur deshalb freigesprochen werden, weil Gerichte überlastet sind.“ Und noch etwas findet der Mann erschreckend: „Die meisten mutmaßlichen Täter warten nicht in Untersuchungshaft auf ihren Prozess. Die laufen jahrelang draußen frei herum und können in dieser Zeit weitere Straftaten begehen.“ Deshalb fordert er beschleunigte Verfahren.

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Boldt findet, dass Richter manchmal viel zu viel Verständnis mit Tätern haben müssen. „Alles, was für einen Straftäter spricht, die schlechte Kindheit, der Alkohol, die psychische Verfassung, fadenscheinige Entschuldigungen und von Anwälten diktierte Geständnisse, führt zu milden Urteilen. So sind halt die Gesetze. Die Richter müssen sich dran halten. Aber: Ist das auch richtig so? Wir brauchen endlich Politiker, die Gesetze für Opfer und nicht für Täter machen.“

Auch die Bürokratie schlägt dem Selbstständigen auf den Magen. „In deutschen Amtsstuben dauert alles ewig. Könnte man nicht zum Wohle des Bürgers einige Arbeitsprozesse verkürzen?“, fragt er. Dreimal ist Boldt nach der Mordattacke, die er dank der Hilfe seines Bruders und der Chirurgen überlebt hat, operiert worden. „Ich hatte mich kurz vor der Tat selbstständig gemacht, wusste nicht, ob ich jemals wieder meine linke Hand bewegen und weiterarbeiten kann. Ich litt deshalb unter Existenzängsten, hatte Albträume und wusste nicht mehr weiter. In einer solchen Situation erwartet man schnelle Hilfe vom Staat, gerade dann, wenn man unverschuldet in Not geraten ist“, meint der Bad Pyrmonter. „Man bekommt sie aber nur selten“, meint Boldt. Als er beim Arbeitsamt ein Überbrückungsgeld beantragen wollte, sei er „anfangs wie ein Bittsteller“ behandelt worden. „Erst als der Sachbearbeiter den ganzen Fall kannte, war er nett und zuvorkommend.“ Auch das Finanzamt, das er gebeten hatte, ihm seine Steuern zu stunden („Ich war schwer verletzt, konnte längere Zeit nicht arbeiten und hatte deshalb auch keine Einnahmen“), habe seine Notsituation nicht anerkannt. „Mir wurde damals mitgeteilt, das Verbrechen sei keine besondere Härte. Geht’s noch?“ Jedem Behördenvertreter habe er haarklein erklären müssen, was passiert ist. „Es ist mir anfangs schwergefallen, jedem zu erzählen, was mir angetan wurde.“ Von der neuen Bundesregierung erwartet Boldt ein entschlossenes Handeln im Kampf gegen Kriminalität. Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen? „Kein Problem“, sagt Boldt. „Dann werden Täter schneller gefasst.“ Vorratsdatenspeicherung? Der Pyrmonter weiß nicht so recht. „Unschuldige dürfen auf keinen Fall durch so etwas in Verdacht geraten und ausgeforscht werden.“

Wäre René Boldt Mitglied der Bundesregierung, würde er dafür sorgen, dass Opfer wissen, wo sie Hilfe bekommen. „Mir hat der Weiße Ring geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Christian Jahn-Pabel, Leiter der Außenstelle Hameln-Pyrmont, habe ihn fabelhaft betreut, ihm einen Anwalt und einen Psychologen besorgt und ihm eine kleine finanzielle Unterstützung gewährt. Die Opferhilfe, sagt Boldt, sei aber nicht nur Aufgabe der Ehrenamtlichen, das sei etwas, das sich der Staat auf die Fahnen schreiben müsse.

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