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In einem Hamelner Wohnviertel verweigern überdurchschnittlich viele Menschen den Urnengang

Wählen gehen? Keine Lust!

HAMELN. Gut zwei Wochen ziehen noch ins Land, dann wird der Deutsche Bundestag gewählt. Die heimischen Kandidaten könnten im Wahlkampfendspurt in einem bestimmten Hamelner Stadtviertel noch viele Wähler mobilisieren. Denn zwischen Deisterfriedhof und Basbergstraße gingen bei der letzten Bundestagswahl 2013 sechs von zehn Wählern erst gar nicht an die Urnen. Das liegt weit unter dem Hamelner Durchschnitt. Viel Potenzial für die Parteien also? Wahrscheinlich nicht. Es liegt eher nahe, dass es am 24. September dort wieder nicht anders laufen wird. Woran liegt das überaus große Desinteresse an der Wahl? Ein Erklärungsversuch.

veröffentlicht am 06.09.2017 um 17:18 Uhr

Lars Lindhorst

Autor

Redaktionsleiter zur Autorenseite

Bei den Bundestagswahlen vor vier Jahren war die Wahlbeteiligung in ganz Deutschland schon nicht sehr hoch – ungewöhnlich niedrig sogar für eine Wahl, bei der es auch um den künftigen Regierungschef der Republik ging. Eine Chefin ist’s mit Angela Merkel (CDU) mal wieder geworden. Doch erstaunlich wenige Menschen hat das offenbar interessiert: Bundesweit lag die Wahlbeteiligung mit 71,5 Prozent auf historisch niedrigem Niveau. Hameln ist keine Ausnahme gewesen: Hier gingen stadtweit rund 69 Prozent der Wahlberechtigten in die Wahllokale. Der Blick auf die Wahlbereiche in Gertrudenstraße, Hunoldstraße und Koppenstraße sowie in der Karlstraße, Sedemünderstraße und entlang der Basbergstraße lässt in der Rückschau aber staunen: In diesen Straßen gaben nur etwa 39 Prozent der Wahlberechtigten ihre Erst- und Zweitstimmen ab. Die Abweichung vom Durchschnittwähler liegt in dem Viertel zwischen Deisterfriedhof und Basbergstraße bei etwa 30 Prozentpunkten – Werte, die Wahlanalysten sonst eher in Großstädten ausmachen.

Daten über das Wohnviertel, das vor Jahrzehnte einmal durch einen hohen Arbeiteranteil geprägt war, sind schwer zu ermitteln. Die Stadt Hameln kann auf Anfrage keine treffsicheren Aussagen zu Altersstruktur, sozialem Status oder auch Migrantenanteil in diesen speziellen Straßen machen. Teilweise, wie bei Fragen zur Anzahl von Hartz-IV-Empfängern beispielsweise, werden Daten erst gar nicht erhoben – aus Gründen des Datenschutzes, heißt es aus dem Rathaus.

Es bleibt vorerst der Feldversuch – und der lässt allenfalls erahnen, warum das Viertel so wahlmüde zu sein scheint. Angesprochen auf die Menschen in ihrem Wohnviertel sagt eine Frau, die an einer Bushaltestelle an der Sedemünderstraße auf ihrem Rollator sitzt und auf die Linie 2 wartet, ziemlich trocken: „Hier gibt es viele Asoziale und Säufer.“ Sie ist wohl etwas älter als 60 Jahre – und schüttelt leicht den Kopf, als sie über ihre Nachbarn erzählt. Oft sei lautes Geschrei aus manchen Häusern zu hören, manche Wohnungen seien in schlechtem Zustand. Die Mieten seien günstig, viele Mieter könnten dennoch ihre monatlichen Mieten nicht zahlen.

Ein anderer Anwohner sagt, dass das Viertel vor Jahrzehnten vor allem durch Arbeiter geprägt war. Hamelner Unternehmen unterhielten ganze Wohnblöcke für ihre Mitarbeiter, es mehrere Gaststätten, Lebensmittelmärkte, sogar einen Minigolfplatz. Das sei lange her. Heute lebten dort überwiegend ältere Menschen und viele Bewohner mit Migrationshintergrund.

Auf Klingelschildern an den hohen Mehrfamilienhäusern in der Koppenstraße oder in der Gertrudenstraße sind viele ausländische Namen zu lesen. Doch von dem offensichtlich hohen Migrantenanteil auf die enorme Zahl der Nichtwähler zu schließen, wäre ein falscher Schluss. Denn wahlberechtigt wären in diesem Fall nur Migranten, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft besäßen. Und diese Zahlen gibt es auf das Viertel bezogen eben nicht.

„Je prekärer die sozialen Lebensverhältnisse in einem Stimmbezirk sind, desto geringer fällt die Wahlbeteiligung aus“, schließt die Bertelsmann-Stiftung aus einer Studie zur Wahl 2013. Geringe Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit und niedriger Bildungsstand seien demnach Anzeichen für geringe Wahlbeteiligungen. Und dabei, so die Studie weiter, verweigern diese Wahlberechtigten nicht etwa aus Verdruss über Parteien und Politiker den Gang zur Urne. Sie seien schlichtweg nicht an Wahlen interessiert und hätten sich teils komplett von der Teilhabe an der Demokratie verabschiedet. In ihrer Analyse von 640 Stimmbezirken bundesweit, die große Abweichungen von den Durchschnittszahlen aufwiesen, kommen die Forscher zu dem Ergebnis: „Ungleiche Wahlbeteiligung spiegelt ungleiche Lebensverhältnisse wider.“

Die Parteien scheinen jedenfalls ihren (Wahl-)kampf in dem Viertel bereits abgeschenkt zu haben. Plakatierung? Werbung der Bundestagskandidaten? Fehlanzeige in den Straßenzügen unterm Basberg. Fast. In der Hunoldstraße gibt es wenige Ausnahmen. Dort hängen zwei Wahlplakate der Linken. Auf einem steht „Frieden“, auf dem anderen „Nähe“.

Die Frau mit ihrem Rollator sagt noch, bevor sie in den Bus steigt: „Ich habe schon gewählt.“ Briefwahlunterlagen habe sie angefordert und auch schon wieder abgegeben. „Ich bin in der DDR großgeworden. Da hat die ganze Familie immer dieselbe Partei gewählt“, erzählt sie. Bei welcher Partei sie auch bei dieser Wahl ihre Kreuze gemacht hat – das verrät sie nicht.



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