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Sozialdemokraten: Sekt statt Selters / Zitterpartie für die CDU / Verhaltene Freude bei den Linken

So feiern und trauern die Parteien

Im Laufe eines Wahlabends werden die Ergebnisse hier und dort schon auch gerne mal schöngeredet. Doch wie haben die Parteimitglieder auf die 18-Uhr-Prognose und die Hochrechnungen reagiert? Unsere Reporter waren überall vor Ort und mittendrin.

veröffentlicht am 24.09.2017 um 23:21 Uhr
aktualisiert am 25.09.2017 um 00:22 Uhr

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SPD: Die Gesichter sprechen Bände – die Fassungslosigkeit ist den Sozialdemokraten anzusehen, als sie die ersten Prognosen zum Bundestag im Fernsehen verfolgen. Doch die Stimmung schlägt eine Stunde später um, als sich immer mehr abzeichnet, dass Johannes Schraps gewinnen könnte. Die bisherige Abgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller meint schon zu diesem Zeitpunkt, den möglichen SPD-Sieg im Wahlkreis voraussehen zu können, als sie am Computer die ersten Stimmergebnisse aus dem Wahlkreis aufgelistet sieht. „Dann scheinen wir hier ja nicht so viel falsch gemacht zu haben“, zeigt sie sich erleichtert. Der Landtagsabgeordnete Ulrich Watermann analysiert die Bad Pyrmonter Wahllokale, wo er sich nun einmal auskenne. „Wenn Bad Pyrmont so abgestimmt hat, dann haben wir den Wahlkreis gewonnen“, glaubt er schon an den sicheren Erfolg. Dann, kurz nach 20 Uhr, werden die Sektgläser gefüllt, die SPD feiert Schraps bereits als Wahlsieger, auch wenn noch nicht alle Stimmen ausgezählt sind. „Absolut glücklich“ sei er, sagt der Kandidat. Und: „Mir fällt ein Stein vom Herzen“ – ein Gefühl, das wohl in diesem Augenblick viele heimische Sozialdemokraten teilen, die ihm applaudieren.


CDU: Manchen der Christdemokraten, die in der „Krone“ zur Wahlparty zusammengekommen sind, scheint bei den geschätzten CDU-Verlusten bei der ersten Wahlprognose das Salzgebäck, das gratis auf den Tischen steht, im Halse stecken zu bleiben: Schlechte Aussichten für CDU-Lokalmatador Michael Vietz, der nicht automatisch per Listenplatz abgesichert ist. Hatte der noch vor 18 Uhr versichert, nicht aufgeregt zu sein, so scheint nach der ersten Prognose seine anfangs gezeigte Gelassenheit nach eigenen Worten „doch Risse zu bekommen“. Absage für eine Fortsetzung der GroKo– „dann muss es eben mit Jamaika weitergehen“, so sein erster Kommentar.

Dann scheinen wir hier ja nicht so viel falsch gemacht zu haben.

Gabriele Lösekrug-Möller, Bisherige SPD-Abgeordnete


Die Grünen: Erleichterung und Freude: Die ersten Hochrechnungen mit 9,1 Prozent verweisen auf das zweitbeste Ergebnis seit Bestehen überhaupt. Sicher, dass es so kommt, waren sich die Mitglieder, die sich in ihrer Geschäftsstelle bei Bio-Zisch und Sekt trafen, allerdings ganz und gar nicht. Entsetzen ruft das Ergebnis der AfD hervor – auch wenn man mit einem zweistelligen Ergebnis gerechnet hatte. „Man kann nur hoffen, dass die SPD der AfD nicht die Oppositionsführerschaft überlässt, sagt Lars Reineke. Michael Maxein, Vorsitzender der Kreisgrünen, sagt auf die Frage, wie man sich künftig mit der aggressiv auftretenden AfD im Bundestag umgehen soll: „Es kommt darauf an, ob man sich jagen lässt“.

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Erleichterung: Die Sozialdemokraten feiern ihren Kandidaten mit Sekt. Es freuen sich (von links) Ulrich Watermann, Barbara Fahncke, Johannes Schraps, Gabriele Lösekrug-Möller und Dirk Adomat. Foto: cb

Die Linke: In der Hamelner Kneipe K3 bleibt die Stimmung verhalten, als Kandidatin Jutta Krellmann kurz nach 18 Uhr die ersten Prognosen verliest: Zwar rund 9 Prozent für die Linke, doch das hohe Ergebnis der AfD löst bei den Versammelten Kopfschütteln aus und drückt sichtlich auf die Stimmung. Schnell spielt das Musiker-Duo Andreas und Berko den nächsten Song, um die Live-Berichterstattung zu übertönen und die Laune der Anwesenden zu heben. „Ich bin ziemlich schockiert“, fasst Krellmann kurz darauf das Gesamtergebnis zusammen. Mit den schlechten Ergebnissen von SPD und CDU habe sie nicht gerechnet, und auch für die eigene Partei hatte sie sich ein besseres Ergebnis gewünscht. „Wir haben versucht, die Menschen für links zu begeistern und ihnen eine Alternative zu bieten. Das hat offensichtlich nicht geklappt.“


FDP: Freude bei der FDP: „Das ist gut, sehr gut“, so die einhellige Meinung, als die Freien Demokraten bei der Dewezet-Wahlparty die erste Hochrechnung sehen – zehn Prozent auf Bundesebene für die Liberalen. Große Jubelschreie bleiben allerdings aus, ließen die Prognosen doch schon darauf schließen, dass die FDP gut abschneiden wird. Die sich auf Bundesebene abzeichnende Koalition mit CDU und Grünen werten die heimischen FDP-Mitglieder zwar als Herausforderung – besonders die Abstimmung mit den Grünen werde nicht einfach – aber „es gibt keine andere Möglichkeit, als diesem Wählerwillen jetzt nachzukommen“, meint Heinrich Fockenbrock, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag Hameln-Pyrmont.

Dann muss es eben mit Jamaika weitergehen.

Michael Vietz, CDU-Direktkandidat

AfD: Als der AfD in der Prognose im Fernsehen ein Wahlergebnis von 13,5 Prozent vorhergesagt wird, brandet Jubel auf. „Und da kommt noch was drauf“, ist die Erwartung der Parteimitglieder, „da sind die Briefwahlstimmen noch nicht mit dabei.“ Dass sich im Hotel Mercure nur ein kleines Häuflein AfD-Mitglieder versammelt hat, um den Wahlsieg ganz spartanisch zu feiern, erklärt der AfD-Kreisvorsitzende Manfred Otto damit, „dass von uns viele Wahlbeobachter unterwegs sind – aus gutem Grund“, wie er hinzufügt. Und noch einmal kommt Jubel auf, als Alexander Gauland im Fernsehen verkündet: „Die neue Regierung muss sich warm anziehen. Wir werden sie jagen.“ Den Erfolg ihrer Partei erklärt sich das Vorstandsmitlied Annemarie Knoke so: „Wir haben im Wahlkampf als einzige Partei die Anliegen der kleinen Leute ernst genommen und sie thematisiert.“


Piraten: Kandidat Hermann Gebauer ist die Enttäuschung anzusehen. Er sei extra in seine Hamelner Heimat zurückgekommen, um etwas zu verändern – doch bei dem Ergebnis von unter einem Prozent der Erststimmen „frage ich mich, ob sich das überhaupt gelohnt hat“. Dennoch kann er sich das Ergebnis erklären: Er sei fast nie zu öffentlichen Wahlveranstaltungen eingeladen worden und habe so gar keine Möglichkeit gehabt, sich im Landkreis bekanntzumachen. „Ich bin quasi totgeschwiegen worden“, bedauert er.



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