weather-image
25°
×

Das geteilte Dorf entscheidet doppelt

Reine erlebt Wahlkampf im Doppelpack

REINE. Reine ist ein geteilter Ort: Die eine Seite gehört zu Niedersachsen, die andere zu Nordrhein-Westfalen – und auf Letzterer gibt es kein einziges Plakat, das für die Bundestagswahl wirbt. „Die haben uns wohl vergessen“, glaubt Rolf Wilmsmeier, der auf der lippischen Seite von Reine zu Hause ist.

veröffentlicht am 07.09.2017 um 12:40 Uhr
aktualisiert am 07.09.2017 um 15:40 Uhr

59.225-02

Autor

Reporterin

Bereits seit Wochen richtet sich der Blick auf die Bundestagswahl am 24. September, bei der es für viele Bewerber um nicht Weniger als um den Einzug in beziehungsweise den Verbleib im Bundestag in Berlin geht. Die deutsche Hauptstadt hat ihre 42-jährige Teilung in West- und Ost-Berlin nun bereits seit über einem Vierteljahrhundert überwunden, das Dorf Reine hingegen wird seit jeher von einer innerdeutschen Grenze durchzogen, allerdings ohne Mauer und Stacheldraht, sieht man einmal von den Grundstückseinfriedungen ab.

Die eine Hälfe des Dorfes gehört zu Niedersachsen, die andere zu Nordrhein-Westfalen. In dem idyllischen Ort trifft der Landkreis Hameln-Pyrmont auf den Kreis Lippe, oder umgekehrt, je nach dem, aus welcher Richtung man das Bergdorf ansteuert. Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass trotz der lediglich etwas über 90 Wahlberechtigten auf beiden Seiten des nicht vorhandenen Schlagbaums zumindest plakativ Wahlkampf betrieben wird, damit die Lipper Bevölkerung am Wahlsonntag die Urne in Bösingfeld mit ihren Stimmzetteln füllt und der niedersächsische Teil der Bewohner den Urnengang in Richtung Reinerbeck antritt.

Der kleine Ort verfügt nämlich über kein eigenes Wahllokal mit lediglich getrennten Urnen, wie man irrtümlich annehmen könnte. Wer von den Einwohnern Reines vorab auf Nummer sicher gehen will – schließlich weiß man nie, was am Wahlsonntag alles so dazwischenkommen könnte – und seine Stimme per Briefwahl abgeben möchte, kann dies auf niedersächsischer Seite im Rathaus in Aerzen beantragen. Für die nordrhein-westfälischen Briefwähler aus Reine ist das Extertaler Rathaus in Bösingfeld zuständig.

Das Lippische Reine gehört zum Wahlkreis 135 Lippe I und hier werben Kerstin Vieregge (CDU), Henning Welslau (SPD), Ute Maria Christine Koczy (Grüne), Ursula Karolina Jacob-Reisinger (Die Linke) Christian Sauter (FDP), Olaf Tünker (AfD) und Monika Prüßner-Claus (Freie Wähler) um die Wählergunst.

Auf der niedersächsischen Seite, im Wahlkreis 46 Hameln-Pyrmont-Holzminden, haben die Wähler ebenfalls die Möglichkeit, ihr Kreuz hinter einem von insgesamt sieben Kandidaten zu setzen: Zur Wahl stellen sich Michael Vietz (CDU), Johannes Schraps (SPD), Ute Martha Michel (Grüne), Jutta Krellmann (Die Linke), Klaus-Peter Wennemann (FDP), Armin-Paulus Hampel (AfD) und Hermann Gebauer (Piraten).

Bei der doppelten Anzahl von Kandidaten, die auf Stimmenfang gehen, müssten demnach doch auch doppelt so viele Wahlplakate aufgehängt werden, oder nicht?

Wir schauen nach: Reine hat diverse Straßenlaternen, Schildermasten und ähnliches. Also eigentlich ausreichend Platz für die Parteien, die Konterfeis ihrer Kandidaten aufzuhängen und plakativ in den Wahlkampf einzusteigen.

Gleich am Ortseingang von Reine grüßt von der linken Seite Johannes Schraps vom SPD-Wahlplakat die Ankommenden aus Richtung Reinerbeck und jeden Morgen auch Ewald Rose. „Wenn ich aus der Haustür trete, fällt mein Blick immer gleich auf das Plakat“, berichtet der Niedersachse.

Rund 100 Meter weiter auf der rechten Seite hat das Plakat der CDU mit Michael Vietz einen ebenfalls gut sichtbaren Platz gefunden. Nach nur wenigen Schritten die nächsten Schilder, allerdings markieren diese nur das Ende des einen beziehungsweise den Anfang des anderen Bundeslandes.

Und nun, jenseits der niedersächsischen Landesgrenze? Kein weiteres Wahlwerbeplakat ist weit und breit zu sehen. Man könnte meinen, auf der nordrhein-westfälischen Seite von Reine findet gar kein Bundestagswahlkampf statt. „Die haben uns wohl vergessen“, hat Rolf Wilmsmeier den Eindruck, der auf der lippischen Seite von Reine zu Hause ist.

Dabei sollten die Extertaler aus der Bürgermeisterwahl 2015 die Erfahrung gemacht haben, dass am Ende jede Stimme zählt. Mit einer knappen 55 Stimmen-Mehrheit konnte sich damals SPD-Kandidatin Monika Rehmert gegen den von der CDU ins Rennen geschickten Ulrich Hilker durchsetzen. „Die Lipper wissen, was sie wählen wollen – auch ohne Plakate“, erklärt Rolf Wilmsmeier.

Dennoch suchen wir jetzt gemeinsam zu dritt weiter nach Wahlkampfspuren, nachdem sich die Ausfallstraße in Richtung Extertal plakatfrei präsentiert. Das Kameradschafts-Vereinsheim, der gemeinsame Dorfmittelpunkt und in der Vergangenheit bereits Treffpunkt der beiden benachbarten Landräte Tjark Bartels (Hameln-Pyrmont) und Friedel Heuwinkel (Lippe), ist bisher ebenfalls der Plakatierung entgangen. Und auch wenn man dem abschüssigen Straßenverlauf Richtung Sonneborn bis zum Ortsschild folgt, strahlt einem kein einziges Kandidatengewinnerlächeln entgegen.

Sind die Bürger auf der lippischen Seite von Reine überhaupt berechtigt, an der Bundestagswahl teilzunehmen? Rolf Wilmsmeier schwenkt seine Wahlbenachrichtigung im DIN A4-Format. Soviel scheint klar: Ob mit oder ohne Wahlplakate, ihre Stimme dürfen die 93 Wahlberechtigten aus Reine diesseits und jenseits der Landesgrenze abgeben, denn auch Ewald Rose fand seine Benachrichtigung, die allerdings deutlich kleiner ausfällt, als die der Nachbarn jenseits der Landesgrenze, unlängst in seinem Briefkasten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt