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Wünsche an die neue Regierung

Her mit dem Job, weg mit Sanktionen

HAMELN. Wir haben zwei Hartz-IV-Empfänger gefragt, was sie sich von der neuen Bundesregierung wünschen würden. Die Antwort ist deutlich: einen Arbeitsplatz. Keinen Minijob, keine Leiharbeit, keinen befristeten Vertrag. Solange das nicht funktioniere, wünschen sie beide zumindest die Abschaffung „demütigender Sanktionen“.

veröffentlicht am 18.09.2017 um 14:52 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Die sind nur zu faul. Oder: Mehr Geld geben die nur für mehr Kippen und Alkohol aus. Das sind Sätze, die vielen Hartz-IV-Empfängern nicht unbekannt sind. Das tut weh. Denn viele wünschen sich nichts inniger, als eine Veränderung ihrer Lebensverhältnisse. Vor allem, wenn es um einen Arbeitsplatz geht.

Wir haben zwei Hartz-IV-Empfänger gefragt, was sie sich von der neuen Bundesregierung wünschen würden, die am Sonntag gewählt wird. Die Antwort von Bernd Reinert und Maria P. (Name von der Redaktion geändert) ist deutlich: einen Arbeitsplatz. Und zwar einen richtigen. Keinen Minijob, keine Leiharbeit, keinen befristeten Vertrag. Solange das nicht funktioniere, wünschen sie beide zumindest die Abschaffung „demütigender Sanktionen“, durch das Jobcenter. Maria P. , würde ein bedingloses Grundeinkommen begrüßen, Bernd Reinert zumindest eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze.

Die beiden Hamelner gehören nicht zu denen, die das Jobcenter in der Kategorie „Vermittlungs-Erfolg“ verbuchen kann. Obwohl sich diese, dem bundesweiten Trend folgend, auch in Hameln-Pyrmont vermehrt abzeichnen. Insbesondere die Zahl der Kunden, die vom Jobcenter als „arbeitsmarktfern“ eingestuft werden, ist gesunken. Im Zeitraum von 2007 bis 2017 von 5302 auf 3607. Fakt ist aber auch, dass der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in Hameln höher ist als im Rest des Landes und über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Bei Maria und Bernd hat es noch nie mit einer Vermittlung in einen längerfristigen Job geklappt. Und das, obwohl sich im Jobcenter schon einiges verbessert habe, wie Bernd Reinert einräumt. Aber nicht genug. Der 56-Jährige ist seit 2004 auf der Suche nach einer Anstellung. Dabei kann er eine ganze Menge: Er hat bei der Bank (BHW) gelernt, Betriebswirtschaft studiert und eine Ausbildung als Steuerfachangestellter gemacht. Das Studium hat er nicht abgeschlossen, weil er schwer krank wurde: Tuberkulose. Das hat ihn aus der Bahn geworfen. Aber Reinert rappelt sich, arbeitet einige Jahre als Steuerfachangestellter, dann bei einer Bank. Als er nach dem Tod seiner Mutter um ein halbes Jahr Auszeit bittet, lehnt die Bank ab, „man wolle keinen Präzedenzfall schaffen, hieß es“, so Reinert. Er geht trotzdem. „Vielleicht der Fehler meines Lebens.

Danach wird es schwierig. Sein größtes Problem sei es immer gewesen, sich bei Vorstellungsgesprächen gut zu verkaufen, sagt Bernd, er sei ein introvertierter Mensch. Deshalb wollte er vom Jobcenter ein Coaching. Dort habe man aber zunächst seine Bewerbungsunterlagen „auf Vordermann gebracht“, auf den Termin beim Coach habe er ein Jahr gewartet. Reinert wünscht sich beim Jobcenter eine weniger technokratische Beratung, dafür mehr Koordination und eine noch passgenauere Betreuung, die den Menschen in den Blick nimmt. Außerdem seien die Mitarbeiter zum Teil nicht gut ausgebildet, kritisiert er.

Auch bei Maria hat es mit der Vermittlung im Jobcenter nicht gut funktioniert. „Meist waren es Minijobs“, sagt sie. Ist man übers Jahr verteilt als Minijobber, Leiharbeiter oder befristeter Arbeitnehmer beschäftigt, gilt man auch als vermittelt. Forscher haben diese Schwachstelle ebenfalls erkannt. „Die Quote gibt nicht an, ob sich die Arbeitskraft im gleichen Arbeitsverhältnis befindet wie bei der Einstellung“, sagt Lena Becher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung, gegenüber dem Recherchenetzwerk Correctiv. So könne ein Betroffener laut Statistik zwar als nachhaltig integriert gelten, zwischen zwei Arbeitsverhältnissen aber monatelang arbeitslos gewesen sein. Möglicherweise gibt es die passenden Jobs hier gar nicht, vermutet Bernd Reinert.

Dennoch hätte er einige Ideen, um das Miteinander von Hartz-IV-Empfängern und Jobcenter-Mitarbeitern zu erleichtern. Eine unabhängige Erwerblosenberatung würde er gut finden. Weil sie ein niederschwelliges Gegengewicht zum Bürokratiemonster Jobcenter wäre, in das sich viele immer noch nicht hineintrauten. Wichtig wäre auch ein Jobcenter-Beirat, in dem Betroffene mitreden könnten. Hier sei ein Hebel, an der die Politik ansetzen könnte – egal auf welcher Ebene. Sein allergrößter Wunsch wäre allerdings, dass die Wirtschaft sich öffnet und den Leuten wie ihm eine Chance gibt. Das sieht auch Lena Becher so: Sie plädiert dafür, Hartz-IV-Empfänger besser zu unterstützen und in florierende Wirtschaftszweige zu vermitteln.

Hürden auf dem Weg in einen guten Job gibt es für Hartz-IV-Empfänger viele. Die eigene Geschichte spielt meist eine Rolle, aber nicht nur. Das Jobcenter kommt bei seiner Aufgabe, die Hilfebedürftigkeit bei Arbeit oder Ausbildung zu überwinden, bei den beiden Befragten nicht gut weg. Auch Maria fühlt sich von einer Chance weit entfernt. Die 23-Jährige hat Fachabitur und sucht eine Ausbildung, die zu ihr passt, am liebsten im Bereich Medien. Weil die noch nicht gefunden ist, lebt sie abwechselnd von Hartz-IV und Minijobs. Bei der Suche nach Ausbildung oder Praktikum sei das Jobcenter keine Hilfe gewesen, sagt sie. Alle Stellen, die in Richtung echter Interessen ging, habe sie sich selbst besorgt. Für ein einjähriges Praktikum im Bereich Journalismus habe sie beim Jobcenter kämpfen müssen. „Eigentlich durfte ein Praktikum nicht länger als vier Wochen dauern, im Regelfall sogar nur zwei Wochen, da ich in dieser Zeit nicht für anderweitige Vermittlungen zur Verfügung stünde“, sagt sie. Weitermachen durfte sie nach viel Hin und Her nur, weil ihr damaliger Freund eine Arbeitsstelle fand und sie fortan in einer Bedarfsgemeinschaft lebte. Eine gemeinsame Krankenversicherung ist in dieser Art Gemeinschaft allerdings nicht möglich. Also hat Maria sich selbst krankenversichert und Schulden gemacht, um das schmale Gehalt und die Beziehung zum Partner nicht zu belasten. Diese Altlasten drücken heute noch. Die Abschaffung der Bedarfsgemeinschaft ist deshalb etwas, dass bei ihr auf der Wunschliste für die neue Regierung ebenfalls ganz oben steht.



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