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2013 flogen die Liberalen aus dem Bundestag – in dem kleinen Dorf erhielten sie nicht eine einzige Stimme

FDP stürzt in Brockensen ins Bodenlose

BROCKENSEN. Wenn die Liberalen die Bundestagswahlen 2013 deutschlandweit als historisches Debakel erlebt haben, dann dürften sie für ihr Stimmenergebnis in dem kleinen Emmerthaler Dorf Brockensen keine Worte finden. Dort erlebte die Partei den absoluten Absturz – von 11,66 auf null Prozent. Ein Deutungsversuch

veröffentlicht am 08.09.2017 um 16:12 Uhr
aktualisiert am 08.09.2017 um 17:10 Uhr

Christian Branahl

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Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Vor vier Jahren flog die FDP aus dem Bundestag, gab es am Wahlabend in Berlin nach 14,6 Prozent deutschlandweit im Jahre 2009 mit einem Ergebnis unter fünf Prozent lange Gesichter – und später Rücktritte an der Parteispitze. Und in Brockensen? Der Absturz. Nachdem 2009 noch 11,66 Prozentpunkte für die FDP standen, gab es vier Jahre nicht eine einzige Stimme – die Null-Prozent-Partei im Ilsetal.

Kennt der heimische Kandidat Klaus-Peter Wennemann Brockensen? Na klar, antwortet er wie aus der Pistole geschossen – und selbstverständlich hänge dort auch ein Wahlplakat von ihm, sei zumindest so geplant. Obwohl: „Klassische CDU-Hochburg“, weiß der FDP-Kandidat aus Hameln. Und im Wahlkreis gebe es „einige weiße Flecken“, wo die Partei nicht viel zu holen habe.

Aber null Prozent? Wo mag dort nur die Enttäuschung der Einwohner gelegen haben, von denen wohl nur wenige der klassischen FDP-Klientel angehören dürften? Selbstständige und Besserverdienende, typische Wähler der Liberalen, sind in der ländlichen Region des Ilsetals wohl nicht überrepräsentiert.

Die Wahl sei schwer zu analysieren gewesen, doch bundesweit auffällig gewesen, dass viele FDP-Sympathisanten ins Lager der Nichtwähler gewechselt seien – und die ließen sich auch leichter zurückgewinnen, macht Wennemann sich Hoffnung für den nächsten Urnengang. Dumm nur: Die Wahlbeteiligung zeigte im Vergleich (2009: 74,07 Prozent; 2013: 74,35 Prozent) sogar einen leichten Anstieg in Brockensen.

Wie Wennemann weiß auch Reinhard Feyer, welche ein schwieriges Pflaster die Gemeinde Emmerthal und dabei besonders die Dörfer für die FDP ist. Fehlende Mitglieder, kaum Parteistrukturen – Feyer, der im Nachbardorf Börry wohnt, kennt das aus seiner aktiven Zeit als Liberaler. Splitterpartei, quasi. Feyer gehörte als FDP-Einzelkämpfer dem Gemeinderat an, bis er 2011 aus der Partei austrat und zu den Sozialdemokraten wechselte. Zuvor war er im Bundestagswahlkampf 2009 noch in Brockensens wenigen Straßen unterwegs (Feyer: „Natürlich gibt es Häuser, bei denen ich wusste: Da muss ich nicht hin“), um für die FDP zu werben, was er vier Jahre später, inzwischen mit SPD-Parteibuch, verständlicherweise unterließ. „Das ist meine einzige Erklärung“, sagt der Kommunalpolitiker. Man müsse schon Flagge vor Ort zeigen.

Natürlich war damals Brockensen mit gerade einmal 78 Wahlberechtigten den Liberalen auf Bundesebene um Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle – wer erinnert sich noch an sie? – ebenso unbekannt wie gleichgültig. Sie übernahmen aber nach dem Desaster die Verantwortung dafür, dass erstmals seit Gründung der Bundesrepublik im Jahre 1949 die Liberalen nicht mehr im Bundestag sitzen.

Wie die Wähler in zwei Wochen das neue FDP-Führungspersonal um Christian Lindner bewerten? Ortsbürgermeister Rolf Keller kann es natürlich nicht wissen. Aber der CDU-Politiker aus dem Ilsetal glaubt zumindest, einige besondere Eigenarten der Einwohner von Brockensen zu kennen. Sehr pflichtbewusst seien sie, was nicht nur bei der kleinen Feuerwehr, der eigentlich aus fast jeder Familie jemand angehöre, deutlich werde. Traditionell hohe Wahlbeteiligung bei starker CDU-Ausprägung, weiß er. Aber die Brockenser, denen Keller „großes politisches Interesse“ bescheinigt“, würden sehr stark auf die Person achten. „Die schauen sich Spitzenkandidaten genau an“ – das könne auch schon mal zugunsten der SPD ausfallen. Als Beispiel nennt er eine Bürgermeisterwahl, bei der er übrigens nicht angetreten sei. Nur die FDP habe es schwer, auch wenn Keller sich den drastischen Absturz von 11,66 auf null Prozent innerhalb von vier Jahren nicht erklären kann.

Letztendlich, das sagt aber die Statistik, gaben in dem kleinen Dorf dann doch nur sieben Wähler dafür den Ausschlag. Ob bis zum Tag der Bundestagswahl am 24. September die Liberalen aber wieder in der Gunst steigen und einen Stimmungswechsel in Brockensen erleben, soll leider ein Geheimnis bleiben. Es gibt für das Dorf erstmals kein eigenes Wahllokal mehr, da nun ein neuer Wahlbezirk mit dem ebenfalls kleinen Ort Frenke in der Statistik auftaucht. Es sind halt zu wenige Wähler in den beiden Dörfern.



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