weather-image
24°
×

„Wir haben doch schon genug Ärger“

Der Wahlabend in Hamelner Kneipen

HAMELN. 18 Uhr in der Raucherkneipe „Leierkasten“: Das Licht ist gedimmt. Viele Besucher sind nicht da. Fünf Gäste haben am Wahlabend in die Kneipe gefunden, drei davon sitzen am Tresen vor ihrem Bier. Es riecht nach Zigarette.

veröffentlicht am 24.09.2017 um 23:09 Uhr
aktualisiert am 24.09.2017 um 23:50 Uhr

Johannes Jordan

Autor

Reporter

Auf dem Fernseher hinter dem Tresen läuft Fußball. Der HSV spielt gegen Bayer Leverkusen. Am Bildschirmrand rollen die ersten Hochrechnungen der Wahl durchs Bild. Die 13 Prozent der AfD überraschen hier niemanden. „Dass die so viele Stimmen haben, liegt an den vielen Protestwählern dieses Jahr“, sagt Frau am Tresen. „Die ziehen sich durch alle Schichten. Was man so in den Kneipen und aus dem Freundeskreis hört, wollten einige damit den großen Parteien mal ‚den Finger‘ zeigen.“ Sie selber ist aber überzeugt, dass das der komplett falsche Weg sei. „Wir haben doch schon genug Ärger mit Trump, Erdogan und Konsorten. Da sollte man eine demokratische, vernünftige Partei wählen.“ Mit ihr am Tresen sitzt Manfred Paulat. Der 65-jährige Hamelner ist seit 46 Jahren SPD-Mitglied und hat das rote Parteibuch immer bei sich. „Wie man die AfD wählen kann, leuchtet mir nicht ein“, erklärt Paulat. Seiner Meinung nach ist das Wahlergebnis bedenklich. „Es ist zwar so gekommen, wie es zu erwarten war, traurig ist es jedoch allemal. Dass eine Partei, die mit der Angst der Leute Politik macht, so viel Zuspruch erhält, ist gefährlich.“

Als klaren Verlierer der Wahl sieht er seine SPD. Der Koalitionspartner sei einem stimmenmäßig davongelaufen, obwohl man in der gemeinsamen Legislaturperiode der SPD die größten Erfolge zu verdanken hätte. „Mietpreisbremse und Mindestlohn gehen beide auf das Konto eines SPD-Ministers.“ Die Bundeskanzlerin hingegen hätte „nur moderiert und keine Politik gemacht“, lautet das harte Urteil von Manfred Paulat. „Manni, das ist jetzt aber nicht fair. Politik hat die Frau schon gemacht“, entgegnet ihm die Dame am Tresen. Paulat nickt kurz und nippt an seinem Bier.

Im „Altstadt-Plaka“ möchten die Gäste nicht über Politik reden. Das 0:0 zwischen 96 und Köln erscheint den meisten hier interessanter. „In den letzten Tagen ging es durchgängig um die Wahl. Ich habe keine Lust, mich dazu zu äußern“, erklärt uns ein Gast.

SPD-Mitglied Manfred Paulat sitzt vor seinem Bier im „Leierkasten“: Er findet es bedenklich, „dass eine rechte Partei wie die AfD drittstärkste Kraft im Bundestag werden konnte“. Foto: jj

Eine Straße weiter in der Kneipe „Alte Post“ sitzen Peter und Alex. Die beiden sind in Hameln geboren und aufgewachsen. Während Alex hier geblieben ist, zog es Peter in die Schweiz. Alex zeigt sich zufrieden mit dem Wahlergebnis. „Das geht schon in die richtige Richtung. Merkel hält sich für den absoluten Alleinherrscher. Jetzt bekommt sie zunehmend Gegenwind. Mit der AfD haben wir nun eine vernünftige Opposition im Bundestag.“ Eins stört den 60 Jahre alten Bauarbeiter an der Wahl: „Ich musste mich nicht verifizieren. Meine Wahlbenachrichtigung hat den Wahlhelfern genügt. Meinen Personalausweis wollte niemand sehen. Ohne eine ausreichende Verifizierung ist die Wahl doch anfällig für Manipulationen.“ Peter stimmt ihm zu: „Es wird überall versucht zu betrügen, wieso nicht auch bei der Wahl?“ Alex fordert: „Wir brauchen mehr Wahlbeobachter, damit alles mit rechten Dingen zugeht.“

Hinter den beiden fragt ein Mann: „Warum soll ich wählen, wenn sich sowieso nichts ändert? Die Politiker halten sich nie an ihre Wahlversprechen.“ Alex nimmt darauf Bezug: „Das läuft falsch in der Politik. Niemand muss für seine Versprechen einstehen. Politiker müssen nach Fehlern mehr in die Mangel genommen werden.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt