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Landwirtsfamilie wünscht sich von der Politik mehr als nur Lippenbekenntnisse

Damit kleinere Höfe eine Zukunft haben

REINERBECK. Die Schweinehaltung? Nahezu aufgegeben. Das Milchvieh? Eine ungewisse Zukunft. Die Arbeit am Schreibtisch? Nimmt immer mehr zu. Familie Sauermann, die einen landwirtschaftlichen Hof betreibt, hält sich trotzdem zurück mit Kritik. Dennoch wünscht sie sich mehr politische Unterstützung für kleinere Betriebe.

veröffentlicht am 19.09.2017 um 16:42 Uhr
aktualisiert am 19.09.2017 um 19:00 Uhr

„Man muss eine Nische finden“: Noch befindet sich Steffen Sauermann in der Ausbildung, doch für seine Zukunft auf dem elterlichen Hof stellt er bereits die Weichen für die Direktvermarktung. Besonders gefragt: die Eier der 230 Hühner, hier vor dem Mo
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Familie Sauermann stimmt nicht mit ein in das Wehklagen, auch wenn sie seit Jahren die Folgen der Politik für ihren landwirtschaftlichen Betrieb in Reinerbeck zu spüren bekommt. Eher schwingt der Stolz mit, seit Generationen den Hof zu bewirtschaften, obwohl sie der Strukturwandel immer wieder trifft. Die Schweinehaltung mit 58 Tieren, mit denen sie früher Schlachthöfe belieferten, haben sie vor wenigen Jahren nahezu aufgegeben. „Weil es sich nicht mehr gerechnet hat“, sagt Landwirt Friedrich Sauermann, der seit 1988 den Hof führt. Noch einmal investieren? Kam nicht in Frage. Geblieben sind lediglich 15 Schweine, deren Fleisch für die Direktvermarktung vorgesehen ist. Und die rund 30 Milchkühe? Ihre Zukunft ist ungewiss – die Forderungen von Politik und Handel seien kaum noch zu erfüllen, sagt er. Kritik an Politikern, am Handel, am Verbraucher? Fehlanzeige. Eher Verwunderung, manchmal Unverständnis, die mitklingen bei der Familie, die sich als Landwirte mit Leib und Seele verstehen. Mit Leidenschaft halt, wie sie sagt.

Mit dem 20-jährigen Steffen Sauermann, noch in der Ausbildung, könnte die Nachfolge geregelt sein. Warum sieht er seinen Beruf trotz aller Probleme in der Landwirtschaft? „Mut und Dummheit“, lacht der Junglandwirt, der schon als Zehnjähriger auf dem Trecker saß und strahlt Optimismus aus. „Etwas anderes kam für mich nie in Frage.“ Ohne Zweifel: Der Auszubildende glaubt an die Zukunft der Landwirtschaft, baut jetzt schon die Direktvermarktung aus. „Man muss eine Nische finden“, sagt er.

Die Familie passt nicht in das Bild einer Lobby, die lautstark die Interessen der Landwirtschaft gegenüber der Politik vertritt wie beispielsweise der Deutsche Bauernverband. Nicht nur bei lang anhaltender Trockenheit macht der Vertreter von 300 000 Landwirten und ihren Familien auf Ernteausfälle plakativ aufmerksam oder beklagt mögliche Einbußen bei einem verregneten Sommer. Zur Bundestagswahl veröffentlichte der Bauernverband seine Kernanliegen an die Politik – auf insgesamt stolzen 28 Seiten. „Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Verbrauchern sowie Bereitschaft zu Veränderung und Weiterentwicklung sind Kernpunkte unseres Leitbildes.“ Das betonte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, anlässlich des vom Präsidium verabschiedeten Forderungskatalogs. „Damit Weiterentwicklung leistbar ist, brauchen die Landwirte jedoch die Unterstützung der Politik – und vor allem Verlässlichkeit und einen fairen Dialog auf Augenhöhe.“ Unterschiedlicher könnte die Klientel des Verbandes kaum sein. Er vertritt die Branche vom kleinen Hof mit weniger als fünf Hektar Fläche über Bio-Landwirte bis hin zum Agrarbetrieb mit Tausenden von Tieren in den Ställen. Die Konzentration nimmt weiter zu. Laut Verband sank die Zahl der Betriebe zwischen 2007 und 2016 um 46 200 auf 275 400. Das Höfesterben setzt sich fort.

Wenn Familie Sauermann über die Situation der Landwirtschaft spricht, dann versuchen Eltern und Sohn eher eine vorsichtige Analyse über Ursache und Wirkung bei ihrem Betrieb. Einen Ordner holt der Vater hervor, der das Punktesystem zur gentechnikfreien Fütterung der Kühe ausführlich beschreibt. Selbst Discounter geben den Molkereien inzwischen vor, dass sie gentechnikfreie Milch liefern müssen. Einen Cent pro Liter erhalten die Bauern zusätzlich. Gentechnikfreie Milch? Es liegt im Futter begründet, das Sojaschrot enthält. Während der Anbau von gentechnisch verändertem Mais oder Soja in den EU-Ländern verboten ist, dürfen sie als Futtermittel importiert werden. Ein Punkt, über den sich viele Konsumenten wohl keine Gedanken gemacht haben dürften.

Natürlich sieht die Reinerbecker Landwirtsfamilie aus eigenem Interesse das Umdenken positiv, schließlich profitiere letztlich die gesamte Branche. „Möglichst nachhaltig, umweltschonend“ wirtschaften, „besonders auf eine bedarfsgerechte Düngung und einen wohlbedachten Pflanzenschutzaufwand“ achten, sei stets die Devise für sie gewesen. Doch für den kleinen Betrieb sei die „Arbeit am Schreibtisch“ immer belastender. „Der Verwaltungsaufwand hat sich vervielfacht“, zeigt Friedrich Sauermann auf den Ordner, der allein für die gentechnikfreie Milch notwendig sei.

Ein Ordner von vielen im bürokratischen Alltag. Der Aufwand für seine 30 Milchkühe sei ebenso hoch wie für einen Betrieb mit Hunderten von Tieren. Und er kann immer noch nur mit dem Kopf schütteln, als zwei neue Ersatzohrmarken beantragt werden mussten. Es ging um Beträge zwischen fünf und zehn Euro. Ein achtseitiger Brief, der neue EU-Regeln erklärte, plus Formular für das Lastschriftverfahren. „Da gehen Sonntage drauf“, sagt er.

Die Familie kommt ins Diskutieren, kann selbst nicht Ursachen und Wirkungen klar definieren. „Die Politiker sagen, sie wollten die kleinen Höfe unterstützen“, sagt Ehefrau Susanne Sauermann. „Den Worten würden aber keine Taten folgen.“ Wenn es um die Politik geht, ist ihr Mann zwiegespalten. „Der Handel entwickelt sich zur zweiten Macht im Staat“, glaubt er inzwischen, dass die Mandatsträger immer weniger steuern könnten. Ganz deutlich sei es spürbar gewesen, als die Milchpreise in den Keller gingen. „Die große Politik reagiert für uns zu langsam“, habe nur von einer Delle gesprochen, nachdem die Milchquote abgeschafft worden sei. Von wegen. Sieben, acht Monate lang ging dem Hof Geld verloren, wie Friedrich Sauermann in Erinnerung ruft.

Kapital, das an anderer Stelle erwirtschaftet werden müsse oder die Reserven abschmelzen lasse. „Es muss sich rechnen“ – ein Satz, der oft im Gespräch fällt. Eine große Investition? Dafür fehle die Planungssicherheit, das Risiko sei unkalkulierbar. Der Nachwuchslandwirt weiß von einem Kollegen, der in die Pleite rutschte, nachdem die Schulden für einen neuen Stall nicht mehr beglichen werden konnten.

Auch der Reinerbecker Hof stand vor der Frage, wie es mit den Milchkühen weitergehen könnte. Die sogenannte Anbindehaltung steht vor dem Aus. Obwohl noch nicht gesetzlich verboten, würden die Molkereien immer weniger Milch von Kühen annehmen, die ganzjährig oder zeitweise im Stall angebunden würden. Der Trend geht zu Boxenlaufställen, in denen sich die Tiere frei bewegen können. Nur: Auf die Weide kommen sie dann nicht mehr unbedingt. Bei Sauermanns ist das aber noch der Fall. Im Sommer könnten sie dort weiden, würden abends zum Melken in den Stall kommen.

Aber sind die Boxenlaufställe nun wirklich so tierfreundlich? Im Landkreis Nienburg hagelte es jüngst heftige Kritik, wo über einen Bauantrag für einen Milchviehstall, der 2000 Kühen und 1000 Kälbern Platz bieten soll, beraten werden sollte.

„Das Bild von der Landwirtschaft mit weidenden Kühen gehört immer mehr der Vergangenheit an“, sagt Susanne Sauermann. Obwohl die Reinerbecker Kühe wenigstens ab und wann frisches Gras unter freiem Himmel bekommen, fällt ihre Punktzahl beim Milchpreis. „Das empfinde ich als ungerecht“, sagt Steffen Sauermann. Die Politik sei darauf ausgelegt, die großen Betriebe zu fördern – „die kleinen fallen raus“. Diese Entwicklung wolle er nicht mitgehen. Aus Prinzip, wie er sagt, um nicht auf Masse zu setzen. „Wir wollen keine großen Ställe, weil sie aus meiner Sicht nicht artgerecht sind.“ Auf dem Hof der Familie hätten die Kühe noch Namen, keine Nummern. Der Junior-Landwirt nennt ein Beispiel. Vor kurzer Zeit hätte eine Kuh Zwillinge bekommen. Eines der Kälber hätte er mühsam aufpäppeln müssen – und wollen. In Geld dürfe man das nicht rechnen. „Was mit dem Tier wohl in einem Großbetrieb passiert wäre?“, fragt er.

Bis sein Vater in Rente gehe, könnten die Milchkühe vielleicht bleiben. Und dann? Ein Biobetrieb komme nicht in Frage, da die landwirtschaftlichen Flächen nichts ausreichten. Auf Masse setzen? Das entspreche nicht dem eigenen Berufsbild. Der Sohn hat für sich schon längst entschieden: Er setzt auf Direktvermarktung als ein Standbein – ohne Handel, frisch ab Hof.

Die ersten Versuche ermutigen ihn: Seit zwei Jahren gibt es den Milchautomaten, bei dem sich Kunden rund um die Uhr bedienen können, hinzu kommt Rind- und Schweinefleisch aus eigener Aufzucht. Inzwischen verfügt der Junglandwirt über einen Mobilstall für 230 Hühner. Freilandeier seien gefragt, seit dem Fipronil-Skandal könne er der Nachfrage kaum mehr entsprechen. Außerdem sei das erste Erdbeerfeld bepflanzt, auch über Gemüse denke er nach. Der Markt sei da, weiß er von zufriedenen Kunden. Da komme sogar ein Hamelner regelmäßig, um sich einige Liter Milch zu holen. Für Steffen Sauermann bleibt schließlich nur die Verwunderung über manche andere Verbraucher. 500 Euro für ein Handy seien für sie selbstverständlich – „und ich traue mich nicht, fünf Cent mehr für ein Ei zu nehmen“.

„Wir machen das Wichtigste auf der Welt: Wir produzierennämlich Lebensmittel“, glaubt der 20-Jährige, dass er den richtigen Berufsweg eingeschlagen hat. Handel, Verbraucher und Politik müssten aber klar vorgeben, was sie wollten. Steffen Sauermann: „Ich würde gerne einem Minister unseren Hof zeigen und dann von ihm wissen: Will er lieber kleinere Familienbetriebe oder industrielle Massentierhaltung?“



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