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„Alles Politische ist auch persönlich“

Bundestagskandidaten im Porträt – heute: Ute Michel (Grüne)

WESERBERGLAND. Am 24. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Wir haben heimische Kandidaten in ihrem privaten Umfeld besucht und stellen sie vor. Heute: Ute Michel, Bündnis 90/Die Grünen.

veröffentlicht am 11.09.2017 um 19:17 Uhr
aktualisiert am 12.09.2017 um 08:34 Uhr

Hans-Ulrich Kilian

Autor

Redaktionsleiter Bad Pyrmont zur Autorenseite

„Es ist gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist.“ Ute Michel zeigt auf ein Schild, das sie als Souvenir vom Weltkongress der Grünen in Liverpool in diesem Frühjahr mitgebracht hat. Die Bundestagskandidatin der Grünen hat an dem Treffen in der nordenglischen Stadt als Mitglied des Rechnungsausschusses ihre Partei teilgenommen. Das Schild steht auf einem Tisch, der mit Unterlagen voll ist. Daneben lehnt an der Wand ein laminierter Text aus der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, der sich mit ihrer Partei befasst. „Darin steht, dass die Grünen manchmal nerven, aber wichtig sind“, schmunzelt die 48-Jährige.

Das Gespräch mit Ute Michel findet sozusagen in ihrem früheren Kinderzimmer statt. Denn nach 17 Jahren im Ausland ist sie – mit zweijähriger Zwischenstation in Hannover - 2015 nach Bad Pyrmont zurückgekehrt, um sich um ihren mittlerweile 88 Jahre alten Vater zu kümmern. Die in Bad Pyrmont geborene und aufgewachsene Ute Michel hat einen Master in Geschichte und slawischer Philologie und gibt als Beruf Projektmanagerin an, den sie nach der Wahl wieder aufnehmen will. Berufliche Stationen waren bisher unter anderem das Europäische Parlament in Brüssel, der Weltverband der Interessenvertretungen von Menschen mit geistiger Behinderung in Belgien und Frankreich und zuletzt elf Jahre in London, wo sie für das staatliche Gesundheitswesen National Health Service gearbeitet hat und sich um die Verbesserung von Arbeitsabläufen und einen besseren Zugang zur medizinischen Versorgung kümmerte.

Eigentlich wollte sie aus London nicht weg. „Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt sie. „Ich war dort gut integriert, habe mich sehr wohl gefühlt und hatte viele Freunde.“ Doch Zeit mit ihrem Vater zu verbringen, war ihr schließlich wichtiger. Mit Zwischenstation in Hannover, was ihre Rückkehr in die Provinz ein wenig abgefedert hat, lebt sie nun in einem Reihenhaus in Holzhausen und weiß, dass ihre Entscheidung richtig war. „Es fühlt sich richtig an – für mich und für meinen Vater.“

Ihr Vater ist es auch, der dafür sorgt, dass sie zwischen den vielen Wahlkampfterminen und Begegnungen mit prominenten Parteifreunden die Bodenhaftung nicht verliert. „Das ist eine völlig andere Welt, denn dann muss ich mich um Alltagsfragen kümmern, wie alle anderen auch.“

Es wundert nicht, dass Sozialpolitik Schwerpunkt ihrer Arbeit ist. „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der sich keiner um den anderen kümmern“, lautet ihr Anspruch, der auch ein politischer Ansatz ist. „Alles Politische ist auch irgendwie persönlich. Es nutzt ja nichts, Ziele zu haben, wenn man nicht bereit ist, sich Mühe zu geben, sie selbst umzusetzen“, formuliert sie ihre Sicht.

Erste kommunalpolitische Erfahrung hat sie in England gesammelt. Von 2006 bis 2010 war sie direkt gewähltes Mitglied im Rat des Stadtbezirks Lewisham – ein Stadtbezirk mit 250 000 Einwohnern in London. Zur Politik und damit zu den englischen Grünen sei sie gekommen, weil sie sich eine Stimme verschaffen wollte, um Einfluss zu nehmen und mitzugestalten. Also auch, um Verantwortung zu übernehmen. Als Mitglied des Pyrmonter Rates und eine der drei Sprecherinnen der Gruppe 17 arbeitet sie ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Doch den Begriff „Freizeitpolitiker“, der immer wieder einmal in den Reihen der Kommunalpolitik fällt, lehnt sie ab – und zwar „komplett“, wie sie energisch betont. „Ich übernehme in diesem repräsentativen System für die Kommune Verantwortung. Ich muss mich in die Themen einarbeiten und auch einmal Entscheidungen treffen, die unpopulär sind“, stellt sie klar. Und dabei habe sie immer den Anspruch, voll professionell zu sein.

Haben es Grüne in kleinen Städten wie Bad Pyrmont besonders schwer? Sie glaube schon, lautet ihre Antwort. Es gebe einen deutlichen Unterschied zu großen Städten oder gar Großstädten. „Aber das schreckt mich nicht ab, das spornt mich an, immer wieder grüne Themen anzusprechen und zu versuchen, Fortschritte zu machen.“ Man könne mit ihr über alles reden auch Lösungsvorschläge der Grünen zum Beispiel zur Position der Windenergie in Frage stellen, sagt sie. „Dann aber möchte ich bitte schön auch hören, wie will man es denn sonst machen. Immer nur sagen ,Das will ich nicht‘, das reicht mir nicht.“

Ute Michel weiß offenbar ziemlich genau, was sie will. Und so nennt sie auf die Frage, was ihr an sich selber besonders gefalle, ihre Willensstärke und ihr Durchhaltevermögen, um Ziele zu erreichen. Und auf welche ihrer Leistungen ist sie besonders stolz? „Ich habe während meines Studiums ins London im Studentenheim gemeinsam mit zwei deutschen Mitbewohnern Recycling eingeführt, und das ist dann zum Modell für andere Wohnheime geworden.“ Das Gespräch geht dem Ende zu. Und danach? Bleibt ihr Zeit für Entspannung? Wohl kaum, das muss bis nach der Wahl warten. Und wie entspannt Ute Michel? Mit dem Blick auf den Regen draußen antwortet sie: „Eine Tasse Tee und ein Buch in der Sofaecke – dann ist die Welt vergessen.“



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