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Bundestagskandidaten im Porträt – heute: Hermann Gebauer (Piraten)

HAMELN. Am 24. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Wir haben heimische Kandidaten in ihrem privaten Umfeld besucht und stellen sie vor. Heute: Hermann Gebauer, Piraten.

veröffentlicht am 14.09.2017 um 15:17 Uhr
aktualisiert am 15.09.2017 um 10:47 Uhr

Will sich künftig fürs Weserbergland politisch engagieren: der 73-jährige Hermann Gebauer (Piraten). Foto: bah
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Hinter hoch gewachsenen Stauden versteckt liegt das Haus. Im Wohnzimmer besticht der Geruch: Holz, wie frisch geschlagen. An der hohen Decke dicke Balken, der Fußboden aus unbehandelten Dielen, der Beistelltisch hat ein Holzgestell unter einer Glasplatte. Die Sonne kann das Zimmer durch bodentiefe Fenster auf der Süd-Ost-Seite mit Licht fluten. Hermann Gebauer nimmt auf dem Sofa mit Überwurf Platz und macht es sich – nicht bequem. „Ein Sofa ist wichtig, sagt er und dreht sich nach hinten um, „aber es muss eines mit einer hohen Lehne sein, nicht so wie dieses hier.“ Dieses hier gehört nicht ihm, sondern einem Freund. So, wie das ganze Haus dem Freund gehört. Männer-WG, auf Zeit, sozusagen, aus diversen Gründen.

Bis vor einem halben Jahr lebte Gebauer noch in Panama, in einem Haus, von dem er, so scheint es, lieber nicht sprechen würde. Er schweigt verlegen auf die Frage, ob er davon Fotos zur Verfügung stellen kann – schließlich soll es ja eine „Homestory“ sein, so gut es eben geht, wenn das bisherige „Home“ tausende Kilometer entfernt liegt. „Wenn Sie Bilder davon sehen, denken Sie, das ist so eine Millionärsvilla…“, sagt er fast entschuldigend. 250 Meter vom Strand entfernt, ein üppiger Garten, Blick aufs Meer. In dem Anwesen stecken seine Ersparnisse und die seiner Frau Kim, erzählt er, und ohne Kredit ging das auch nicht. Weil seine Frau so etwas wie eine Botschafterrolle habe, müsse das Haus auch Repräsentationszwecke erfüllen.

Sie arbeitet für die Vereinten Nationen, er war jahrelang für verschiedene Regierungen der Welt tätig und für die Europäische Union. Gebauer kennt Kriegsgebiete in Afrika, Putschversuche, hat dort gelebt, wo Menschen vor Hunger sterben, von Regierungen unterdrückt werden, bangte nach einem Anschlag in Bagdad um seine Frau, die dort arbeitete, während er in Mozambique war, hat versucht, der Bevölkerung hier und dort zu Eigenverantwortung und Selbstständigkeit zu verhelfen. Die Dritte Welt kam bei ihm an erster Stelle, „weil ich da viel mehr gebraucht werde“, hatte er nach seinem Studium in Heidelberg entschieden.

Ein Blick ins Innere des Hauses in Panama, in dem Gebauer mit seiner Frau lebt – wenn er nicht im Weserbergland Wahlkampf macht. Foto: Privat
  • Ein Blick ins Innere des Hauses in Panama, in dem Gebauer mit seiner Frau lebt – wenn er nicht im Weserbergland Wahlkampf macht. Foto: Privat
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Dass der 73-jährige Bad Münderaner ins Weserbergland zurückgekommen ist, statt bis ans Ende seiner Tage „im Paradies in Panama“ zu leben, liegt an der Situation, wie sie sich ihm darstellt. Auch in Deutschland lebten die Menschen nicht frei, hätten Angst vor der Zukunft, hätten keine Zivilcourage, meint er. „Die Menschen sollten aufstehen und sich nicht unterkriegen lassen“, fordert der Bürgerkandidat, der allein, aber auch auf der Liste der Piraten antritt. Gebauer kämpft für eine Bürgerrepublik, in der nicht Parteien das Sagen haben, er will Volksabstimmungen auf Bundesebene, ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1100 Euro für jeden über 17 Jahre, den Flüchtlingsströmen soll begegnet werden, indem die Menschen und die Rohstoffe der Flucht-Länder nicht länger „neokolonial ausgebeutet“ werden.

„Sie können nicht nicht politisch, oder?“ Die Frage drängt sich im Gespräch mit ihm auf. Gebauer trinkt einen Schluck Kaffee. „Doch, doch, das kann ich auch“, beteuert er. Aber es fällt ihm schwer – zu viele Anliegen bewegen ihn, zu viel hat er gesehen und erlebt, so viel hat er vor, voller Idealismus, der auch durch eine Zeit geprägt wurde, in der er am Schiller-Gymnasium das Kommunistische Manifest gelesen und aktiv die 68er-Bewegung miterlebt hat.

Harter Schnitt, hin zum Trivialen, anders geht es nicht: „Was machen Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie denn welche haben?“ Zum ersten Mal nach einer Stunde verlässt Gebauer die Sofakante, rutscht nach hinten. Er zeigt auf den Beistelltisch, auf dem drei Bücher liegen. Er schreibt. Sechs Bücher stammen aus seiner Feder, damit angefangen hat Gebauer vor sechs Jahren in Panama. Liebesgedichte, einen Roman, Aphorismen. Und er treibt Sport, jeden Tag, Joggen, zehn Kilometer. Nur jetzt nicht – „Flyer verteilen ersetzt das Joggen“, sagt er. „Das geht in die Beine!“ Dabei komme er auch auf 12 Kilometer am Tag.

Seine Frau vermisst er, auch, wenn er es kaum anders kennt, als von ihr getrennt zu leben. Derzeit ist sie in West-Sahara, und wie es wo weitergehen soll, wüssten sie beide nicht. „Sollte ich gewählt werden, was unwahrscheinlich ist, …“ Eine Chance rechnet er sich nicht aus. „Sollte ich nicht gewählt werden“, macht er weiter, „möchte ich hier fürs Weserbergland arbeiten“ Sein Traum sei eine Friedensuniversität und ein Europäisches Ausbildungszentrum … Schon wieder Politik.
Hinweis: Im Rahmen unserer Serie haben wir heimische Direktkandidaten zur Bundestagswahl porträtiert. Michael Vietz (CDU) und Armin Paul Hampel (AfD) haben eine Homestory abgelehnt.

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