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Im November 2016 tötet ein Mann in Springe seine Großeltern – jetzt bekommt er ihren Besitz zugesprochen

Wenn der Täter seine Opfer beerbt

SPRINGE. Vor anderthalb Jahren sorgte die Tat für Entsetzen: Ein damals 25 Jahre alter Mann aus Springe erstach seine Großeltern in deren Wohnung in der Kernstadt. Jetzt hat der Fall ein ungewöhnliches moralisches und juristisches Nachspiel: Denn ausgerechnet der Täter erbt nun gut 140 000 Euro von seinen Großeltern. Verwandte der beiden Opfer sind entsetzt – und beklagen die Rolle des Amtsgerichts Springe in der juristischen Auseinandersetzung.

veröffentlicht am 09.07.2018 um 09:54 Uhr

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Im Testament der beiden getöteten Großeltern ist die Mutter des Täters als Allein-Erbin eingesetzt. Weil die aber bereits tot ist, ginge das Erbe an den Sohn über, der aber seine Großeltern brutal mit einem Messer erstochen hatte.

Offenbar sah man diesen Widerspruch auch beim Amtsgericht Springe: Dort kontaktierte man stattdessen die Neffen des Großvaters. „Sie haben uns gesagt, das Testament sei durch die Tat hinfällig“, sagt Neffe Ole Koch dieser Zeitung. Stattdessen sollten er und seine beiden Brüder einen Erbschein für ihren Anteil der Gesamtsumme beantragen – was sie auch taten. Doch eine Woche später der Rückzieher: „Ich bekam ein Schreiben, dass der Erbschein wieder eingezogen ist“, sagt Koch. Grund: Der gesetzliche Betreuer des Täters hatte Widerspruch gegen die Erteilung eingelegt. Der Täter selbst sitzt derzeit in der Psychiatrie.

Verkompliziert wird die Situation durch die Familienverhältnisse: Denn der Täter und dessen Mutter stammen aus der ersten Ehe der erstochenen Großmutter, sind also nicht direkt mit dem Großvater verwandt. Offenbar wurden so auch Fakten wie der genaue Todeszeitpunkt der beiden Ehepartner relevant: Wer starb zuerst, wer vererbte wem was?

Schließlich entschieden die Neffen, sich rechtlich gegen die Entziehung des Erbscheins zu wehren. Für sie ging es dabei auch um die juristische und moralische Frage: Darf man denn von jemandem erben, den man getötet hat? Antwort: Man darf unter Umständen – zumindest, wenn man zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig ist. Genau das hatte das Landgericht Hannover im Fall des Täters aber gutachterlich festgestellt (Diagnose: akute Psychose – und den heute 27-Jährigen in die Psychiatrie statt ins Gefängnis gesteckt.

Das Oberlandesgericht Celle wies am Ende die Beschwerde der Neffen zurück – und bestätigte so, dass der Erbschein-Einzug zurecht erfolgt sei. Ob der Täter erben durfte, sei „nicht im Verfahren über die Erteilung des Erbscheins, sondern nur klageweise im Wege der Anfechtung“ zu klären, teilt das Oberlandesgericht auf Anfrage mit. Soll heißen: Wenn die Neffen klären wollen, ob der Enkel das Erbe gar nicht antreten darf, müssten sie erneut klagen. Ein Weg, von dem er den Neffen abgeraten habe, so Anwalt Uwe Martens aus Rodenberg: Er verweist nicht zuletzt auf ein Bundesverfassungsgerichts-Urteil aus dem Jahr 2015, das das Thema Schuldfähigkeit behandelte. In dem Fall ging es um einen Mann, der seiner im Koma liegenden Frau den Schlauch der Magensonde durchtrennte.

Information

Chronik eines Verbrechens

  • Am 2. November 2016 ereignete sich die Tat in einem Wohnhaus an der Magdeburger Straße in Springe: Der damals 25 Jahre alte Enkel stach nach einem Streit auf seine Großeltern (82 und 75 Jahre) ein.
  • Nachbarn, die den Lärm gehört hatten, riefen die Polizei. Doch die Beamten konnten nur noch den Tod der beiden Rentner feststellen. Die mutmaßliche Tatwaffe fanden die Ermittler vor dem Haus, in dessen Nähe sie wenig später auch den 25-Jährigen festnehmen konnten.
  • Im Mai 2017 wurde er dann vorm Landgericht Hannover zur Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie verurteilt: Wegen paranoider Schizophrenie ist er demnach schuldunfähig. Der Richter sprach aufgrund des Zustands der beiden Opfer von „Übertötung“.

Trotzdem herrscht bei den Verwandten Unverständnis: „Für uns als Betroffene ist das doppelt schwer zu verstehen“, sagt Ole Koch. Anwalt Martens spricht von einem „tragischen Fall“. Dessen Ende trotzdem noch nicht erreicht sein dürfte. Denn die Neffen und der Jurist haben nun das Amtsgericht Springe selbst ins Visier genommen. Argument: Dort habe man mit der später zurückgezogenen Aufforderung, einen Erbschein zu beantragen, das ganze Dilemma überhaupt erst ausgelöst.

„Von uns aus wären wir ja nicht tätig geworden“, sagt Koch auf Anfrage. Die Familie überlegt nun, zumindest die entstandenen Kosten zurückzufordern: Neben diversen Beurkundungen für den Erbscheinantrag gehe es auch um die Anwaltskosten. Denn weil die Neffen letztendlich vorm Oberlandesgericht unterlagen, müssen sie nun auch die Anwaltskosten des Täters tragen.



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