weather-image
29°
Gericht sieht Tötungsvorsatz

Viereinhalb Jahre für Roudi H.

HANNOVER / BAD PYRMONT. Am Freitag hat die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover unter Vorsitz von Richter Wolfgang Rosenbusch den in Bad Pyrmont lebenden Roudi H. (37) wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Diese Strafe hatte die Staatsanwältin gefordert.

veröffentlicht am 05.01.2018 um 23:20 Uhr
aktualisiert am 06.01.2018 um 12:49 Uhr

Kurz vor Verhandlungsbeginn am Freitag: Ein Justizbeamter hat dem wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung angeklagten Roudi H. (37) die Handschellen entfernt. Foto: jl
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wenn Roudi H. Alkohol trank, dann reichlich. Ging er am Wochenende in die Kneipe, so glühte er wegen Geldmangels schon vorher vor. Eine halbe Flasche Wodka und ein paar Bier hatte er intus, als er dort ankam. Bis zum frühen Morgen konsumierte er noch einige weitere Biere. Das Problem: In volltrunkenem Zustand sank die Frusttoleranz des 37-Jährigen erheblich, und es entlud sich wohl auch angestaute Wut.

Seit dem 13. Juli 2017 kann er nichts mehr trinken. Der letzte von zwei folgenreichen Ausrastern in den vergangenen beiden Jahren brachte ihn in Untersuchungshaft. Am Freitag hat die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover unter Vorsitz von Richter Wolfgang Rosenbusch den bis zu seiner Verhaftung in Bad Pyrmont lebenden Angeklagten wegen der Taten zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Diese Strafe hatte auch die Staatsanwältin gefordert.

Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. H.s Anwalt Uwe Behnsen (Hameln) legte noch am Freitag Revision ein. Er teilt nicht die Auffassung des Gerichts, dass sein in beiden Fällen unter starkem Alkoholeinfluss stehender Mandant bei seinen Angriffen auf andere Menschen vorsätzlich handelte. Behnsens Überzeugung nach handelte H., der nach einem schweren Unfall in seiner Jugend unter epileptischen Anfällen leide, aus einem Impuls heraus.

Die letzte Tat passierte am frühen Morgen des 2. Juli. Dass H. einem ebenfalls volltrunkenen 53-jährigen Mann am Ende einer durchzechten Nacht auf der Lortzingstraße zu Boden schlug und dann noch auf den Kopf des Opfers trat, wertete das Gericht – wie die Anklagevertreterin – als versuchten Totschlag. Videoaufnahmen zeigten allerdings, dass das spätere Opfer vorher auch nicht zimperlich mit H. umging. Immer wieder soll Osman K. (Name geändert) den Jüngeren angepöbelt haben. H. begann demnach erst, den 53-Jährigen zu attackieren, nachdem der ihm die Scherbe einer zur Versöhnung gereichten, aber heruntergefallenen Bierflasche an den Hals gehalten hatte.

H.s Anwalt sieht den Fußtritt seines Mandanten als rein impulsive Tat. Mit Blick auf dessen damaligen Blutalkoholwert von 1,9 Promille fand er: „Kein Mensch denkt da nach.“ Gegen Ende von Behnsens Plädoyer verschwand H. vollkommen hinter der Anklagebank. Er tauchte erst kurze Zeit später wieder auf, wischte sich Tränen aus den Augen.

Das Strafmaß wäre vielleicht milder ausgefallen, hätte H. nicht bereits im September 2016 den ersten Ausraster gehabt. Da kehrte er nach dem Rauswurf aus der „Endstation“ zurück zur Kneipe. Während deren Wirt, dessen Neffe und ein Türsteher seinen Attacken mit einem Messer entgingen, traf ein tiefer Stich eine vor der Kneipe aufs Taxi wartende Frau in den Oberschenkel. Die Wunde wurde im Krankenhaus genäht, entzündete sich aber später und brachte Sylvia S. (Name geändert) in der Folge einen längeren Krankenhausaufenthalt ein. Nach eigener Aussage leidet die Nebenklägerin bis heute unter Schmerzen. „Es fühlt sich an, als hätte ich immer noch ein Messer im Bein.“

Nach Auffassung des Gerichts wurde die Pyrmonterin zum Zufallsopfer. Der Stich habe eigentlich dem Türsteher gegolten, der jedoch auswich.

Die Frau erinnert die Situation anders: „Er hat mit voller Kraft gezielt gestochen“, sagte sie am Freitag. Sie sei auch sicher, dass H. sie nicht mit dem eher kurzen Küchenmesser verletzte, das später im Kneipeninneren in der Thekenoberfläche steckenblieb und zerbrach, als H. dort den Neffen des Wirtes verfolgte. Ein anderes Messer wurde allerdings nicht gefunden – aber wohl auch nicht gesucht.

Der Appell von Sylvia S.‘ Anwalts, Roman von Alvensleben, die Anklage in diesem Punkt von fahrlässiger auf gefährliche Körperverletzung hochzustufen, blieb folgenlos. Die Kammer wertete die Sicht der Frau als subjektive Wahrnehmung, zumal sie den Aussagen der anderen Zeugen widersprach.

Der Frust der Nebenklägerin sitzt tief. Im Krankenhaus sei sie nicht richtig behandelt worden, und die Pyrmonter Polizei habe sie nach der Tat nicht anhören wollen. Ihr Anwalt nannte die Ermittlungen „nicht optimal“. Die Ermittler hätten mehrere Zeugen nicht erfasst, die S.‘ Angaben hätten bestätigen können. „Dass so etwas passiert, ist äußerst unglücklich.“

„Deutlich irritiert“ zeigte sich auch der Richter darüber, dass die Kripo nicht nachgefasst habe: „Die Ermittlungen hätten besser sein können“, befand Rosenbusch.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare