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Drei Männer auf der Anklagebank – es ging um 512 Drogendeals und einen Großeinsatz der Polizei

Verhaftung im Gerichtssaal

HAMELN/HANNOVER. Als Cumali S. als freier Mann den Gerichtssaal betrat, dürfte er noch guter Hoffnung gewesen sein – sein Verteidiger Manuel Künemund hatte auf Freispruch plädiert. Dabei ging es um mehr als 500 Drogen-Straftaten. Doch es kam anders: Der 30-Jährige aus Hameln wurde von der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts Hannover zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt.

veröffentlicht am 22.02.2019 um 13:21 Uhr
aktualisiert am 22.02.2019 um 20:20 Uhr

Am 6. März schlugen die Fahnder zu. Sie durchsuchten 16 Wohnungen, unter anderem in Hameln. 200 Beamte waren damals gleichzeitig im Einsatz. Foto: Archiv/fn
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Der Hamelner hatte – anders als sein mutmaßlicher Komplize Mark-Philipp P. (28) seit März vergangenen Jahres in Freiheit auf den Prozess und das Urteil warten dürfen.

Cumali S. dürfte bis zuletzt davon überzeugt gewesen sein, dass ihm niemand schmutzige Geschäfte mit Rauschgift nachweisen kann. Doch es kam anders: Der 30-Jährige aus Hameln wurde von der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts Hannover zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Stefan Lücke sah es als erwiesen an, dass Cumali S. gewerbsmäßig mit illegalen Drogen gedealt hat. Das Gericht schickte ihn für sechs Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Der Mitangeklagte Mark-Philipp P. (28) kam unterm Strich besser weg. Er hatte zwar mehr als acht Monate in Untersuchungshaft gesessen, aber letztlich „nur“ fünf Jahre Haft kassiert, die er – wenn es gut für ihn läuft – gar nicht absitzen wird.

Fakt ist: Der verurteilte Hamelner muss nicht zurück ins Gefängnis – die Jugendkammer hat für Drogendealer Mark-Philipp P. die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Seinem Strafverteidiger Roman von Alvensleben war damit ein juristischer Coup gelungen, denn: Der Anwalt hatte das Gericht von dieser Maßnahme überzeugen können, obwohl der psychiatrische Gutachter Johannes Pallenberg bei keinem Angeklagten einen Grund für eine Einweisung gesehen und zudem festgestellt hatte, dass keine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt.

Die Kammer war diesmal der Argumentation des Verteidigers und nicht der Ansicht des Sachverständigen gefolgt. Roman von Alvensleben hatte während der Befragung des forensischen Psychiaters für das Gericht offenbar nachvollziehbar herausgearbeitet, dass dieser Gutachter generell nichts von einer Unterbringungsmaßnahme in einer Entziehungsanstalt hält. Von Alvensleben hatte während seines Plädoyers die Frage gestellt: „Wenn nicht in diesem Fall, wann dann?“

Veli G. (21) aus Hameln war der dritte Angeklagte. Er ließ sich von gleich zwei Rechtsanwälten verteidigen. Uwe Behnsen und Roman Klodnyckyi erreichten für ihren Mandanten ein vergleichsweise mildes Urteil. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Hamelner vorgeworfen, in neun Fällen Betäubungsmittel in nicht geringer Menge besessen und zudem gewerbsmäßig Handel mit Drogen getrieben zu haben. In einem weiteren Fall soll der Angeklagte 38 Gramm Kokain besessen und beim Dealen Hilfe geleistet haben. Oberstaatsanwältin Christin Stüven hätte ihn gern hinter schwedischen Gardinen gesehen. Sie hielt anderthalb Jahre Haft für tat- und schuldangemessen, denn die Vertreterin der Anklage attestierte Veli G. „schädliche Neigungen“. Das sah Strafverteidiger Uwe Behnsen freilich ganz anders. Der Rechtsanwalt beantragte, keine Jugendstrafe zu verhängen, weder ohne noch - wie von der Jugendgerichtshilfe vorgeschlagen – mit Bewährung.

Er vertrat die Auffassung, dass das Jugendgerichtsgesetz „ausreichend andere Alternativen“ anbietet. Veli G. kam mit zwei Wochen Dauerarrest davon. Er muss zudem 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und an einem sechs Monate dauernden sozialen Trainingskurs teilnehmen.

Veli G. ist ein vergleichsweise kleiner Fisch. Cumali S. und Mark-Philipp P. gelten als Haupttäter – sie sollen mit Drogengeschäften zigtausend Euro erwirtschaftet haben. Nach den Erkenntnissen der Fahnder wurde das Rauschgift zunächst im Hamelner Klütviertel und später am Güterbahnhof verkauft. Süchtige sollen gelegentlich auch beliefert worden sein. In einer Wohnung in Emmerthal soll das Hamelner Duo zudem Cannabis-Pflanzen gezüchtet haben. Um die Indoor-Plantage sollen sich jedoch überwiegend zwei andere Männer gekümmert haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte Cumali S. und Mark-Philipp P. 512 Straftaten vorgeworfen. Am 6. März 2018 schlugen die Fahnder zu – um kurz nach sechs Uhr morgens wurden die Tatverdächtigen festgenommen. 16 Wohnungen wurden durchsucht. 200 Beamte, darunter Drogenfahnder aus Hameln und auswärtige Experten, die sich auf die Festnahme von als gefährlich eingeschätzten Personen und die Sicherung von Beweismitteln verstehen, waren an zeitgleich im Einsatz.

Der Vorsitzende Richter Stefan Lücke führte in seiner Urteilsbegründung aus, dass eine Vielzahl von Beweisen die Anklagevorwürfe in den wesentlichen Punkten bestätigt habe. Gemeint waren DNA-Spuren und Zeugenaussagen, aber auch Telefonüberwachungen und GPS-Observationen, durch die sich die einzelnen Taten belegen ließen. Das Gericht zog Geld und Wertgegenstände in Höhe von 29 350 Euro ein.

Obwohl Oberstaatsanwältin Christin Stüven eine Freiheitsstrafe für Veli G. gefordert hatte, akzeptierte sie das äußerst milde Urteil. Sie verzichtete auf Rechtsmittel – damit konnte sich Strafverteidiger Uwe Behnsen anderen Aufgaben widmen, was er auch sogleich tat. Der Anwalt übernahm das Mandat von Cumali S. und legte Revision gegen das Urteil ein.



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