weather-image
Staatsanwaltschaft will Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen

Unfassbare Tat: Opfer liegt im Koma

HAMELN. Der 28 Jahre alten Hamelnerin, die am frühen Sonntagabend in der Südstadt Opfer eines unfassbar brutal ausgeführten Verbrechens geworden ist, geht es nach wie vor „sehr schlecht“. Sie liege im Koma, sagte Polizeioberkommissar Jens Petersen am Montagvormittag auf Anfrage. Die Staatsanwaltschaft will derweil einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen.

veröffentlicht am 21.11.2016 um 12:26 Uhr
aktualisiert am 24.11.2016 um 14:59 Uhr

Nach einer ersten Notoperation in Hameln schiebt ein Rettungsteam die Schwerstverletzte in den Intensivtransporthubschrauber „Christoph Niedersachsen“. Foto: ube
Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Am Tatort und im Sana-Klinikum hatten Ärzte um das Leben der Frau gekämpft. Noch in der ersten Nachthälfte wurde eine Notoperation durchgeführt. Vermutlich sollten die starken Blutungen gestoppt werden. Eine fliegende Intensivstation brachte die Bewusstlose um 23.15 Uhr zu einer unter anderem auf Schädel-Hirn-Verletzungen spezialisierten Fachklinik. Dort wurde umgehend eine zweite Notoperation veranlasst. Die Schwerstverletzte schwebe immer noch in Lebensgefahr, sagte Petersen. Der 38 Jahre alte mutmaßliche Täter stammt aus Bad Münder. Er hat sich unmittelbar nach der Tat der Hamelner Polizei gestellt. In der Polizeiwache an der Lohstraße ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Hier spielte sich die Tat ab

Die Staatsanwaltschaft Hannover kündigte am Montagvormittag an, sie werde einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen. Wer einen Menschen mit einem Auto zu Tode schleifen will, handelt besonders grausam. Das ist ein Mordmerkmal.

Das Opfer war gegen 18 Uhr auf einem Fußweg an der Kaiserstraße gefunden worden. Augenzeugen berichten: „Die Frau war blutüberströmt und hat ein Seil um den Hals gehabt.“ Auf der Straße wird auch erzählt, die Frau habe auch Stichverletzungen erlitten. Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft wollten dazu Angaben machen – „aus kriminaltaktischen Gründen.

Der mutmaßliche Täter soll der Hamelnerin an der Königstraße einen Strick um den Hals gelegt und das andere Ende an der Anhängerkupplung eines Autos befestigt haben. Dann setzte er sich hinter das Steuer, gab Gas und zog die 28-Jährige auf Asphalt und Kopfsteinpflaster durch Königstraße, Prinzenstraße und über die Kaiserstraße. Als die Frau beim Abbiegen auf die Kaiserstraße auf einen Fußweg geschleudert wurde, löste sich das Seil vom Wagen. Nur der Täter weiß, wie lange er sei Opfer noch durch Hameln ziehen wollte. „Wenn die Frau überlebt, dann ist das nur dem Umstand zu verdanken, dass das Seil nach etwa 250 Metern von der Kupplung gerutscht ist“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge im Gespräch mit der Dewezet. Dennoch habe die Hamelnerin vom Kopf bis zu den Füßen schwerste Verletzungen davongetragen.

270_0008_7942372_hm111_ube_2211
  • 22 Stunden nach dem Verbrechen wird der Tatverdächtige (weißer Overall) einem Haftrichter vorgeführt. Seine Hände sind gefesselt. Foto: ube
Tatort Hameln: Hier geschah die unfassbare Tat, dass ein Mann seine Noch-Ehefrau hinter sein Auto band und durch mehrere Straßen schleifte. Foto: Archiv
  • Tatort Hameln: Hier geschah die unfassbare Tat, dass ein Mann seine Noch-Ehefrau hinter sein Auto band und durch mehrere Straßen schleifte. Foto: Archiv


Mann und Frau sind laut Staatsanwaltschaft nach deutschem Recht nicht verheiratet. Beide sollen aber miteinander liiert gewesen sein. Das sind jedenfalls die ersten Erkenntnisse der Ermittler. Der Tatverdächtige und das Opfer sind deutsche Staatsbürger, sie haben aber einen türkisch-kurdischen Hintergrund. Die Ermittler prüfen, ob das Motiv Eifersucht und die Ehrenmord-Problematik eine Rolle spielen. „Bei so einem Verbrechen werden wir alles daransetzen, die Hintergründe restlos aufzuklären“, sagte der Oberstaatsanwalt.
Die für Tötungsdelikte zuständigen Ermittler des 1. Fachkommissariats und Experten der Kriminaltechnik waren auch am Montag damit beschäftigt, Spuren zu sichten und zu bewerten. Auch das Auto des Mannes werde untersucht, sagte Oberkommissar Jens Petersen. Bis kurz vor Mitternacht hatten Beamte in den weiträumig abgesperrten Straßenzügen nach Hinweisen und Beweismitteln gesucht.

Am späten Sonntagabend trafen eilig angeforderte Einheiten der Bereitschaftspolizei in Hameln ein. Mit Mannschaftswagen wurden Sonderstreifen gefahren. An der Zentralstraße sicherten Beamte das Gebäude des Zentralen Kriminaldienstes, in dem der Verdächtige vernommen wurde. Sowohl an der Lohstraße als auch an der Zentralstraße hatten sich mehrere Dutzend Angehörige versammelt, die von der Polizei Auskünfte haben wollten. Auch das Krankenhaus und der Rettungshubschrauber wurden bis zum Abtransport des Opfers von der Polizei und von einem Sicherheitsdienst bewacht. Polizisten standen vor dem Haupteingang – sie ließen keine Verwandten in die Klinik. Die Schwerstverletzte wurde nach Informationen unserer Zeitung unter Polizeischutz gestellt.
Die Ermittler geben deshalb auch nicht den Ort bekannt, an dem sich die Klinik befindet, in der die Frau behandelt wird. Racheakte können zumindest nicht ausgeschlossen werden. Die Inspektion hat offenbar aus den Vorfällen am Amtsgericht und am Sana-Klinikum Lehren gezogen – im Januar 2015 war ein nach einem Tankstellen-Überfall festgenommenes Mitglied einer libanesischen Großfamilie aus dem Amtsgericht in den Tod gestürzt. Tumulte und Ausschreitungen waren die Folge. Zahlreiche Polizisten erlitten Verletzungen. Wochenlang wurden Personen und Gebäude geschützt. Der Leiter der Inspektion, Kriminaldirektor Ralf Leopold, sprach seinerzeit von „einer Stadt im Ausnahmezustand“.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt