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Schöffengericht verurteilt Hamelner zu zwei Jahren und drei Monaten Haft

Todesfahrer soll hinter Gitter

HAMELN. Im sogenannten Todesfahrer-Prozess ist am Dienstagnachmittag das Urteil gesprochen worden: Das Schöffengericht Hameln hat den Hamelner Semir I. zu einer Gefängnisstrafe verurteilt – wegen fahrlässiger Tötung und wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs. Der 35 Jahre alte Vater zweier Kinder soll zwei Jahre und drei Monate hinter Gitter.

veröffentlicht am 18.10.2016 um 18:10 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 09:23 Uhr

Ulrich Behmann

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„Die Frage der Bewährung stellt sich bei derartigen Straftaten nicht mehr“, sagte Richterin Elisabeth Schmahl am Ende ihrer Urteilsbegründung. Der in Deutschland geborene Semir I. hatte keinen Führerschein und war alkoholisiert, als er sich am späten Abend des 26. Mai 2014 hinter das Steuer seines VW Golf setzte. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß sein Freund. Der 30 Jahre alte Hamelner überlebte die Fahrt nicht.

Um 22.52 Uhr ging seinerzeit in der Polizei-Leitstelle ein anonymer Hinweis ein. Eine Frau behauptete, am Grasbrink in Klein Berkel werde ein Auto von einem betrunkenen Mann gesteuert. Mit mehreren Streifenwagen fahndeten Polizeibeamte nach dem Wagen. Auf der Pyrmonter Straße entdeckte ein Polizeihauptkommissar, der mit einem Zivilwagen unterwegs war, das gesuchte Fahrzeug. Er nahm die Verfolgung auf, informierte über Funk eine Streifenwagen-Besatzung, die in Höhe „Reifen Müller“ den Verkehr beobachtete. Die Beamten versuchten vergeblich, den Volkswagen zu stoppen – Semir I. ignorierte Blaulicht und Anhaltesignale. Stattdessen wendete er abrupt in Höhe der Bushaltestelle an der Thiewallbrücke. Bei diesem waghalsigen Manöver prallte der Zivilwagen gegen die Fahrertür. Semir I. müsse den Anstoß bemerkt haben, ist sich Diplom-Ingenieur Clemens Rehse sicher, der am Dienstag als Gutachter aussagte.

Semir I. hielt nicht an und stellte sich. Er gab Gas. Sein VW Golf erreichte auf der Hochstraße eine Geschwindigkeit, die nach Angaben des Sachverständigen zwischen 85 bis 95 km/h gelegen hat. Semir I. habe eine folgenschwere Entscheidung getroffen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen, sagt die Richterin – sie spricht von „eigensüchtigen Motiven, die zu Sorgfaltspflichtverletzungen geführt“ hätten. „Der Tod Ihres Freundes war vermeidbar. Sie hätten nur anhalten müssen“, sagt die Vorsitzende des Schöffengerichts. Semir I. habe „rücksichtslos“ gehandelt und sich bewusst für ein riskantes Fahrmanöver entschieden. „Das war kein Augenblicksversagen“, meint Richterin Schmahl und schaut dabei in Richtung des mehrfach vorbestraften Angeklagten.
Der Bundeszentralregisterauszug des Hamelners weist sechs Eintragungen auf – darunter Körperverletzung, Diebstahl und Drogenschmuggel. Für die Einfuhr von Betäubungsmitteln ist Semir I. zu drei Jahren Haft verurteilt worden – ein Jahr saß er im Gefängnis, dann kam er auf Bewährung frei. Aber auch Verkehrsdelikte hat der Mann begangen. Trunkenheit am Steuer und Fahren ohne Führerschein. Justitias Schüsse vor den Bug haben Semir I. offenbar unbeeindruckt gelassen. Als er den tödlichen Unfall verschuldete, stand er unter laufender Bewährung.

Clemens Rehse hat das Wrack untersucht, den Unfallhergang analysiert und die Geschwindigkeiten errechnet. Die von Strafverteidiger Roman von Alvensleben eingeworfene Frage, ob der Beifahrer ins Lenkrad gegriffen haben könnte, beantwortet er so: „Ich kann mir das schwer vorstellen.“ Technische Gründe für die Kollision mit dem Lastwagen habe es auch nicht gegeben. Damit bleibt unbekannt, warum Semir I. plötzlich nach links von der Straße abkam. „Es mag ein technischer Defekt gewesen sein, auch wenn das der Sachverständige ausgeschlossen hat“, sagt Richterin Schmahl. Zu schnelles Beschleunigen könne ebenfalls der Grund dafür gewesen sein, dass der Autofahrer die Kontrolle verlor. „Es mag auch sein, dass jemand ins Lenkrad gegriffen hat. Wir werden das nicht feststellen können.“ Die Ursache habe allerdings der Angeklagte gesetzt. Das sieht das Schöffengericht als erwiesen an.

Die Ehefrau des Angeklagten sorgt im Gerichtssaal für Eklat

Die seinerzeit lebensgefährlichen Kopfverletzungen und die daraus resultierenden bleibenden Schäden, die der Unfallfahrer davongetragen hat, wirken sich strafmildernd aus. Auch eine leichte alkoholbedingte Enthemmung schließt das Gericht nicht aus. Positiv sei, dass sich Semir I. aus freien Stücken bei dem Lkw-Fahrer entschuldigt hat. Als strafschärfend werteten die Richterin und die beiden Schöffen, dass der Angeklagte vorbestraft ist und „eigensüchtige Motive“ hatte. Ein Mensch habe sein Leben verloren, ein Lkw-Fahrer sei dermaßen traumatisiert worden, dass er zwei Jahre arbeitsunfähig war. Und drei Polizisten seien so schwer geschockt worden, dass sie die Hilfe eines Psychologen in Anspruch nehmen mussten. Das wiege schwer, sagte die Richterin. Die Staatsanwältin dürfte mit dem Urteil zufrieden sein – sie hatte zwei Jahre Gefängnis beantragt. Verteidiger Roman von Alvensleben räumte zwar ein, dass Semir I. „schwere Schuld“ auf sich geladen habe, dennoch hält er eine Bewährungsstrafe für angemessen.

Die Ehefrau des Angeklagten sorgte für einen Eklat. Sie unterbrach ihren Mann mehrfach lautstark, als dieser das letzte Wort sprach und sich entschuldigte. Die Richterin drohte schließlich damit, sie aus dem Saal entfernen zu lassen. Auch auf dem Flur schrie die Frau immer wieder, ihr Ehemann sei schon genug gestraft. Sie selbst habe sehr gelitten. Und überhaupt: Die Polizei trage eine Mitschuld an dem Unfall. Bei der Urteilsverkündung waren vorsichtshalber drei Wachtmeister im Gerichtssaal.
Nach der Urteilsverkündung verlässt Semir I. das Amtsgericht und geht nach Hause. Die Haftstrafe muss er nicht sofort antreten. Foto: ube


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