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Semir I. war in erster Instanz zu Haftstrafe verurteilt worden / Auf Flucht vor Polizei Unfall verursacht

Todesfahrer muss nicht ins Gefängnis

HAMELN. Der vor 13 Monaten wegen fahrlässiger Tötung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilte Hamelner Semir I. (36) kommt nun doch mit einer Bewährungsstrafe davon. Sein Verteidiger Roman von Alvensleben hatte im Oktober vergangenen Jahres nach dem Urteil des Schöffengerichts in Hameln Berufung eingelegt.

veröffentlicht am 01.12.2017 um 16:00 Uhr

26. Mai 2014 : In dem VW Golf stirbt der 30 Jahre alte Beifahrer, Autofahrer Semir I. überlebt schwer verletzt. Nach der Kollision mit einem Lastzug schleuderte der Wagen gegen den Hochbordstein – direkt vor einen Zivilstreifenwagen (links). Foto: fn
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Dreieinhalb Jahre nach dem tödlichen Unfall auf der Hamelner Hochstraße, der seinerzeit bundesweit Schlagzeilen machte, beschäftigte sich eine Kleine Strafkammer des Landgerichts Hannover mit dem sogenannten „Todesfahrer von Hameln“. Die Richter kamen diesmal zu einem anderen Entschluss: Semir I. kommt mit zwei Jahren auf Bewährung davon – weil er seinerzeit selbst schwerste Verletzungen erlitten hat, an deren Folgen er wohl für den Rest seines Lebens leiden wird. Rechtsanwalt von Alvensleben, der sich vor dem Landgericht von seinem Kollegen Roman Klodnyckyj vertreten ließ, hatte die Mitleidskarte ausgespielt – und mit dieser Strategie Erfolg.

Die Hamelner Richterin Elisabeth Schmahl war seinerzeit anderer Meinung: „Die Frage der Bewährung stellt sich bei derartigen Straftaten nicht mehr.“ Der mehrfach vorbestrafte Semir I. habe seinerzeit mit dem Fluchtversuch eine folgenschwere Entscheidung getroffen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die Vorsitzende des Schöffengerichts sprach von „eigensüchtigen Motiven, die zu Sorgfaltspflichtverletzungen geführt“ hätten. „Der Tod Ihres Freundes war vermeidbar. Sie hätten nur anhalten müssen.“ Semir I. habe „rücksichtslos“ gehandelt, als er die Flucht vor der Polizei ergriff und sich mit den Einsatzkräften eine Verfolgungsjagd lieferte.

Der Bundeszentralregisterauszug des Hamelners wies schon damals sechs Eintragungen auf – darunter Körperverletzung, Diebstahl und Drogenschmuggel. Für die Einfuhr von Betäubungsmitteln war Semir I. zu drei Jahren Haft verurteilt worden – ein Jahr saß er im Gefängnis, dann kam er auf Bewährung frei. Aber auch Verkehrsdelikte hatte der Hamelner bereits begangen. Trunkenheit am Steuer und Fahren ohne Führerschein. Als er den tödlichen Verkehrsunfall verschuldete, stand er unter laufender Bewährung.

8. Oktober 2016. Semir I. verlässt das Hamelner Schöffengericht, das ihn gerade zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt hat. In der Berufungsverhandlung kam er nun mit Bewährung davon. Foto: ube
  • 8. Oktober 2016. Semir I. verlässt das Hamelner Schöffengericht, das ihn gerade zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt hat. In der Berufungsverhandlung kam er nun mit Bewährung davon. Foto: ube

Die Folgen des Fehlverhaltens waren verheerend: Ein Mann verlor sein Leben, ein Lkw-Fahrer wurde dermaßen traumatisiert, dass er zwei Jahre arbeitsunfähig war, drei Polizisten waren so schwer geschockt, dass sie die Hilfe eines Psychologen in Anspruch nehmen mussten.

All das will Verteidiger Roman von Alvensleben nicht kleinreden. Sein Mandant habe schwere Schuld auf sich geladen, als er sich am 26. Mai 2014, alkoholisiert und ohne einen Führerschein zu haben, hinter das Steuer seines Autos setzte und den tödlichen Unfall verursachte. Semir I. sei heute nicht mehr der, der er einst einmal war. „Die Person, die die Verkehrsstraftaten begangen hat, gibt es nicht mehr“, argumentiert der Anwalt. Er habe bei dem Verkehrsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades erlitten und bleibende Schäden davongetragen. Sein Mandant sei inzwischen an Epilepsie erkrankt. „Dinge, die ihm früher leicht von der Hand gingen, kann er heute nicht mehr erledigen. Er wird auch nie wieder vernünftig mit seinen Kindern umgehen können, seine Lebenszeit ist zudem deutlich verkürzt.“ Er stehe unter Betreuung.

Das Landgericht hörte neben Ärzten auch den Betreuer des Todesfahrers. „Der Experte hat gesagt, dass Semir I. eher in ein Pflegeheim gehört, als in ein Gefängnis“, sagte Roman von Alvensleben. Dieser Ansicht ist das Landgericht wohl im Großen und Ganzen gefolgt.

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