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„Dann sind bei mir die Lichter ausgegangen“

Tatort Rattenfänger-Halle: Opfer spricht vor Gericht

HAMELN/HANNOVER. Vor zwei Jahren war Tunc K. dem Tod sehr nahe. Am 1. Mai 2015 wurde er in der Rattenfängerhalle beim Tanz in den Mai angegriffen – erst von einem, später von zwei Männern. Die Tatverdächtigen, zwei Brüder aus Hameln, sitzen auf der Anklagebank, als Tunc vor dem Schwurgericht Hannover aussagt. K. tritt als Nebenkläger auf. Ihm zur Seite steht Opfer-Anwältin Seyhan Öztürk.

veröffentlicht am 09.08.2017 um 16:32 Uhr
aktualisiert am 09.08.2017 um 18:30 Uhr

Der Prozess am Landgericht Hannover soll am 22. August fortgesetzt werden. Foto: fn
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Leonhard Behmann Reporter
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„Es fällt mir sehr schwer, vor den Menschen, die mir diese schweren Verletzungen zugefügt haben, zu sitzen“, sagt der 28-Jährige zu Beginn der Verhandlung. Tunc K. berichtet von seinen Erinnerungen an die Tat und beschreibt die Tatabläufe.

Angefangen habe alles, als er einem Pärchen in der Diskothek „Nachtschicht“ bei einem Streit mit dem heute Angeklagten Erdinc Y, helfen wollte, erzählt der Aerzener. Erdinc Y. habe seine Hand, mit der er den Streit schlichten wollte, weggeschlagen. Kurz darauf seien er und das Pärchen von Türstehern rausgeworfen worden. Nach dem Vorfall habe er den ebenfalls angeklagten Bruder von Erdinc Enis Y. getroffen, es sei zu Beleidigungen und einem Wortgefecht gekommen. Bei der Mai-Feier habe er dann die Brüder wiedergesehen. Enis Y. sei grinsend und gezielt auf ihn zugegangen und habe ihn angerempelt. Kurz danach sei dann auch Erdinc Y. dazugekommen. Als er die beiden zur Rede stellen wollte, habe Y. ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Es sei dann zu einer Prügelei gekommen. Erdinc sei sehr aggressiv gewesen. Danach habe er nur „etwas Hartes im Nacken bemerkt“. Es habe sich angefühlt, wie ein Schlag.

Der Zeuge Marlon N. sei dann dazwischengegangen. „Nach dem Schlag war ich benommen und mir war ein bisschen schwummerig“, sagt Tunc K. Der Zeuge habe ihn gestützt und zur Toilette begleitet, wo er sich das Gesicht gewaschen habe. „Ich habe überall Blut in meinem Gesicht gehabt“, sagt er – und beteuert: „Ich habe mich vorher noch nie geschlagen.“ Nach der ersten Auseinandersetzung sei er dann von Enis Y. beleidigt worden. Marlon N. habe wieder versucht, zu schlichten. Kurz darauf habe er dann wieder einen „starken Schlag am Hinterkopf“ gespürt. „Dann sind bei mir die Lichter ausgegangen“, erzählt das Verbrechensopfer.

Gefesselt: Der Angeklagte Enis Y. wird von einem Justizwachtmeister in den Gerichtssaal geführt. Foto: leo
  • Gefesselt: Der Angeklagte Enis Y. wird von einem Justizwachtmeister in den Gerichtssaal geführt. Foto: leo

Erst im Krankenhaus sei er aufgewacht. Dort habe er auch Marlon N. wieder getroffen. „Ich habe ihm mein Leben zu verdanken“, sagt Tunc. Opfer-Anwältin Seyhan Öztürk zeigt Fotos von den Verletzungen ihres Mandanten. Das, was ihm angetan wurde, würde Tunc K. sehr mitnehmen. „Die Tat werde ich nie vergessen – da bin ich mir sicher“, sagt der 28-Jährige zu Richter Wolfgang Rosenbusch. Er sei noch immer geplagt von schlimmen Albträumen, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwächen. Das Verbrechen verfolge ihn sehr oft bis in den Schlaf. „Ich träume die Tat und wache dann schweißgebadet und mit Tränen in den Augen auf.“ Seine Arbeit als Maschinenführer könne er nicht mehr ausüben, er arbeitet jetzt als Kontrolleur in der Firma. „Ich erkenne mich nicht mehr wieder“, erzählt er weiter mit zittriger Hand. „Ich habe angefangen zu rauchen, wegen dem Stress – und bin jetzt spielsüchtig“.

Die Angeklagten Erdinc und Enis Y. sitzen rechts neben dem Opfer auf der Anklagebank, während er aussagt. Sie vermeiden den Blickkontakt.

Grundlos soll Erdinc Y. den Aerzener mit Faustschlägen attackiert und mit einer Bierflasche angegriffen haben, wodurch dieser benommen zu Boden ging und eine blutende Kopfplatzwunde erlitt. Kurze Zeit später sollen Erdinc Y. und Enis Y. den Verletzten erneut überraschend von hinten mit Bierflaschen, die als Schlagwerkzeuge benutzt wurden, angegriffen haben, wodurch das Opfer erneut das Bewusstsein verlor. Als der Schwerverletzte wehrlos auf dem Fußboden lag, sollen die Angeklagten mindestens sechsmal mit wuchtigen Tritten Kopf und Gesicht des Mannes attackiert haben.

Tunc K. lehnt einen Täter-Opfer-Ausgleich ab. „Ich finde das total lächerlich“, sagt er. Das was ihm die Brüder angetan haben, sei „nicht mit Geld bezahlbar“. Richter Rosenbusch verliest eine schriftliche Entschuldigung von Erdinc Y. Tunc K. sagt daraufhin: „Eine Entschuldigung nach der Tat wäre glaubwürdiger gewesen, als eine kurz vor dem Prozess. Ich nehme das nicht an, das ist lächerlich.“

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