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„Sie wussten, was Sie taten“

Tanz in den Mai-Prozess: Lange Haftstrafen für Hamelner Brüder

HAMELN/HANNOVER. Die wegen eines versuchten Tötungsdelikts angeklagten Brüder Erdinc (25) und Enis Y. (29) sind am Donnerstagmittag zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Das Schwurgericht in Hannover sieht es als erwiesen an, dass die Männer in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2015 beim Tanz in den Mai in der Hamelner Rattenfänger-Halle den Tod eines Mannes aus Aerzen durch Schläge mit Bierflaschen und massiven Tritten gegen den Kopf billigend in Kauf genommen haben. Enis Y. muss sechs Jahre, Erdinc Y. fünf Jahre und drei Monate ins Gefängnis - wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

veröffentlicht am 21.09.2017 um 13:43 Uhr
aktualisiert am 21.09.2017 um 16:20 Uhr

Die Hamelner Brüder Erdinc und Enis Y. betreten den Schwurgerichtssaal. Eine Justizwachtmeisterin schließt die in die Anklagebank eingelassene Tür. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Erdinc Y. wurde zudem für eine weitere gefährliche Körperverletzung verurteilt. Er hatte dem Opfer schon vor der eigentlichen Tat eine Flasche auf den Kopf geschlagen.

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch sagte in Richtung der Angeklagten: „Sie wussten, was Sie taten.“ Die Angeklagten hätten mit bedingtem Vorsatz gehandelt. „Sie wollten ihn zwar nicht töten, aber Sie wussten sehr genau, dass die Tritte gegen den Kopf den Tod des Opfers verursachen können. Aus Sicht der Kammer besteht daran jedenfalls kein Zweifel.“ Mehrfach hätten die Brüder mit großer Wucht zugetreten – teilweise mit beiden Füßen gleichzeitig. Rosenbusch sprach in diesem Zusammenhang von „Elfmeter-Schüssen“. Es sei den Angeklagten „völlig klar gewesen, dass diese Tritte den Tod nach sich ziehen können“. Damit könne man alles kaputt machen, was einen Menschen ausmacht. Das Opfer habe dramatische, Gott sei Dank aber nicht lebensgefährliche Verletzungen davongetragen, leide allerdings noch heute psychisch unter den Folgen der Attacke. Wörtlich sagte Richter Rosenbusch: „Er hat dem Tod ins Gesicht gesehen.“ Mehrere nüchterne Zeugen hatten geglaubt, der am Boden liegende schwer malträtierte und blutüberströmte Mann sei tot.

Oberstaatsanwalt Dr. Marcus Preusse hatte bereits am vorletzten Prozesstag für Enis Y. sechs Jahre und für Erdinc Y. (25) fünf Jahre und sechs Monate Haft beantragt. Bis zuletzt zogen die Verteidiger alle Register, um ihre Mandanten vor dem Gefängnis zu bewahren. Die vier Rechtsanwälte werteten den Angriff lediglich als gefährliche Körperverletzung. Tanja Brettschneider und Björn Nordmann halten für Enis Y. eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt für ausreichend. Und das Strafverteidiger-Duo Roman von Alvensleben und Muammer Duran kämpft nach wie vor dafür, dass der Angeklagte Erdinc Y. mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.

Sofort nach der 45-minütigen Urteilsbegründung verschwand von Alvensleben in einem Zimmer des Anwaltsvereins, um für seinen Mandanten Revision einzulegen. Vor der Urteilsverkündung hatte Rechtsanwalt Duran Oberstaatsanwalt Dr. Preusse angegriffen. Die Ausführungen des Anklägers hätten „wenig mit Wahrheitsfindung“ zu tun, sagte er. Die Staatsanwaltschaft habe vieles „verdreht dargestellt oder umgedeutet“, nur um zu erreichen, dass die Angeklagten verurteilt werden. Der Hauptbelastungszeuge Martin D. (25, Name geändert), habe Belastungstendenzen erkennen lassen. „Er mag die Jungs nicht, er hat Probleme mit den beiden. Es war ihm deshalb wohl ganz recht, dass so etwas passiert. Das war die Gelegenheit, den Brüdern eins auszuwischen.“

Verteidiger Nordmann hatte für seine Kollegin Tanja Brettschneider, die am Donnerstag nicht an der Verhandlung teilnehmen konnte, Anträge gestellt, die die Glaubwürdigkeit des Zeugen erschüttern sollten. Beim Studium der bei der Polizei protokollierten und vor Gericht gemachten Angaben will das Anwaltsduo auf Ungereimtheiten gestoßen sein. Martin D. habe sich in Widersprüche verstrickt und Belastungstendenzen gezeigt“, erklärte Nordmann. Das Gericht lehnte die Anträge als unbegründet ab. „Die Tatsachen, die erwiesen werden sollen, sind bereits erwiesen worden“, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch. Ähnlich hatte sich zuvor der Oberstaatsanwalt geäußert. „Die Detail-Widersprüche sind längst erwiesen. Sie waren bereits Gegenstand der Beweisaufnahme.“

Enis und Erdinc Y. hatten sich vor dem Richterspruch bei Opfer Tunc K. (28) entschuldigt. „Es tut mir wirklich leid, was passiert ist. Ich wollte ihn nicht umbringen“, sagte Enis Y. mit ruhiger Stimme. Sein Bruder Erdinc betonte weinend, seine Entschuldigung komme von ganzem Herzen. Er hoffte zu diesem Zeitpunkt noch auf eine Bewährungsstrafe, flehte die deshalb Richter an: „Geben Sie mir bitte eine Chance. Warum nur eine? Weil ich keine zweite brauche.“

Das Gericht ließ sich davon nicht beeindrucken. Dass die Brüder am Tatabend mehrere Flaschen Schnaps getrunken haben, nahm die Kammer den Männern nicht ab. „Sie hätten, wenn Ihre Angaben stimmen würden, dann 5,1 Promille intus gehabt. Selbst für Menschen, die jahrzehntelang abhängig sind, wäre das eine tödliche Dosis gewesen. Das, was Sie uns erzählt haben, ist Quatsch“, sagte Rosenbusch. Den Zeugen Martin D. hält das Gericht für „neutral“.

Die Kammer habe nicht erkennen können, dass D. „die Brüder zu Unrecht belasten“ will. „Dass es Ungereimtheiten gibt, ist nicht ungewöhnlich, berührt die Glaubwürdigkeit des Augenzeugen nicht. Das war schließlich ein Tumultgeschehen. Kein Zeuge ist in der Lage, so etwas exakt zu beschreiben. Niemand kann das.“

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