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Angeblich waren sie zur Tatzeit betrunken

Tanz in den Mai-Prozess: Angeklagte haben Gedächtnislücken

HAMELN/HANNOVER. Ein 28 Jahre alter Aerzener ist beim Tanz in den 1. Mai 2015 fast zu Tode geprügelt worden. Die beiden mutmaßlichen Täter haben am ersten Prozesstag eingeräumt, ihn geschlagen zu haben. Sie könnten sich aber nicht mehr an Details erinnern, da sie am Tatabend exzessiv getrunken hätten. Beide haben dem Opfer über ihre Anwälte Geld anbieten lassen. Am kommenden Mittwoch wird der Prozess mit der Aussage des Opfers fortgesetzt.

veröffentlicht am 04.08.2017 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 04.08.2017 um 21:20 Uhr

Nach Angaben eines der Angeklagten sei er bereits Wochen vor der Tat einmal mit dem Opfer aneinander geraten. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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„Er ist nicht mehr der, der er einmal war“, sagt die Rechtsanwältin Seyhan Öztürk über ihren Mandanten. Der 28 Jahre alte Aerzener ist vor mehr als zwei Jahren Opfer eines brutalen Verbrechens geworden. In der Hamelner Rattenfängerhalle, beim Tanz in den Mai, ist es passiert. Gegen 2.30 Uhr. Der nach Meinung der Staatsanwaltschaft Hannover grundlos Attackierte hat am 1. Mai 2015 schwere Verletzungen im Gesicht erlitten. Oberstaatsanwalt Dr. Marcus Preusse zählt zu Beginn des Prozesses vor dem Schwurgericht Hannover nur einige auf: Schädel-Hirn-Trauma, Nasenbeinbruch, Jochbeinfraktur, Kiefergelenk-Trauma. Der krankenhausreif getretene und geschlagene Mann musste operiert werden; er war monatelang arbeitsunfähig. Noch heute leidet er unter dem Geschehen. Der Aerzener muss nach wie vor psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und Tabletten schlucken. Er leidet unter einer posttraumatischen Störung und hat Angstzustände. „Nachts traut er sich nicht mehr raus“, erzählt Opfer-Anwältin Seyhan Öztürk der Dewezet. Die Leidensgeschichte des 28-Jährigen ist noch nicht zu Ende. Zwei weitere Operationen stehen an.

Die Brüder, denen versuchter Totschlag zur Last gelegt wird, können sich angeblich an fast gar nichts mehr erinnern. Sie lassen ihre Strafverteidiger Tanja Brettschneider und Roman von Alvensleben Erklärungen vorlesen. Unmengen von Alkohol wollen sie in dieser Nacht getrunken haben. Enis Y. (29) und Erdinc Y. (25) hatten Monate nach der Tat die Flucht ergriffen und waren in der Türkei untergetaucht. Ihre Verteidiger konnten sie schließlich davon überzeugen, dass es für sie besser ist, nach Deutschland zurückzukehren und sich zu stellen. Erdinc Y. wurde vor ein paar Wochen von der bulgarischen Grenzpolizei, Enis Y. von der Bundespolizei am Flughafen Langenhagen festgenommen. Nach beiden war mit einem internationalen Haftbefehl gefahndet worden. Jetzt sitzen sie in U-Haft.

Am Freitagvormittag sind die Angeklagten von Justizwachtmeistern aus dem Zellenkeller des Landgerichts geholt und in den Gerichtssaal geführt worden. Die Brüder sehen aus, als könnten sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Schläger stellt man sich anders vor. Enis und Erdinc Y. tragen ihre Oberhemden lässig über der Hose, ihre Haare sind ordentlich geschnitten und gekämmt, so als kämen sie gerade vom Friseur. Beide blicken durch schwarze Brillen. Sie wirken wie Studenten. Vermutlich wollen sie genau diesen Eindruck erwecken.

Die mutmaßlichen Täter lassen sich von einer Frau und von drei Männern verteidigten. Ihnen ist offenbar klar, dass die 13. Große Strafkammer hohe Strafen verhängen kann. Die Staatsanwaltschaft geht nämlich davon aus, dass die Angeklagten den Tod des Opfers billigend in Kauf genommen haben. Die Brüder sollen seinerzeit Streit gesucht haben. Schon möglich, dass sie enthemmt waren. Völlig grundlos soll Erdinc Y. den Aerzener mit Faustschlägen attackiert und mit einer Bierflasche angegriffen haben, wodurch dieser benommen zu Boden ging und eine blutende Kopfplatzwunde erlitt. Kurze Zeit später sollen Erdinc Y. und Enis Y. den Verletzten erneut überraschend von hinten mit Bierflaschen, die als Schlagwerkzeuge benutzt wurden, angegriffen haben, wodurch das Opfer erneut das Bewusstsein verlor. Dann soll etwas passiert sein, was an brutale Taten von U-Bahn-Schlägern erinnert: Als der Schwerverletzte bereits wehrlos auf dem Fußboden lag, sollen die Angeklagten mehrmals abwechselnd mit wuchtigen Tritten Kopf und Gesicht des Mannes attackiert haben. Für die Tritte gegen den Kopf sollen die Tatverdächtigen sogar Anlauf genommen haben. Jeweils mindestens dreimal sollen Erdinc Y. und Enis Y. zugetreten haben, sagt Oberstaatsanwalt Dr. Preusse. Einem Zeugen, der sich schützend vor das nicht mehr ansprechbare und blutüberströmte Opfer gestellt hatte, soll gegen den Brustkorb getreten worden sein, um die Tat vollenden zu können.

Strafverteidigerin Tanja Brettschneider erklärt für Enis Y., er habe in der Walpurgisnacht gemeinsam mit seinem Bruder eine Shisha-Bar besucht und dort fast eine Flasche Whisky und ein paar Wodka getrunken. Später will er noch drei oder vier Wodka-Energy in sich hineingeschüttet haben. Deshalb könne er sich mehr an die genauen Abläufe erinnern. Er räumt immerhin ein: „Ich kann nicht ausschließen, dass ich ihn geschlagen habe.“ Von Tritten gegen den Kopf wisse er nichts mehr. Zu keinem Zeitpunkt habe er den Tod eines Menschen gewollt, beteuert er. Er könne sich nur entschuldigen und biete dem Opfer ein Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro an. Mehr Geld habe er nicht. Enis Y. stellt sich als Trinker dar. Es habe Tage gegeben, da sei er auch auf der Arbeit nicht nüchtern gewesen. In der Türkei sei sein Alkoholkonsum dann vollends außer Kontrolle geraten. „Ich habe jeden Abend eine Flasche Raki getrunken.“ Enis Y. hofft, dass der Aerzener seine Entschuldigung und das Geld als Wiedergutmachung annimmt. Er kann darauf hoffen, dass sich das strafmildernd auswirkt.

Erdinc Y. lässt Verteidiger Roman von Alvensleben für sich reden. Er vertrage Alkohol „ganz schlecht“, lässt er erklären. Dennoch will er in der Walpurgisnacht drei Flaschen Hochprozentiges geleert haben. Mit dem Aerzener will er bereits ein paar Wochen vor der Tat aneinandergeraten sein. In der Diskothek „Nachtschicht“. „Der ist mir komisch gekommen.“ Der 25-Jährige will seinerzeit die Türsteher informiert haben. Bei der Mai-Party sahen sich die Männer wieder. „Er wollte mich wegen der Disko-Sache zur Rede stellen.“ Der Aerzener, das behauptet zumindest der Angeklagte, soll versucht haben, ihn mit der Hand oder mit einer Bierflasche zu schlagen. Erdinc Y. lässt ausrichten, er habe wohl auch zugehauen. Erdinc Y. sagt aber auch: „Ich meine, dass ich weder auf ihn brutal eingeschlagen noch eingetreten habe. Ich will das aber nicht in Abrede stellen oder irgendetwas gutheißen.“ Auch er entschuldigt sich bei dem Opfer und bietet Geld an.

Seyhan Öztürk, die den Nebenkläger vertritt, sagt, ihr Mandant sei nicht bereit, einem Täter-Opfer-Ausgleich zuzustimmen. Zum einen sei der Betrag sehr niedrig, zum anderen sei der Aerzener in einem Entschuldigungsschreiben bezichtigt worden, selbst zugeschlagen zu haben und eine Mitschuld zu tragen. Die Anwältin behauptet noch etwas, was aufhorchen lässt: „Es sind ein paar Sachen vorgefallen, wo aus Kreisen der Familie Druck ausgeübt wurde.“ Was genau sie damit meint, erklärt sie nicht. Licht in das Dunkel wird wohl am Mittwoch das Opfer bringen. Es will umfassend aussagen. Seyhan Öztürk hatte dem 28-Jährigen geraten, nicht schon am ersten Prozesstag im Saal zu sitzen. „Für ihn ist das sehr belastend. Ich will ihn schützen“, sagt die Anwältin. „Das ist meine Aufgabe.“



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