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Ermittler untersuchen verkohlte Wrackteile / Bergung stellt THW-Helfer vor Herausforderungen

Spurensuche im Nebel

COPPENBRÜGGE. Das Anfang Dezember abgestürzte Leichtflugzeug konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten nun doch noch vor Weihnachten geborgen werden. Reporter Ulrich Behmann war live bei den Bergungsarbeiten des THW dabei.

veröffentlicht am 21.12.2017 um 18:04 Uhr

Ermittlungen am Unglücksort: Ein Experte der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen inspiziert ein verkohltes Wrackteil. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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4 Grad Celsius, Nebel mit Sichtweiten unter 100 Metern, dazu Nieselregen. Von den Bäumen fallen Wassertropfen, sie zerplatzen auf den gelben Helmen der 40 THW-Helfer, die sich mit Allrad- und Kettenfahrzeugen hinauf auf den Ithkamm kämpfen. Der Weg führt vorbei an Klippen, Steilhängen und Abgründen. Die Stiefel der Frauen und Männer, die am Donnerstag gegen 8 Uhr alarmiert wurden, versinken knöcheltief im Morast. Ab und zu rutscht jemand aus. Sanitäter der Schnellen Einsatzgruppe des DRK Hameln stehen in Bereitschaft. Alle wissen: Das Verletzungsrisiko ist groß. Im Beisein von drei Ermittlern der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) sollen die letzten Wrackteile des Schulungsflugzeugs geborgen werden, das am 8. Dezember auf seinem Flug von Osnabrück nach Braunschweig zwischen dem Ithturm und der bekannten Steinformation „Adam und Eva“ abgestürzt und an einer Felswand zerschellt ist. Der 78 Jahre alte Pilot kam dabei ums Leben. Er galt als sehr erfahren, war mehr als 20 000 Flugstunden in der Luft. Noch immer ist unbekannt, weshalb die im Jahr 2003 gebaute Maschine von den Radarschirmen verschwunden ist. Sie kam gerade aus der Wartung.

Fakt ist: An vielen Trümmerteilen sind Brandspuren zu sehen. Die Frage ist: Wann hat das Motorflugzeug Feuer gefangen – bereits in der Luft oder erst beim Aufprall? Die BFU-Experten werden die Teile in der sogenannten Wrackhalle in Braunschweig auslegen – die großen und kleinen Trümmer sollen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Dann können die Untersuchungen am Wrack beginnen. Jedes noch so kleine Detail könnte helfen, die Unglücksursache zu klären. Die Unfalluntersucher werden sich die Bruchstellen genauer anschauen – auch unter dem Mikroskop. Hat es während des Fluges sogenannte Ermüdungsbrüche (gemeint ist Materialermüdung) gegeben – oder sind die Brüche erst beim Aufschlag gegen die Felswand entstanden? Auch Brandermittler werden wohl hinzugezogen.

Wettergutachten, Nachforschungen in der Werft, in dem das Flugzeug gewartet wurde, und das Obduktionsergebnis könnten die Ermittler einen Schritt weiterbringen. Rechtsmediziner haben inzwischen herausgefunden, dass der Pilot an den Folgen der schweren Verletzungen, die er sich bei dem Absturz zugezogen hat, gestorben ist. „Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis wurden keine Auffälligkeiten entdeckt“, sagte Hauptkommissar Jens Petersen.

Schwierige Bergung im unwegsamen Gelände: Mit einem Kettenfahrzeug transportieren THW-Helfer Trümmerteile ab. Foto: ube
  • Schwierige Bergung im unwegsamen Gelände: Mit einem Kettenfahrzeug transportieren THW-Helfer Trümmerteile ab. Foto: ube

Die Ermittlungen werden sich über Monate hinziehen. Ein erster Zwischenbericht wird nach Angaben von BFU-Sprecher und Flugunfalluntersucher Jens Friedemann voraussichtlich im Februar veröffentlicht. Dieser werde zwar die bis dahin gesammelten Fakten, allerdings noch keine Analysen und Schlussfolgerungen enthalten. Der Abschlussbericht der BFU wird wohl erst Mitte kommenden Jahres vorliegen.

Die Bergung der Wrackteile gestaltet sich schwierig. Das Gelände ist steil und unwegsam. Immer wieder rutschen die Stiefel weg. Die ehrenamtlichen THW-Helfer aus Hameln, Springe und Ronnenberg halten sich an Seilen fest, die sie zuvor zwischen den Bäumen gespannt haben. Erst wenn die BFU-Ermittler die Lage der Trümmer vermessen und notiert, fotografiert und gefilmt haben, dürfen sie von den THW-Helfern weggetragen werden. THW-Fachberater Andreas Weiher leitet den Einsatz. Er war schon mehrfach hier oben, hat erkundet, was geht – und was nicht. „Vor einer Woche war hier noch tiefer Winter“, sagt der Fachberater. Der Schnee habe 30 Zentimeter hoch gelegen. „Es war definitiv nicht möglich, an diesem Steilhang zu arbeiten“, sagt Weiher. „Und selbst wenn: Wir hätten die Teile unter der Schneedecke gar nicht finden können.“

Am Mittwochabend bereitete das THW alles für die zweite Bergung vor – der Schnee war größtenteils weggetaut. Weiher wusste, dass seine Helfer ohne Spezialgeräte keine Chance haben, die Trümmer wegzuschaffen. Er bat deshalb den Geschäftsführer der Gartenbaufirma Aerzener-GaLa-Bau um Unterstützung. Björn Joachim sagte sofort Hilfe zu, stellte Kettenfahrzeug, Quad, Motorschubkarre, Lastwagen und Anhänger zur Verfügung. „Ohne diese Fahrzeuge hätten wir Probleme gehabt, die Wrackteile auf dem morastigen Kammweg zu transportieren“, sagt Weiher.

Am frühen Nachmittag hatten es die 40 THW-Helfer, die mit elf Einsatzfahrzeugen angerückt waren, geschafft. Die Absturzstelle war geräumt. DRK-Helfer versorgten die Ehrenamtlichen mit einer heißen Gulasch-Suppe.

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