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Mehr als 1000 skurrile Autos rollen durch Hamel

Sofa auf dem Dach, Bullhorn an der Haube: Polizei stoppt Rallye-Autos

HAMELN. Sie fielen auf – und sie wollten das auch. Ihre mehr als 15 Jahre alten Autos waren skurril, bunt, laut und zum Teil nicht verkehrssicher. Bullhorn-Fanfaren, Sirenen und knatternde Auspuffanlagen waren stundenlang in der Stadt zu hören. Mitglieder der niederländischen „Carbage Run Nederland“-Challenge kurvten den ganzen Tag durch Hameln. Ziel dieser Fahrzeug-Schnitzeljagd ist es, mit „alten Kisten“, die nicht mehr als 500 Euro gekostet haben, in fünf Tagen 2500 Kilometer zurückzulegen.

veröffentlicht am 03.07.2018 um 11:56 Uhr
aktualisiert am 05.07.2018 um 15:45 Uhr

Die Route führt durch Deutschland, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Slowenien. Zwei Wagen legte die Polizei still. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Ziel dieser Fahrzeug-Schnitzeljagd, die den Namen „Carbage Run Nederland“ trägt, ist es, mit „alten Kisten“, die nicht mehr als 500 Euro gekostet haben, in fünf Tagen 2500 Kilometer zurückzulegen – die Route führt durch Deutschland, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Slowenien. Die Hamelner Polizei nahm die Herausforderung am Montagabend an, nachdem sich die Beschwerden über die teils grotesk anmutenden Vehikel gehäuft hatten.

„Viele irritierte Anwohner und Passanten haben sich bei der Polizei in Hameln über den Lärm beklagt, der aus manipulierten Auspuffanlagen und angeflanschten Lautsprechern auf die Straßen drang“, erklärt Hauptkommissar Jens Petersen. „Die mit unterschiedlichen Accessoires bestückten Fahrzeuge schienen nicht immer den verkehrstechnischen Bestimmungen zu entsprechen. Dabei hatte das der Veranstalter sogar vorgegeben.“ Mehr als 1000 Spaßrallye-Wagen hätten Hameln im Laufe des Tages passiert, meldete die Polizei. Die Teilnehmer seien über Bodenwerder, Eschershausen, Bad Gandersheim, Seesen und über den Harz weiter in Richtung Dresden gereist, hieß es. Kommissare einer Spezialeinheit der Inspektion Hameln/Holzminden entschlossen sich, stichprobenartige Kontrollen durchzuführen. „Wir haben dafür die Betonfläche des ehemalischen Wasserübungsplatzes der britischen Streitkräfte an der Fischbecker Landstraße genutzt“, sagte Petersen.

Die auf der Bundesstraße 83 einreisenden Fahrzeuge seien nach einer Sichtprüfung ausgewählt und auf dem Kontrollplatz inspiziert worden. Zeitweise habe ein Kfz-Sachverständiger die Beamten unterstützt. Tatsächlich wurden an einigen Autos gravierende Mängel festgestellt, aber: „Auch wenn es äußerlich nicht immer den Anschein hatte: Die meisten Fahrzeuge, die wir unter die Lupe genommen haben, waren verkehrssicher und entsprachen größtenteils den deutschen Vorgaben“, fasst Petersen zusammen. Zahlreiche Vehikel wurden jedoch von den Verkehrsfahndern beanstandet. Die Fahrer durften die Fahrt zunächst nicht fortsetzen.

Dieser Niederländer fährt einen aufblasbaren Schwan spazieren. Die Polizeikontrolle nahmen diese Rallye-Teilnehmer mit Humor. Fotos: Polizei
  • Dieser Niederländer fährt einen aufblasbaren Schwan spazieren. Die Polizeikontrolle nahmen diese Rallye-Teilnehmer mit Humor. Fotos: Polizei
Fotografieren und fotografiert werden – der Teddybär muss mit.
  • Fotografieren und fotografiert werden – der Teddybär muss mit.

Die Rallye-Teilnehmer zeigten sich solidarisch, tauschten Akku-Werkzeuge aus und legten gemeinsam Hand an. „Teilweise wurden innerhalb von nur wenigen Minuten unsichere Aufbaute abgetrennt und scharfe Kanten beseitigt“, berichtet der Hauptkommissar. Erst als alle Probleme gelöst waren, durften die Niederländer weiterfahren. „An fünf Fahrzeugen haben wir größere Mängel festgestellt. In zwei Fällen waren sie so erheblich, dass die Fahrzeuge an Ort und Stelle stillgelegt werden mussten.“ Die Autofahrer hätten eine Sicherheitsleistung entrichten müssen. Das ist eine Art Kaution für ein zu erwartendes Bußgeld. Ausländer müssen sie hinterlegen, wenn sie keinen Wohnsitz in Deutschland haben.

Petersen stellt klar: „Die Polizei wollte nicht als Spielverderber auftreten und einen spaßigen Roadtrip unterbinden, allerdings gibt es sicherheitsrelevante Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Ungenügend befestigte Dachaufbauten, unter anderem Sofas, die herabfallen können, spitze Gegenstände, die an der Karosserie befestigt wurden oder übermäßige Lärmbelästigungen durch unzulässige Abgasanlagen gehören nicht in den öffentlichen Verkehrsraum.“ Das hätten auch die meisten kontrollierten Teilnehmer eingesehen. Die Niederländer zeigten Verständnis, ließen sich ihren Spaß und ihre gute Laune nicht verderben. „Einige Leute, die von uns gestoppt wurden, haben unsere Kolleginnen und Kollegen um ein schnelles Fotoshooting gebeten und ihnen einige für Kontrollen hilfreiche Ausdrücke auf Niederländisch beigebracht“, sagte Petersen.

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