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... und droht Familienmitglieder umzubringen

Sextäter erpresst Nacktfotos von minderjährigen Mädchen

veröffentlicht am 02.09.2016 um 19:14 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:00 Uhr

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Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Sie war erst 13, als die Hamelnerin Maria (Name von der Redaktion geändert) im Internet einen Mann kennenlernte, der Böses im Schilde führte. Der Italiener Carusone L. soll von der Schweiz aus im Chat mit seinen angeblichen Verbindungen zur Mafia geprahlt und mit massiven Drohungen Maria und andere minderjährige Mädchen in Angst versetzt und sie sexuell genötigt haben. Der heute 24-Jährige hatte der Schülerin aus Hameln unter anderem geschrieben, er werde vor ihren Augen ihre Familie töten, wenn sie ihm keine Nacktfotos von sich schicke. Als Druckmittel setzte er die Wohnadresse des Kindes ein, die er irgendwie herausgefunden hatte. Seine perfide Masche: Er kontaktierte seine Opfer mit verschiedenen Identitäten. Mal spielte er den Guten, mal den Bösen. Er sei „richtig teuflisch“, schrieb er einmal.

Was Maria in der virtuellen Welt erlebt hat, ist für sie die Hölle auf Erden geworden. Noch heute leidet die inzwischen 18-Jährige unter den Vorkommnissen, die sich zwischen August und November 2010 ereignet haben. Einer anderen Frau sagte der Mann, er habe in Italien schon mehrere Leute umgebracht. Sie hätte nun die Wahl: Entweder verliere sie 50 Personen, die ihr nahe stünden. Oder sie gehe eine Beziehung mit ihm ein. Die Frau hatte Angst, traf sich mit ihm – und bezahlte die Nacht beinahe mit ihrem Leben.

In erster Instanz ist Carusone L., der laut Gutachten sadomasochistisch veranlagt ist und an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, am 26. Januar 2015 vom Regionalgericht des Kantons Berns zu einer Freiheitsstrafe von 23 Monaten verurteilt worden. Sie sollte zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben werden. Der Beschuldigte akzeptierte das Urteil nicht – und auch die Generalstaatsanwaltschaft legte Berufung ein. Das Berner Obergericht beschäftigte sich vor wenigen Tagen mit dem Fall und verurteilte den Angeklagten wegen sexueller Nötigung, sexuellen Handlungen mit Kindern und Pornografie zu einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten. Das Obergericht ging damit deutlich über das Strafmaß von 23 Monaten des Regionalgerichts hinaus. Die Strafe wird zugunsten einer Maßnahme für junge Erwachsene in Kombination mit einer stationären Therapie aufgeschoben. Ferner muss der Mann ein Bußgeld in Höhe von 600 Franken entrichten und zwei Opfern eine sogenannte Genugtuung von jeweils 4000 Franken bezahlen. Der Hamelner Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben, der Maria in schwierigen Zeiten juristisch zur Seite stand, hat den Täter vor Gericht „als Monster“ bezeichnet. Es sei schon „eine krasse Nummer gewesen, die er da abgezogen habe“, sagte der Rechtsanwalt in Bern. Carusone L. habe seiner Mandantin „unendliches Leid zugefügt. Um sich selbst zu befriedigen, habe er minderjährige Mädchen massiv bedroht, um an Sexbilder zu kommen. Auch Oberrichter Philippe Guéra fand während seiner Urteilsbegründung deutliche Worte: „Wer im Dunstkreis des Internets von minderjährigen Mädchen Sexbilder verlangt, ist nicht mehr harmlos unterwegs.“ Der Angeklagte habe seine Opfer manipuliert, sagte der Richter. In einem Fall sei es sogar zu körperlicher Gewalt gekommen. Der Mann hatte eine junge Frau dazu gebracht, zu ihm zu kommen. Im Verlauf des Abends setzte er sich auf ihre Brust und hielt ihr Mund und Nase zu, bis sie zu zappeln begann. Der Mann soll ihr einen Plastiksack über den Kopf gezogen haben – angeblich, um zu schauen, wie lange sie die Luft anhalten kann. Dann soll er sie vergewaltigt haben. Der Beschuldigte bezeichnete das Treffen als friedliches „romantisches Rendezvous“. Auch wenn die Frau diesem Treffen zugestimmt habe, sei sie am Ausgang der vermeintlichen Liebesnacht unschuldig, sagte Guéra. „In einem Date ist nicht alles inbegriffen.“

Bei der Begehung der Taten sei Carusone L. „sehr raffiniert“ und „mit Vorsatz“ vorgegangen.“ Opfer-Anwalt von Alvensleben beschreibt das Vorgehen des Täters und das Leiden der Opfer so: „Das ist so, als stehe man am friedlichen Thuner See – und plötzlich taucht etwas auf, das einen unter Wasser zieht. Man ringt um Luft und fürchtet um sein Leben.“ Seine Mandantin sei auch fünf Jahre nach den schrecklichen Ereignissen traumatisiert. Maria habe immer noch Angst, wenn es dunkel wird. „Sie kann nicht allein sein. Die Familie hat sich Hunde angeschafft – sie musste sogar umziehen.“

Es war Marias Mutter, die dem Spuk seinerzeit ein Ende machte. Ihr war aufgefallen, dass sich ihre Tochter verändert hatte. Die damals 13-Jährige zog sich plötzlich zurück, war ängstlich und schreckhaft. Die Frau stellte eigene Recherchen an. „Sie hat sich einen Fake-Account gebastelt und ist dem Täter auf die Spur gekommen“, erzählt Roman von Alvensleben.

Am 27. November 2010 erstattete die Mutter Anzeige bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden – und setzte damit ein langjähriges juristisches Verfahren in Gang, das sich bis heute hingezogen hat. Bei Hausdurchsuchungen stießen Fahnder auf Filme und Fotos, die andere Mädchen zeigen.

„Faden um Faden gespannt, bis es kein Entrinnen mehr gab“

Angefangen hatte alles vor acht Jahren. Der damals 16 Jahre alte Jugendliche, der in Thun wohnt, verließ die Schule. Es soll gemobbt worden sein. Deshalb gönnte er sich eine Auszeit und beschloss, nicht gleich eine Lehre zu beginnen. Lieber flüchtete er ins Internet. Vor Gericht gab der Angeklagte zu, die virtuelle Welt habe ihm besser gefallen als die reale. „Ich habe dort Bestätigung gefunden.“ Carusone L. lernte mehrere minderjährige Mädchen kennen. Harmlos und spielerisch näherte er sich ihnen an. Mit der Hamelnerin Maria unterhielt er sich zunächst über das Spiel „Metin 2“ und fragte sie ganz nebenbei über ihren Alltag aus. Doch schon bald zeigte der junge Mann sein wahres Gesicht. Laut Anklageschrift begann er, seine Opfer herablassend zu behandeln. Er soll sie sein „Eigentum“ oder „Sklavin“ genannt oder befohlen haben: „Behandle mich wie einen Gott.“ Sein Ziel war es, an Nacktfotos zu kommen, um sich selbst befriedigen zu können. Der Angeklagte sagte vor Gericht, er habe nicht böse sein wollen, den Bösen nur gespielt. Ihm sei es darum gegangen, die Mädchen auf die Gefahren im Internet aufmerksam zu machen. Staatsanwältin Annelies Thomet, Vertreterin der Generalstaatsanwaltschaft, beurteilt die Vorwürfe anders. „Er hat Faden um Faden gespannt, bis es aus dem Netz kein Entrinnen mehr gab.“ Dabei sei der Angeklagte sehr egoistisch vorgegangen. „Die Opfer haben gelitten.“ Sie forderte vier Jahre Haft. Der Verteidiger hält für die von seinem Mandanten eingeräumten Straftaten eine Geldstrafe von 1200 Franken für angemessen und beantragte für andere Vorwürfe Freisprüche. Weil Carusone L. rund anderthalb Jahre in U-Haft saß, stehe ihm eine Entschädigung in Höhe von 108 000 Franken zu, meint der Verteidiger.ube



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