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Horrorhaus-Prozess: Gutachterin beschreibt Angeklagten Wilfried W. als intelligenzgemindert

„Schwachsinnig auf allen Kanälen“

HÖXTER/PADERBORN. Es ist der 50. Tag im Prozess gegen das „Folterpaar von Höxter“. Und es ist der Tag, an dem klar wird: Der angeklagte Wilfried W. wäre eigentlich ein armes Würstchen. Wenn er nicht auch zum Tod von zwei Frauen beigetragen hätte. Das psychiatrische Gutachten, das am Dienstag vorgestellt wurde, ist umfangreich – und bescheinigt W. „schwachsinnig auf allen Kanälen“ zu sein“.

veröffentlicht am 03.07.2018 um 19:19 Uhr

Der Angeklagte Wilfried W. (v. li.), der Verteidiger Detlev Binder, der Verteidiger Alexander Strato und die Angeklagte Angelika W. warten im Landgericht auf die Eröffnung der Verhandlung. Foto: dpa

Autor:

Ulrich Pfaff

Früher hat Wilfried W. (48) von der Anklagebank aus immer wieder freundlich ins Publikum gelächelt. Nun strahlt er nicht mehr, an diesem Verhandlungstag, den seit mehr als einem halben Jahr alle Prozessparteien am Landgericht Paderborn mit Spannung erwartet haben. Fast sechs Stunden lang – plus Pausen – trägt Dr. Nahlah Saimeh, Gutachterin für forensische Psychiatrie, das vor, was sie auf etwa 400 Seiten zusammengetragen hat über Wilfried W.. Den größten Teil der Zeit schirmt der 48-Jährige mit beiden Händen die rechte Seite seines Gesichts ab, die dem Publikum zugewandt ist. Tut er das nicht, kann man seine Augen in schneller Folge zwinkern sehen – das typische Zeichen für seine Unsicherheit und Nervosität.

W. ist unter anderem des Mordes durch Unterlassen angeklagt, ebenso wie seine 49-jährige Ex-Ehefrau Angelika. Bundesweit bekannt als „Folterpaar von Höxter“, sollen sie in ihrem Haus im Dörfchen Bosseborn Frauen gequält haben, zwei von ihnen bis sie starben. Das Anwesen trägt seither den wenig schmeichelhaften Namen „Horrorhaus von Bosseborn“. Wilfried W., so hat die Gutachterin festgestellt, hat einen Intelligenzquotienten von 59 – so wenig wie nur drei Prozent der Weltbevölkerung. Ursachen für diese Intelligenzminderung seien nicht zu erkennen – Wilfried W. habe jedoch schon als Kind erhebliche schulische Probleme gehabt und die Sonderschule ohne Abschluss verlassen. Auch beruflich habe er lediglich kurzzeitig dort Fuß fassen können, wo er bei der Arbeit ausführlich angeleitet worden sei.

Diese deutliche Intelligenzminderung äußere sich etwa in einem moralischen Entwicklungsniveau, das dem eines Grundschulkindes entspreche: Er könne sich lediglich an Angst vor Strafe orientieren und ordne sich dominanteren Personen schnell unter. „Er hat keine stabile Vorstellung davon, was verboten ist“, beschreibt die Gutachterin das, was sie „eine extrem ausgeprägte moralische und emotionale Unreife“ nennt. Wilfried W. fehle eine „innere Richtschnur“, er habe „keinen Begriff von Pietät“. So halte er sich für unschuldig an der Beseitigung der Leiche seiner Ex-Frau Annika W., die nach einem längeren Martyrium im Haus starb, denn er selbst habe nicht mit angepackt, als seine Ex-Frau Angelika die Leiche mutmaßlich zerstückelte und verbrannte. So betrachte er es auch nicht als strafbares Handeln, dass den beiden Todesopfern Annika W. und Susanne F. während ihres Martyriums die Köpfe geschoren wurden: Wilfried W. sehe sich selbst als den eigentlich Bestraften, weil er lange Haare an Frauen möge. Den körperlichen Verfall der beiden Frauen will er ebenfalls nicht bemerkt haben – und damit auch nicht verantwortlich dafür sein, nicht eingegriffen zu haben. „Es ist aber falsch, wenn er sagt, er habe mit den Vorkommnissen nichts zu tun“, erklärt die Gutachterin: Wilfried W. richte sich an maximaler Zustimmung aus und versuche sich so zu verhalten wie er denke, dass es von ihm erwartet werde. Auch gebe es einen Zug impulsiver Aggression, wenn er mit einer Situation überfordert sei.

Die Ehe und Ex-Ehe zwischen den beiden Angeklagten nennt die Gutachterin „eine stabile, aber ausgesprochen eigentümliche Beziehung“, in die Wilfried W. immer wieder Frauen von außen hineingeholt habe – auf der kindlich-naiven Suche nach einer romantischen Paar-Beziehung. Er sei in der eheähnlichen Ex-Ehe passiv gewesen, Angelika W. hingegen diejenige, die alles habe machen müssen, weil er aus ihrer Sicht „gar nichts auf die Kette bekommen habe“ – der sich unterordnende Mann, der die Zustimmung der dominanten Frau suchte. Saimeh kommt zu dem Schluss, dass Wilfried W. eingeschränkt schuldfähig ist und in die Psychiatrie gehört. Denn die Gefahr, dass sich in Zukunft ähnliche Dinge ereigneten wie in Bosseborn, sei greifbar: W. war in den 90er Jahren zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil er seine damalige Frau gequält hatte – zusammen mit einer Geliebten, die ebenfalls dominant gewesen sei. „Er braucht einen Sparringspartner.“ Am Mittwoch wird die Gutachterin das psychiatrische Gutachten über Angelika W. erstatten.



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