weather-image
19°
×

Ermittlungskommission „Cobra“ durchsucht in Bad Pyrmont Wohnungen

Schlag gegen illegalen Arzneimittelhandel

Dem Zoll ist ein Schlag gegen eine international operierenden Bande gelungen, die mithilfe des Internets einen schwunghaften Handel mit gefälschten Medikamenten betreibt. Die Ermittlungskommission „Cobra“ durchsuchte Wohnungen in Bad Pyrmont. Auch in Duisburg und Gelsenkirchen schlugen die Zollfahnder zu.

veröffentlicht am 29.09.2015 um 14:39 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:41 Uhr

Bad Pyrmont. Die Zollfahnder fuhren extra mitten in der Nacht nach Bad Pyrmont - sie wollten den Überraschungseffekt auf ihrer Seite haben, als sie an der Tür eines russischen Staatsbürgers, der zwei Wohnungen in der Kurstadt gemietet hat, klingelten. Der Tatverdächtige (28) steht im Verdacht, Mitglied einer international operierenden Bande zu sein, die mithilfe des Internets einen schwunghaften Handel mit gefälschten Medikamenten betreibt. Bei dem Mann seien IT-Technik und Unterlagen sichergestellt worden, sagte am Dienstag Zollamtsrätin Ruth Haliti im Gespräch mit der Dewezet. Man habe den Beschuldigten nicht festgenommen, hieß es. Es werde aber gegen ihn ermittelt. In dieser September-Nacht schlugen Zollfahnder, darunter Mitglieder von maskierten und schwer bewaffneten Spezialeinheiten, zeitgleich auch in Duisburg und Gelsenkirchen zu. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wurden 20 Objekte durchsucht und vier Männer festgenommen. Es handelt sich um einen 29-Jährigen aus Bangladesch, der offiziell kein Einkommen hat, einen Rentner (65) und einen Kleinunternehmer (43) aus Duisburg sowie einen Gelsenkirchener (31), über den derzeit nichts weiter bekannt ist. Nur wenige Stunden zuvor war im niederländischen Den Haag ein Niederländer mit indischen Wurzeln dingfest gemacht worden. Gegen ihn lag ein europäischer Haftbefehl vor. Bei dem 34-Jährigen seien rund 300000 Stück nicht zugelassene Arzneimittel sichergestellt worden. Deutschland habe einen Antrag auf Auslieferung gestellt, sagt Ruth Haliti vom Zollfahndungsamt Essen. Es wird vermutet, dass es sich um den Kopf der Bande handelt.

In Häusern, Wohnungen und Garagen wurden rund 3,2 Millionen illegale "Lifestyle-Produkte" wie potenzsteigernde Präparate und Schlankheitsmittel, aber auch Antibiotika, Schmerz- und Schlafmittel sowie Anti-Depressiva und Beruhigungstabletten beschlagnahmt. Der Schwarzmarkwert der illegalen Arzneimittel, die wohl überwiegend aus Indien stammen, liegt nach Angaben der Zollbehörde bei rund 14 Millionen Euro. Es handelt sich laut Zoll „um die größte bekannte Sicherstellung von illegalen Arzneimitteln, die es bisher in Deutschland gab“.

Aber auch andere Dinge nahmen die Mitglieder der Ermittlungskommission „Cobra“ mit: zwei teure Autos, mehrere wertvolle Uhren und 440000 Euro in bar. Das Geld habe sich in einem Safe, aber auch offen sichtbar in einer Nachttischschublade oder versteckt in Bilderrahmen befunden. Zoll und Staatsanwaltschaft sprechen „von einem Paukenschlag gegen die organisierte Arzneimittelkriminalität“. Mehr als ein Jahr lang hatten die Ermittler Beweise und Indizien gesammelt. Auch Scheinankäufen wurden offenbar getätigt, aber auch 25 Konten überprüft. Bei einer Verurteilung drohen den Tätern Haftstrafen von ein bis zehn Jahren. Außerdem wird den Beschuldigten „besonders schwere Steuerhinterziehung“ zur Last gelegt. Zoll- und Steuerfahndung arbeiten eng zusammen.

Welche Rolle der in Bad Pyrmont lebende Russe spielt, wollte Zollamtsrätin Haliti nicht verraten – aus ermittlungstaktischen Gründen. Das mutmaßliche Bandenmitglied werde dem Unterstützerkreis des Netzwerkes zugerechnet, hieß es. Möglich, dass der 28-Jährige die Bestellungen koordiniert hat. Im Schnitt sollen täglich 200 Kunden über das Internet Medikamente und andere Produkte bei den Tätern geordert haben – an manchen Tagen seien es sogar 400 gewesen, heißt es. Die Produkte – es soll sich um Fälschungen oder Kopien von verschreibungspflichtigen Arzneien wie Viagra handeln –wurden zum größten Teil im asiatischen Raum hergestellt. „Wie hoch die Umsätze der Gruppe mit dem schwunghaften, illegalen Internethandel waren, steht derzeit noch nicht genau fest“, sagt Haliti. Schätzungen zufolge sind in der jüngeren Vergangenheit mehrere Hunderttausend Euro pro Monat auf die Konten der Täter geflossen. Zollfahnder hoffen, noch weiteres Geld abschöpfen zu können. „Solche Tätergruppierungen bereichern sich mit Gewinnspannen bis zu 5000 Prozent am gutgläubigen Käufer - ohne Rücksicht auf das Gesundheitsrisiko des Einzelnen“, sagt Zollamtsrätin Haliti. Versteuert würden die Umsätze natürlich auch nicht, so dass ein Schaden an der Allgemeinheit in Millionenhöhe dazukomme.

„Die arbeitsteilige Organisations- und Arbeitsweise sowie die internationale Verflechtung der organisierten Arzneimittelkriminalität stellen Staatsanwaltschaften

und Zollfahndung vor kriminalistische Herausforderungen. Nur eine enge nationale und internationale Kooperation aller Behörden kann Erfolg haben, will man kriminellen Banden und ihrem skrupellosen Umgang mit der Gesundheit begegnen“, sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk – und erklärt: „Der vermeintlich günstige Preis, die einfache rezeptfreie Bestellung im Internet, die formlose Zahlung per Onlinedienst und die Lieferung frei Haus verleiten viele Verbraucher dazu, diese Medikamente im Internet zu bestellen. Tatsächlich riskieren sie aber ihre Gesundheit, denn über die Inhaltsstoffe und die Dosierung weiß niemand Bescheid.“ Eine Zollfahnderin, die nicht genannt werden möchte, fügt hinzu: „Außerdem unterstützen die Käufer damit unbewusst die organisierte Kriminalität“.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt