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Ein Vater auf der Anklagebank – Kind erlitt Blutungen im Gehirn und in den Augen

Säugling schwer verletzt: Schütteltrauma oder Impfschaden?

HAMELN/HANNOVER. In Hannover hat der Prozess gegen einen jungen Vater begonnen, der seinen damals knapp vier Monate alten Sohn so kräftig geschüttelt haben soll, dass dieser erhebliche Kopfverletzungen erlitt. Am ersten Prozesstag stand die Frage im Raum, ob das Baby ein Schütteltrauma oder einen Impfschaden erlitten hat.

veröffentlicht am 12.06.2019 um 17:53 Uhr
aktualisiert am 12.06.2019 um 20:50 Uhr

Auf der Anklagebank: Mike I. aus Hameln. Der 27-Jährige bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, räumt allerdings „einen ungeschickten Umgang“ mit seinem Sohn ein. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Hat Mike I. (Name geändert) seinen knapp vier Monate alten Sohn so schwer misshandelt, dass der Säugling dadurch „subdurale Blutungen im Gehirn und massive Blutungen in den Augen“ davontrug? Wurde das Kleinkind am Vormittag des 28. Juni 2017 von seinem Vater mehrfach und sehr heftig geschüttelt? Die Staatsanwaltschaft Hannover ist davon überzeugt – die Strafverfolgungsbehörde hat den 27 Jahre alten Hamelner wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagt. Das ist ein Verbrechen. Der Angeklagte bestreitet, den Jungen geschüttelt zu haben. Er räumt nach Angaben seines Verteidigers Roman von Alvensleben allerdings „einen ungeschickten Umgang mit dem Kind“ ein, keinesfalls aber eine Vorsatztat. Der Rechtsanwalt glaubt, anhand von medizinischen Gutachten und wissenschaftlichen Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation nachweisen zu können, dass der Junge die Blutungen im Kopf durch eine zwei Wochen zuvor erfolgte Impfung erlitten hat. Die am Mittwoch von der 12. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover befragte Sachverständige Dr. Eva Bültmann von der Medizinischen Hochschule Hannover hält das offenbar für abwegig. „Mir ist kein Impfschaden bekannt, der so etwas auslösen kann“, sagte die Leiterin der pädiatrischen Neuroradiologie. Dann müsse das Kind schon an einer Blutgerinnungsstörung gelitten haben. Das sei aber nicht dokumentiert, sagte die Privatdozentin. Die Gutachterin geht vielmehr von einem „hochgradig verdächtigen traumatischen Ereignis“ aus, das sich wenige Stunden, vielleicht auch einen Tag, vor Einlieferung des Kindes zugetragen haben müsse. Die Verletzungen sind nach Meinung der Expertin nicht damit zu erklären, dass dem Vater das Kind aus der Hand gerutscht ist, ohne zu Boden gefallen oder irgendwo angeschlagen zu sein. Mit dem Kopf gegen eine Türklinke zu prallen, reiche für das vorliegende Verletzungsmuster nicht aus.

Schluchzend und unter Tränen hatte Mike I. zuvor der Kammer geschildert, was sich vor knapp zwei Jahren in der Wohnung in Hameln zugetragen haben soll. Der junge Mann sieht sich als liebevollen Vater – er sagt über seinen Sohn: „Er ist ein Traumkind.“ Mike I. will keine Gewalt ausgeübt haben. Er räumt allerdings ein, den Säugling „wohl falsch hochgenommen zu haben“, als er ihn am Morgen zum zweiten Mal aus seinen Bettchen holte. Mike I. gibt noch etwas zu: Sieben Tage zuvor will er den Jungen auf dem Arm gehabt haben und durch eine geöffnete Tür gegangen sein. Das Köpfchen des Kindes sei dabei „leicht“ gegen den Rahmen gestoßen. Das sei aus Versehen passiert. Der Hamelner soll im Halbschlaf gewesen sein.

An dem Tag, als der Kleine die Blutungen im Gehirn und in den Augen erlitt, sei alles wie immer gewesen. Mike I. will irgendwann ins Badezimmer gegangen sein, als er kurz darauf den Säugling schreien hörte. „Ich konnte ihn nicht beruhigen, er war kaltschweißig und kurzatmig.“ Die Mutter eilte hinzu, sie versuchte, den Säugling zu beruhigen. Sein Sohn sei „wie ein nasser Sack zusammengebrochen“, schildert der Angeklagte die Situation. Nach Telefonaten mit dem Krankenhaus und dem Kinderarzt brachten die Eltern ihr verletztes Kind in die Klinik. In Hameln erkannten die Kinderärzte sofort den Ernst der Lage – der Kleine wurde zur Medizinischen Hochschule gebracht und dort bis zum 10. Juli auf der Intensivstation behandelt. Aufgrund der verdächtigen Blutungen informierten Ärzte die Polizei.

Mike I. hat eine Ausbildung zum Pflegeassistenten angefangen. In der Kinderklinik ist er nach der Geburt seines Sohnes darüber aufgeklärt worden, dass Kopf und Nacken des Säuglings unbedingt mit der Hand gestützt werden müssen. Ja, die Gefahren seien ihm bekannt gewesen, sagt er auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Britta Schlingmann. „Weshalb haben Sie keinen Rettungswagen gerufen?“, will die Kammervorsitzende von der Mutter wissen. „Wir waren in diesem Moment total überfordert“, antwortet die 26-Jährige, die mittlerweile mit dem Angeklagten verheiratet ist. Ihr Sohn sei ein „ruhiger und ausgeglichener Säugling“, ihr Mann nie grob zu dem Kleinen gewesen. „Das Kind hatte keine Hämatome an Armen, Beinen oder am Körper“, sagt Verteidiger von Alvensleben. „Wäre der Säugling heftig geschüttelt worden, hätten die Ärzte blaue Flecken sehen müssen“, meint der Anwalt.

Der niedergelassene Kinderarzt (72) aus Hameln, dessen Patient der Junge ist, wurde ebenfalls befragt – als Zeuge. Er habe sicherlich schon zehntausend Kinder geimpft. Eine Impfung, die solche Blutungen im Kopf auslöse, sei ihm weder aus der Praxis noch aus der Literatur bekannt, sagte der erfahrene Mediziner. Nach seiner Entlassung aus der Medizinischen Hochschule habe der Junge eine Förderung benötigt. „Die Motorik war eingeschränkt, das Kind war muskelschlaff.“ Bis Ende vergangenen Jahres erhielt der Kleine, der bei einer Pflegemutter lebt, Krankengymnastik. Es gehe ihm mittlerweile wieder gut.

Rechtsmediziner Dr. Detlef Günther trug sein Gutachten am ersten Prozesstag noch nicht vor. Er sammelte Fakten, stellte Fragen und machte sich Notizen. Voraussichtlich am 26. Juni hat der renommierte Gerichtsmediziner das Wort. Danach könnte bereits das Urteil gesprochen werden.



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