weather-image
23°

Auch in Hameln-Pyrmont kommt das vor

Rettungskräfte werden immer öfter Opfer von Gewalt

HAMELN. Sie kommen, um zu helfen, und werden immer häufiger selbst zu Opfern: Lebensretter sind keineswegs überall willkommen. Die Gewalt gegen Rettungskräfte steigt. Um die 100 Fälle waren es laut Kriminalstatistik in Niedersachsen von 2011 bis 2014, im vergangenen Jahr lag die Zahl sogar bei rund 150. Betroffen sind aber nicht nur die Großstädte, sondern auch Mittelzentren wie Hameln.

veröffentlicht am 25.01.2017 um 16:49 Uhr

Aggression gegen Helfer: Allgemein sei die Zahl der Angriffe gestiegen, heißt es. In Hameln-Pyrmont herrscht jedoch keine Alarmstimmung. Foto: dpa
Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ausgeprägt ist das Phänomen in Großstädten und Metropolregionen, doch auch Mittelzentren (5000 bis 20 000 Einwohner) sind betroffen, wie eine repräsentative Studie der Uni Bochum zeigt. In der Befragung, die erstmals die Vorstufe der strafrechtlich dokumentierten Fälle von Gewalt in den Blick nimmt, geben 98 Prozent der Befragten an, verbale Gewalt erlebt zu haben, 59 körperliche Übergriffe.

Im Landkreis Hameln-Pyrmont wird die Lage unterschiedlich bewertet. Thomas Breitkopf, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Hameln, sieht vor Ort keine Zunahme verbaler Angriffe oder körperlicher Gewalt. Er spricht von Einzelfällen, strafrechtlich verfolgt wurden in den letzten Jahren durchschnittlich fünf bis zehn, sagt er.

Dennoch stehen dem Rettungspersonal bei der Feuerwehr inzwischen stichsichere Westen zur Verfügung. Und, ja, es gäbe Kollegen, die sie anziehen, sagt Breitkopf. Grund für die Anschaffung war ein Ereignis, dass sich den Rettern tief in Gedächtnis gebrannt hat: Der massive Gewaltausbruch, der der auch die Retter traf, als sich ein Mitglied einer libanesischen Großfamilie aus dem Fenster des Amtsgerichts stürzte, sei ein „schockierendes Erlebnis“ gewesen.

Vor dem Sana-Klinikum, in das das Opfer gebracht wurde, flogen Steine, Scheiben gingen zu Bruch. Die Notaufnahme wurde zwischenzeitlich geschlossen. Dass helfendes Personal auf diese Weise angegangen wird, haben wir bisher noch nicht erlebt“, sagt Breitkopf. Damals musste sogar das Notarztteam abgeschirmt werden, das ansonsten „eher selten“ mit Gewalt konfrontiert werde, wie Dr. Ben Schwerdtfeger, Notarzt im Sana-Klinikum, erklärt.

Was vielleicht daran liegt, dass der Notarzt, wenn er zum Einsatz fährt, in der Regel später eintrifft als das Rettungspersonal. „Das fängt ganz schön was ab“, sagt Breitkopf. Für den fast zwei Meter großen Feuerwehrmann ist das in der Regel aber kein Problem: „Die Statur macht schon was aus“, meint er.

Insbesondere Frauen hätten es da oft schwerer, sagt Andreas Bussmann, Bereichsleiter beim Rettungsdienst des DRK. Nicht nur körperlich, sondern auch bei verbalen Attacken. Natürlich hätten sie daran zu knapsen, wenn sie von einem – in der Regel alkoholisierten Mann als „Flittchen oder Bückstück“ bezeichnet werden.

Das DRK ist für Einsätze im gesamten Landkreis zuständig. Über 90 Prozent der Mitarbeiter hätten dort angegeben, schon mal verbal angegriffen worden zu sein, sagt Bussmann. Im Jahr 2016 habe es insgesamt acht Übergriffe gegeben, die strafrechtlich verfolgt wurden. Angezeigt werde aber längst nicht alles, die Dunkelziffer sei hoch, sagt Bussmann. „Meistens wird man des Problems erst gewahr, wenn eine Krankmeldung kommt.“

Er selbst ermuntere die Mitarbeiter, Übergriffe dokumentieren und verfolgen zu lassen. Doch für nicht wenige sei das ein Eingeständnis von Schwäche, ein Zeichen dafür, dass die Einsatztruppe versagt habe. Aus Bussmanns Erfahrung passieren die meisten Übergriffe unter Einfluss von Substanzen, also Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Besonders häufig komme es zu Zusammenstößen an sozialen Brennpunkten, zum Beispiel einer sozial schwierigen Männer-WG. Auf der anderen Seite sei man an diesen Orten instinktiv gewappnet. „Arbeitsunfälle gibt es oft dort, wo man nicht damit rechnet.“

Erfahrungen mit verbaler und körperlicher Gewalt hat auch Reinhold Klostermann schon gemacht. Er ist Leiter des Centralen Krankentransportes Hameln (CKT). Neben den Transporten vor Ort begleitet dieser auch Sanitätsdienste bei Großveranstaltungen – nicht nur in der Region, sondern in ganz Norddeutschland. Auf die Frage, ob die nicht dokumentierte verbale und körperliche Gewalt gestiegen sei, sagt er: „Leider ja“. Besonders das Verhalten der Umstehenden hätte sich im Zusammenhang mit Notfällen geändert, die Hemmschwelle sei spürbar gesunken. Seien Freunde der zu versorgenden Person alkoholisiert, könne es kritisch werden, da werde schon mal geschubst und gepöbelt.

„Wenn Drogen im Spiel sind, kann man nie wissen, wie der Betreffende reagiert“, sagt der 61-Jährige, der seit 40 Jahren als Rettungsassistent arbeitet. Schwierig sei es, wenn Patienten Drogen wie Ecstasy, Liquid Ecstasy, Chrystal Meth oder andere Amphetamine in hoher Dosis konsumiert hätten und entsprechend aggressiv wären. Diese Fälle hätten in den letzten zehn Jahren zugenommen.

Am schlimmsten aber sei es, „wenn Umstehende ihren Senf dazu geben“. In einem Fall sei ihm mal der Kragen geplatzt: „Ich habe gesagt, ‚lasst uns unsere Arbeit machen‘“, erzählt Klostermann. Der Hang, sich einzumischen, sei definitiv gestiegen, sagt der Leiter des CKT.

Warum das so ist, kann er nicht sagen. Dr. Google spiele vielleicht eine Rolle. Der Großteil sei zwar vernünftig, aber Akzeptanz und Respekt seien nicht mehr in dem Maße vorhanden wie früher.

Eine Einschätzung, die Jens Petersen von der Polizei Hameln teilt. Die allgemeine Verrohung, wie er es nennt, führt er auf einen Anstieg vielschichtiger gesellschaftlicher Probleme zurück. Zählt man die Straftaten (Körperverletzungen, Nötigungen, Bedrohungen, Widerstandhandlungen) gegenüber Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften für das Jahr 2015 zusammen, landet man bei 176 Fällen, 158 waren es in 2014, 122 in 2013. Wegen der breiten Diskussion über Gewalt gegen Rettungskräfte hatte der Gesetzgeber im Jahr 2011 den Straftatbestand des „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ auf Rettungskräfte ausgeweitet.

Auch im Landkreis Schaumburg ist Gewalt gegen Rettungspersonal kein unbekanntes Thema. Im letzten Jahr musste ein Sanitäter einen Faustschlag ins Gesicht einstecken. Der Respekt werde eben geringer, sagte damals Rintelns Wachenleiter Stefan Schröder. Früher sei ein Angriff auf einen Sanitäter ein Tabu gewesen, doch heute komme es durchaus vor, dass der Rettungswagen mit Flaschen beworfen, Betrunkene auf ihn klettern oder die Sanitäter bei ihrem Einsatz anpöbeln.

Für alle Befragten sind Schulungen der Mitarbeiter ein wichtiges Thema. Nach dem Vorfall am Amtsgericht hat der Feuerwehrrettungsdienst Kontakt zu einem Gewaltpräventionstrainer aufgenommen. Der kommt einmal im Jahr und legt das Gewicht auf Selbstschutz-Strategien.

Auch beim DRK steht bei den Fortbildungen der Eigenschutz im Fokus. Brenzlige Situationen im Vorfeld zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren, darauf komme es an. Stichsichere Westen hat man beim DRK nicht angeschafft. Zum einen, weil es insgesamt 160 Stück hätten sein müssen, zum anderen seinen sie bei der Arbeit hinderlich, so Andreas Bussmann.

Experten bezweifeln, dass das Gesetz und stichsichere Westen das Problem lösen.

Dennoch gibt es einen neuen Gesetzentwurf zur Änderung des Strafgesetzbuches, der Polizeibeamte und sonstige Einsatzkräfte – gegebenenfalls auch durch das Strafrecht – besser vor Gewalt und Angriffen in Beziehung schützen soll. Darin wird unter anderem eine Mindestfreiheitsstrafe von drei Monaten bei Angriffen auf Vollstreckungsbeamte beziehungsweise Einsatzkräften gefordert.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?