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Er flüchtet mit 170 km/h / Waffen sichergestellt

Reichsbürger liefert sich wilde Verfolgungsfahrt mit Polizei

HAMELN-PYRMONT. Wieder einmal hat ein sogenannter Reichsbürger aus Aerzen für Wirbel gesorgt – der Mann ignorierte die Anhaltesignale einer Polizeistreife in Groß Berkel und ergriff die Flucht. Es kam zu einer wilden Verfolgungsfahrt. Zeitweise sei der mit Schlag, Stich- und Sprühwaffen ausgerüstete 59-Jährige mit mehr als 170 km/h durch Dörfer gerast, sagte Polizeioberkommissarin Stephanie Heineking-Kutschera am Dienstag.

veröffentlicht am 14.11.2018 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 20.11.2018 um 12:04 Uhr

Von Ermittlern sichergestellt: Stich, Schlag- und Sprühwaffen. Sie lagen im Auto des sogenannten Reichsbürgers. Foto: POLIZEI
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Menschen, die der Reichsbürger-Bewegung angehören, lösen immer wieder Polizeieinsätze aus – sie bestreiten in der Regel die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als legitimer und souveräner Staat. Viele halten Deutschland für eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, weigern sich häufig, Steuern und Bußgelder zu zahlen oder Gerichtsbeschlüsse und Verwaltungsentscheidungen zu befolgen, weisen sich nicht selten mit Fantasie-Dokumenten aus. Kein Wunder also, dass dieser Aerzener sich nicht von Polizisten eines Staates, den er vermutlich nicht anerkennt, stoppen lassen wollte. In der sogenannten „Reichsbürger-Szene“ bewegen sich nach Erkenntnissen der Inlandsnachrichtendienste auch Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Sinnsucher, Verzweifelte, Gescheiterte und psychisch Kranke, die Wahnideen haben.

Der 59-Jährige wurde vorläufig festgenommen. Er sitzt mittlerweile hinter Gittern, denn: Gegen ihn lag ein Haftbefehl vor. Weil sich der Mann weigerte, eine Geldstrafe in Höhe von mehreren Tausend Euro zu bezahlen, wurde der Haftbefehl in Kraft gesetzt. Der Gefangene wird sich nach seiner Entlassung wegen weiterer Straftaten verantworten müssen – unter anderem wegen des Verdachts der Straßenverkehrsgefährdung und der Urkundenfälschung (die Kennzeichen waren manipuliert). „Zudem liegen Verstöße gegen das Pflichtversicherung- und das Kraftfahrzeugsteuergesetz sowie gegen das Waffengesetz vor. Dazu kommen noch die Geschwindigkeitsverstöße“, zählt die Polizistin auf. Der Staatsschutz hat Ermittlungen aufgenommen.

Der „Reichsbürger“ war am Dienstagabend gegen 21.55 Uhr mit einem BMW auf der Bundesstraße 1 bei Groß Berkel unterwegs. Polizeibeamte aus Bad Pyrmont führten zu diesem Zeitpunkt eine Laser-Messung durch. Der Aerzener fiel auf, weil er mit überhöhter Geschwindigkeit auf der Hamelner Straße in Richtung Hameln unterwegs war. Ein Beamter habe dem Fahrzeugführer ein Anhaltesignal gezeigt.

Das sei ignoriert worden, sagte Heineking-Kutschera. Unklar war zu diesem Zeitpunkt noch, ob eine Frau oder ein Mann am Steuer saß – bei der Dunkelheit sei das nicht zu erkennen gewesen, hieß es. Die Person sei unbeirrt weitergefahren. Die Polizisten brachen sofort ihre Geschwindigkeitsmessung ab und nahmen die Verfolgung auf. „Anhand des Kennzeichens konnte festgestellt werden, dass der Pkw außer Betrieb gesetzt war und die Kennzeichen ihre Gültigkeit verloren hatten. Zudem wurde den Kollegen über Funk mitgeteilt, dass der Halter des Fahrzeugs ein sogenannter Reichsbürger ist, der in der Vergangenheit schon mehrmals aufgefallen ist“, erzählt die Oberkommissarin.

Viele Reichsbürger halten Deutschland für eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung

In Höhe der Berkeler Warte versuchten die Beamten erneut, den Fahrzeugführer zum Anhalten zu bewegen. Das Signal wurde jedoch wieder missachtet. Der BMW bog zunächst in den Grasbrink ein und fuhr dann weiter in Richtung B 83. Auf der Talstraße wurde der Pkw auf etwa 100 km/h beschleunigt. Die Polizisten folgten dem Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn.

Kurz vor der Einmündung zum Märchengrund fuhr der Fahrzeugführer plötzlich derart langsam, dass die Beamten ihn überholen konnten. Sie stellten ihren Streifenwagen quer und stoppten ihn. Erst jetzt erkannten die Polizeibeamten, dass hinter dem Steuer des BMW ein Mann saß. Als die Beamten ausstiegen, um den Autofahrer zu kontrollieren, öffnete dieser das Fahrerfenster und schrie die Kommissare an. Dann fuhr er mit quietschenden und durchdrehenden Rädern los und setzte seine Flucht – mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit – durch Ohr und Groß Berkel bis in einen kleinen Ortsteil fort. „Während der Verfolgungsfahrt fuhr der Mann zeitweise schneller als 170 km/h und mit mehr als 100 km/h durch Ortschaften hindurch“, sagte Stephanie Heineking-Kutschera. In Höhe eines Geldinstitutes an der Dorfstraße in Groß Berkel sei der Wagen mit stark überhöhter Geschwindigkeit an einer Menschengruppe vorbeigerast. „Ob es zu einer Gefährdung dieser Personen gekommen ist, steht zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest.“

Beim Verlassen der Ortschaft überholte der BMW-Fahrer auf der Flucht vor der Polizei mehrere Fahrzeuge. Dadurch seien Verkehrsteilnehmer gefährdet worden. Die halsbrecherische Flucht endete schließlich an der Wohnanschrift des BMW-Halters. Der Mann sprang aus dem Fahrzeug und lief in Richtung Haus. Noch vor Erreichen des Grundstückes konnte er jedoch von den Beamten gefasst, zu Boden gedrückt und mit Handschellen gefesselt werden. Der Verdächtige weigerte sich, seinen Namen zu nennen. Ausweispapiere hatte er nicht dabei. Hinzugerufene Unterstützungskräfte der Hamelner Polizei kannten den Mann schon von anderen Einsätzen.

Sie identifizierten ihn als den 59 Jahre alten Halter des BMW. In der Limousine entdeckten Ermittler einen Baseballschläger, der griffbereit neben dem Beifahrersitz lag. Außerdem befanden sich ein Einhandmesser und Tierabwehrspray in der Ablage der Fahrertür. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Mann durch seine Fahrweise Menschen in Lebensgefahr gebracht hat, sucht die Polizei (Tel.: 05151/933-342) die Personen, die sich gegen 22 Uhr vor der Bank an der Dorfstraße in Groß Berkel aufgehalten haben.



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