weather-image
Richter befragt sechs Teenager

Prozessauftakt gegen Pyrmonter: Dolchstoß oder nur Legende?

HANNOVER. Was bekamen die sechs jungen Mädchen, die am frühen Abend des 31. Juli 2017 auf dem Herderschul-Spielplatz chillten, von einer Attacke gegen einen Mann mit, der seit Montag das Landgericht Hannover beschäftigt? Das wollte Richter Stefan Lücke im Prozess gegen den Pyrmonter Rehat B. ganz genau wissen.

veröffentlicht am 22.01.2018 um 22:34 Uhr
aktualisiert am 23.01.2018 um 12:13 Uhr

Der gebürtige Pyrmonter Rehat B. sitzt seit fünf Monaten in Untersuchungshaft. Angeklagt ist der 21-Jährige wegen versuchten Totschlags, räuberischen Diebstahls und Bedrohung. Ob sich der schwerste Tatvorwurf erhärtet, bleibt abzuwarten. Foto: jl
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der einschlägig polizeibekannte 21-Jährige muss sich vor der 1. Großen Jugendkammer wegen versuchten Totschlags, räuberischen Diebstahls und Bedrohung verantworten. Laut Staatsanwaltschaft soll er seinem Opfer einen kurzen Dolch in die Rippen gestoßen, den Mann dann zu Boden geschlagen und dort mehrfach auf dessen Kopf getreten haben, um ihn zu töten.

Doch damit nicht genug: Eine Woche später soll B. in einer Kneipe einem anderen Gast ein Cola-Glas gegen den Kopf geworfen haben, als der sich beschwerte, dass B. ihm seine Zigaretten weggenommen habe. Im Weggehen soll der Angeklagte den anderen abzustechen gedroht haben, wenn er die Kneipe verlasse.

Zur Sprache kam am ersten Prozesstag nur der schwerwiegendste Vorwurf: die versuchte Tötung auf dem Spielplatz. In puncto Dolchstoß erweckten die Aussagen der Zeuginnen allerdings eher den Eindruck einer Legende. Nur eine der Jugendlichen meinte, ein Messer in der Hand des Angeklagten ausgemacht zu haben. Eine andere hatte im August bei der Polizei von „einer Art Deko-Schwert“ gesprochen. Daran erinnerte sie sich jetzt aber nicht mehr. Was den Umgang mit den Aussagen erschwert: Nach der Tat waren die Mädchen von einem Polizisten gemeinsam befragt worden. Vor ihren Einzelanhörungen im Laufe der nächsten Wochen dürften sie sich zudem wiederholt über den Vorfall ausgetauscht haben.

Sollten die Zeuginnen – wie einige angaben – eingeschüchtert worden sein, so spricht doch etwas gegen den Dolch: Ein nach dem Angriff aufgenommenes und nun vor Gericht präsentiertes Foto zeigt das Opfer vor der Kamera stehend. Mit einer Platzwunde an der Schläfe, die von B.s Schlag oder dem Sturz herrühren könnte. Das helle Hemd des Opfers weist dagegen kein Loch oder Blutspuren auf, die auf einen Stich hindeuten könnten. Eine Waffe wurde vor Ort nicht gefunden.

Bleiben die Tritte gegen den Kopf. Laut der von B.s Pflichtverteidiger Dr. Holger Nitz verlesenen Erklärung erinnert sich der Angeklagte nicht daran. Das offenbar volltrunkene Opfer wusste nach der Tat ebensowenig davon. Und im Abschlussbericht aus dem Bathildiskrankenhaus, wo man Udo H. (Name geändert) nach der Tat untersuchte, wird keine Stichwunde erwähnt. Der Angriff durch den gut 100 Kilo wiegenden Angeklagten soll demnach eine Schädelprellung verursacht haben. Knochen brachen jedoch nicht, obwohl fast alle Zeuginnen von drei massiven Tritten auf den Kopf des Liegenden sprachen. B.s Anwalt kann die angeklagte Tötungsabsicht deshalb nicht erkennen. Für ihn ist klar: Hätte sein Mandant das Opfer töten wollen, dann hätte er weitergemacht. Vom Opfer weggezogen wurde B. übrigens von einem dritten Mann. Dieser ominöse „Russe“ wurde nicht identifiziert.

Das als erster Zeuge geladene Opfer fehlte am Montag vor Gericht – wie schon beim ersten Prozessauftakt im November. Da war das Verfahren ausgesetzt worden, weil die Kammer sich entschied, einen psychiatrischen Gutachter hinzuzuziehen. Für das Opfer hat das Schwänzen des Termins nun Folgen: Der Richter verhängte 150 Euro Ordnungsgeld oder ersatzweise drei Tage Haft gegen H. Am zweiten Verhandlungstag soll der Mann vorgeführt werden.

Rätsel gab das Verhalten des Angeklagten vor Gericht auf: Der aus der U-Haft vorgeführte Vollbartträger mit dunkelblauer Bomberjacke über ansonsten schwarzer Kleidung folgte der Verhandlung über weite Strecken grinsend, als erlebe er eine ulkige Show.

Da wunderte es wenig, dass die Zeuginnen aussagten, B., den sie als älteren Bruder einer Freundin aus ihrer Clique flüchtig kannten, habe sich in der Zeit vor der Tat verändert: Er habe mehrfach auf ein imaginäres Gegenüber eingeredet. Die jungen Frauen beschrieben ihn als seltsam und komisch. Außerdem habe er aggressiv geguckt, sagten sie.

Könnte ein solches Verhalten Ausdruck einer psychischen Störung sein? Oder die Folge von B.s Drogenkonsum? Die Einschätzung des Gutachters wird es zeigen. Und könnte eine Antwort auf die Frage geben nach Haftstrafe oder Psychiatrie.

Der Prozess geht am 5. und 6. Februar weiter, jeweils um 9 Uhr im Landgericht Hannover.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare