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Notwehr oder versuchter Totschlag?

Prozess: Vater verletzt Sohn lebensgefährlich

HAMELN/HANNOVER. Dass André N. (29) noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Sein Vater Wilhelm N. (58) hat ihn mit einem großen Messer verletzt. Die lange Klinge drang tief in den Bauch des jungen Mannes ein - nach Angaben von Staatsanwältin Maidie Schenk verletzte sie Magen, Leber, Zwerchfell und das Herz. Am ersten Prozesstag in Hannover hat am Donnerstag der Vater Rede und Antwort gestanden.

veröffentlicht am 15.06.2017 um 15:26 Uhr
aktualisiert am 15.06.2017 um 17:20 Uhr

Ein Justizwachtmeister führt Wilhelm N. aus dem Zellenkeller des Landgerichts in den Saal. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Der Hamelner war am Abend des 11. Januar 2017 dem Tod sehr nahe. Es ist wohl allein der ärztlichen Kunst zu verdanken, dass er die schweren Verletzungen überlebt hat. Nach Angaben von Gerichtsmediziner Dr. Armin Fieguth hatte André N. anderthalb Liter Blut verloren. Der Magen sei durchstochen, Herzmuskel und Herzbeutel getroffen worden.

Fünf Monate später wird André N. vor Gericht als Zeuge vernommen, nur fünf Meter von ihm entfernt sitzt sein Vater auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag vor. Wilhelm N. beteuert, er habe seinen Sohn nicht töten wollen. „Ich habe ihn irgendwie mit dem Messer erwischt. Das war nicht meine Absicht. Um Gottes Willen, nein“, sagt er. Sein Sohn spricht leise und undeutlich. Er sei damals völlig ausgerastet, habe seinen Vater attackiert. André N. gibt zu, einen Sessel auf seinen Vater geworfen und ihn geschlagen zu haben. Der neue Fernseher ging zu Bruch, das Handy des Vaters auch. Wilhelm N. sagt, sein Sohn habe ihn geschlagen, getreten und eine Wodka-Flasche nach ihm geworfen. Sie habe ihn am Hinterkopf getroffen. Einmal sei er kurzzeitig bewusstlos gewesen. „Mir war klar: Wenn ich zu Boden gehe, dann macht der weiter. Dann ist es vorbei mit mir.“ Er habe Angst gehabt, ein Messer gegriffen, um damit seinen Sohn aus der Wohnung „zu verjagen“. An der Tür stach Wilhelm N. zu. Er will nicht bemerkt haben, dass er seinen Sohn schwer verletzt hatte. Erst später habe er Blut an der Klinge gesehen, behauptet er. „Ich öffnete die Tür, sah meinen Sohn auf dem Podest unterhalb der Treppe liegen.“ Er sei zurück in die Wohnung gegangen und habe eine Bekannte seines Sohnes, die sich dort aufhielt, gebeten, einen Notarzt zu rufen. „Dann bin ich zu meinem Jungen gegangen.“

André N. wirft einen kurzen Blick auf seinen Vater, sagt dann: „Ist irgendwie alles dumm gelaufen.“ Er sei völlig ausgerastet, weil ihn seine Frau ein paar Tage zuvor rausgeworfen und er am Tattag reichlich Wodka getrunken und diverse Drogen konsumiert habe. Ja, er habe auf seinen Vater eingeschlagen und ihn mit Tritten verletzt. „Wenn ich Wodka intus habe, setzt es bei mir aus. Ich kann mir das alles auch nicht erklären - war wohl ein Blackout.“ Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch fragt nach: „Wenn ich Sie richtig verstehe, glauben Sie, dass Sie mehr Schuld haben als ihr Vater?“ André N. antwortet kurz und knapp: „Ja, klar.“

Auf der Anklagebank: Wilhelm N. spricht mit seinem Verteidiger Burkhard Papendick. Foto: ube
  • Auf der Anklagebank: Wilhelm N. spricht mit seinem Verteidiger Burkhard Papendick. Foto: ube

Das Schwurgericht wird klären müssen, ob Wilhelm N. in Notwehr oder rechtswidrig gehandelt hat. Möglich ist auch, das er seine Sohn versehentlich schwer verletzt hat. Dem psychiatrischen Gutachter Dr. Tobias Bellin hat der Angeklagte gesagt: „Ich wollte ihn ins Bein stechen.“ Das Messer sei aber „abgerutscht und irgendwo gelandet“.

Fakt ist: Vater Wilhelm N. hat von seinem Sohn „ordentlich Dresche“ bekommen. André N. räumt das ein. Im Zeugenstand sagt er: „Es war das erste Mal, dass ich Angst in den Augen meines Vaters gesehen habe.“ Auf Fotos, die Kriminaltechniker am Tatabend vom Gesicht des Verdächtigen gemacht hat, sind großflächige Schwellungen und Rötungen sowie eine Platzwunde am Auge zu sehen. Dem Rechtsmediziner hat der Angeklagte erzählt, sein Sohn habe ihn stark in den Schwitzkasten genommen. „Ich habe Luftnot bekommen.“ Privatdozent Dr. Fieguth schätzt die Verletzungen des Vaters als potenziell lebensgefährlich ein.

Auch Wilhelm N. hatte Alkohol getrunken. Er räumt ein, einen Joint geraucht, Amphetamine und Ecstasy „eingeworfen“ zu haben. Er habe ein Hochgefühl gehabt. „Das hat ganz schön gescheppert in meinem Kopf.“

Die Darstellung des Angeklagten klingt auf den ersten Blick plausibel. Wären da nicht die Aussagen, die Wilhelm N. bei der Polizei gemacht hat. Da gibt es Widersprüche. „Ich habe zweimal mit dem Messer nach ihm gestochen. Mit dem zweiten Stich - da bin ich mir ziemlich sicher - habe ich ihn in der Bauchgegend getroffen.“ Vor Gericht hat er beteuert, nicht bemerkt zu haben, dass er seinen Sohn „erwischt“ hat.

Er behauptet auch, er habe sich Sorgen um André gemacht, als er ihn auf dem Podest liegen sah. Ein Polizeibeamter notierte seinerzeit allerdings: „Es beeindruckt ihn erkennbar überhaupt nicht, dass sein Sohn schwer verletzt ist.“ Der Beamte beschreibt Wilhelm N. als „emotionslos.“ Er habe sich lediglich Sorgen um seinen Hund gemacht, nicht aber um das Opfer.

Psychiater Dr. Bellin meint, Wilhelm N. sei zur Tatzeit nicht vermindert schuldfähig gewesen. Eine Affekttat schließt er eher aus. „Es handelt sich vielmehr um ein Streitgeschehen, das langsam eskaliert ist.“

André N. scheint seinem Vater nicht böse zu sein. Als er den Gerichtssaal verlässt, winkt er ihm zu und ruft: „Mach’s gut, Vadder.“

Es gibt viele Ungereimtheiten und Zeugen, die Gedächtnislücken haben. Am Ende des ersten Prozesstages sagt denn auch Richter Rosenbusch: „Wir können alle etwas Zeit gebrauchen, um zu überdenken, was das alles für uns zu bedeuten hat.“

Die Plädoyers werden am 22. Juni um 9 Uhr im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hannover gehalten.

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