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Gerichtssaal gleicht Festung / „Organisierte Kriminalität“

Prozess um Bande falscher Polizisten

HAMELN/HANNOVER. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat am Freitag (14. Juni) der Prozess um eine Bande falscher Polizisten begonnen. Die sechs Männer und eine Frau sollen sich zusammengeschlossen haben, um Einbrüche, Raubüberfälle und Trickbetrügereien zu begehen. Sie sollen mindestens 700 000 Euro erbeutet haben.

veröffentlicht am 14.06.2019 um 14:59 Uhr
aktualisiert am 14.06.2019 um 20:40 Uhr

Hohe Sicherheitsvorkehrungen – Justizbeamte des Einsatzteams Niedersachsen bewachen die beiden Angeklagten, die aus dem Haftkeller hinauf in den Saal geführt wurden. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Das Landgericht in Hannover glich am Freitagvormittag einer Festung - Polizei-Transporter vor dem Gebäude, Personen- und Taschenkontrollen am Eingang und vor dem Flur zum Schwurgerichtssaal, Metalldetektoren wie am Flughafen und Schutzhunde in Bereitschaft - die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Britta Schlingmann, Vorsitzende Richterin der 12. Großen Strafkammer, hatte sogar das in Oldenburg stationierte Einsatzteam Niedersachsen der Justiz angefordert, um während der Verhandlung um sieben mutmaßliche Mitglieder einer Bande, die sich zusammengeschlossen haben soll, um Einbrüche, Raubüberfälle und Trickbetrügereien als falsche Polizisten zu begehen, keine unliebsamen Überraschungen zu erleben. Zwei Staatsanwälte waren gekommen, um die 17 DINA-4-Seiten umfassende Anklageschrift zu verlesen. Es gehe um ein Verfahren aus der OK-Abteilung, sagte Staatsanwältin Dr. Fröhlich im Gespräch mit der Dewezet. OK - das steht für organisierte Kriminalität. Banden- und gewerbsmäßig sollen sechs Männer und eine Frau vorgegangen sein, um vornehmlich ältere Menschen zu täuschen und um ihre Ersparnisse zu bringen. Eine 79 Jahre alte Frau verlor auf einen Schlag 172000 Euro, ein Senior aus Hameln deponierte Geld und Gold im Wert von 130000 Euro in einem Mülleimer. Der Schaden, den die Bande bei den 22 Taten, die angeklagt worden sind, angerichtet hat, soll sich auf mehr als 700000 Euro belaufen. Der Gesamtschaden dürfte aber weitaus höher sein. Davon sind sogar die Verteidiger der Beschuldigten überzeugt. Ein Rechtsanwalt sagte am Rande des Prozesses: „Das ist nur die Spitze des Eisberges.“ Ein anderer meinte: „Die Staatsanwaltschaft hat ja nur die Fälle angeklagt, die wasserdicht sind.“

Das Interesse der Medien ist groß. Das zeigte die Anzahl der Journalisten und Pressefotografen. Sogar ein Team von Spiegel TV berichtet über den Mammutprozess, der sich vermutlich über mehrere Monate hinziehen wird. Mit Farhad B. (34), Ibrahim S. (30), Ahmad K. (23), Basim K. (33), Mesut A. (28), Mehmet A. (30) und Mirwet S. (29) sitzen sogenannte „Logistiker“ – so werden die Täter genannt, die die Betrügereien vor Ort vorbereiten und steuern – und „Abholer“ auf der Anklagebank. Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden gibt es weitere Bandenmitglieder, vor allem aber auch Hintermänner, die in Bremen und in der Türkei leben und von dort aus operieren. Einige sind namentlich bekannt und würden „gesondert verfolgt“, wie es im Juristendeutsch heißt. Manche werden womöglich nie gefasst.

Staatsanwältin Dr. Fröhlich und Staatsanwalt Laurin machten schon während der Verlesung der Anklage deutlich, dass der Staat im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung das Vermögen der Angeklagten einziehen möchte - und zwar in der Höhe „des Wertes des Taterlangten“, wie es heißt. Allein Ahmad K. soll nach Meinung der Strafverfolgungsbehörde 458764 Euro „einkassiert“ haben. Von dem mutmaßlichen Logistiker Farhad B. würde man gern 182000 Euro einziehen, sagte die Staatsanwältin.

Auch vor dem Gerichtsgebäude zeigte die Polizei mit Streifen- und Hunde-Transportwagen Präsenz. Foto: ube

Die Anrufer, die sich als Polizisten aus Hameln oder als BKA-Beamte ausgaben, sollen viel Fantasie bewiesen haben, wenn es darum ging, an das Geld von gutgläubigen Senioren zu kommen. Von Call-ID-Spoofing müssen sie auch etwas verstehen. Es handelt sich um eine Methode, Anrufe von einer vorgetäuschten Nummer aus vorzunehmen. Kriminelle können Telefonanschlüsse so manipulieren, dass beim Angerufenen eine andere Telefonnummer angezeigt wird. Das kann die Notrufnummer 110 sein oder die Rufnummer der Telefonzentrale der Polizei. So schöpfen potenzielle Opfer keinen Verdacht. Unter den 22 Anklagepunkten finden sich neben Betrügereien auch Einbrüche in Apotheken, Firmen und in ein Wohnhaus. Aus einer Hamelner Apotheke sollen Bandenmitglieder einen 150 Kilogramm schweren Tresor mit Geld und Betäubungsmitteln gestohlen haben. In Bad Pyrmont sollen einige Angeklagte im vergangen Jahr einen Mann in seiner Wohnung überfallen und verletzt haben. Sie wussten, dass er viele Goldbarren besitzt. In einem anderen Fall schaffte es ein von falschen Polizisten geschickter Tresorknacker nicht sofort, unter den Augen einer getäuschten Seniorin den Panzerschrank ihres Bruders zu knacken. Er hatte das falsche Werkzeug dabei. Dreist: Der Täter soll zurück nach Hameln gefahren sein, um sich das richtige Einbruchwerkzeug zu holen.

Mit ihren ausgedachten Geschichten lösten die falschen Kommissare, die aus der Türkei anriefen, bei den Opfern in Deutschland Verlustängste aus. Mal erzählten die Betrüger, eine rumänische Einbrecherbande werde schon bald das Haus des Angerufenen plündern, deshalb solle er Geld und Gold zusammenpacken, damit es von der Polizei abgeholt und in Sicherheit gebracht werden könne. Die falschen Polizisten machten potenziellen Opfer weis, sie müssten ihr Erspartes von Konto abheben, Aktienpakete zu Geld und Bargeld zu Gold machen, weil ein Bankangestellter vorhabe, sich das Vermögen unter den Nagel zu reißen. Er werde das Geld ansonsten nach Brasilien transferieren - dann sei es weg. Einige Menschen fielen auf die Bande herein. Auch über Falschgeld, das die Bank ausgezahlt habe und das nun im Polizeilabor unter die Lupe genommen werden müsse, fabulierten die Anrufer. Die sieben Angeklagten haben sich am ersten Prozesstag nicht vor Gericht geäußert. Sie lassen sich von zehn Strafverteidigern vertreten. Die Kammer will 30 Zeugen und einen psychiatrischen Gutachter befragen. Am 8. Juli soll der Prozess um 9 Uhr fortgesetzt werden.



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