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Gutachten: Angeklagter „nicht vermindert schuldfähig“

Plädoyers im Prozess Mahmud Khoder

Hameln/Hildesheim. Im Mordprozess gegen Oliver T. (30), der behauptet, den Hamelner Mahmud Khoder (25) in Notwehr getötet zu haben, sind am Mittwoch die Plädoyers gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft forderte zehn Jahre wegen Totschlags, die Verteidigung einen Freispruch.

veröffentlicht am 01.06.2016 um 10:58 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

Prozess Mahmud Khoder
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Staatsanwalt Lars Bölter rückte vom Mordvorwurf ab. Heimtücke und Habgier hatte das Gericht dem Angeklagten nicht nachweisen können. Der Staatsanwalt beantragte allerdings eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren wegen Totschlags. Eine bereits im ersten Prozess erfolgte rechtskräftige Verurteilung wegen „unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“ (drei Jahre Haft), bezog Bölter bei der Strafzumessung mit ein. Der Staatsanwalt sieht es als erwiesen an, dass Mahmud Khoder am späten Nachmittag des 10. November 2013 in einem Haus in Hehlen vorsätzlich getötet wurde. Die Reaktion der Staatsanwaltschaft auf den bisherigen Prozessverlauf kam nicht überraschend. Die Vorsitzende Richterin Karin Brönstrup hatte bereits am 19. Mai einen rechtlichen Hinweis erteilt und angekündigt: Für den Fall, dass weder Mordmerkmale noch eine Notwehrhandlung nachgewiesen werden können, komme auch eine Verurteilung wegen Totschlags in Frage.
Nebenklage-Vertreter Roman von Alvensleben, der Ibrahim Khoder, den Vater des Getöteten, vertritt, stellte keinen eigenen Strafantrag. Er bat das Hildesheimer Schwurgericht allerdings, den Angeklagten Oliver T. wegen eines vorsätzlichen Tötungsdelikts zu verurteilen. Aus Sicht der Nebenklage steht zweifelsfrei fest, dass die von Oliver T. geschilderte Notwehr-Version nicht plausibel ist. Der renommierte Tathergangsrekonstrukteur und Blutspurenmuster-Spezialist Prof. Dr. Oliver Peschel von der Ludwig-Maximilians-Universität München hatte bereits Anfang April einzelne Behauptungen des Angeklagten „als einfach nicht vorstellbar“ und als „nicht nachvollziehbar“ bezeichnet. Bei der Rekonstruktion des von Oliver T. ungewöhnlich präzise geschilderten Geschehens war der Gutachter auf Ungereimtheiten gestoßen.
Strafverteidiger Clemens Anger blieb dabei – wie schon im ersten Prozess beantragte der Rechtsanwalt Freispruch für seinen Mandanten. Oliver T hatte seinerzeit eine Erklärung verlesen lassen. Darin heißt es: „Ich habe Mahmud Khoder weder heimtückisch noch aus Habgier, sondern in Notwehr getötet.“ Mahmud Khoder habe ihn bei einem Drogengeschäft „abziehen“ wollen. „Ich wollte mich aber nicht ausrauben lassen, habe mich zur Wehr gesetzt.“ Er habe Mahmud Khoder aber nicht töten wollen.
Bei ersten Mordprozess hatte der Strafverteidiger mit dieser Strategie Erfolg: Das Gericht sprach Rauschgifthändler Oliver T. im Juni 2014 überraschend vom Vorwurf des Mordes frei. Die Richter waren seinerzeit zu dem Schluss gekommen, dass die Notwehr-Version des Angeklagten nicht zu widerlegen ist. Dagegen hatte Rechtsanwalt Roman von Alvensleben Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof kassierte den Freispruch. Der Prozess musste neu aufgerollt werden. Rechtsanwalt Anger argumentiert, dass Oliver T. nach der Tat ein Verhalten an den Tag gelegt habe, das durchaus für ein Unglück spreche. Zudem hätten die als Gutachter geladenen Rechtsmediziner in Teilen unterschiedliche Auffassungen vertreten. Deshalb müsse der alte Rechtsgrundsatz „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten zur Anwendung kommen.
Sollte Oliver T. diesmal wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt werden, kann er nicht darauf hoffen, dass das Strafmaß gemildert wird. Der psychiatrische Gutachter Dr. Tobias Bellin hat keine Hinweise darauf gefunden, dass der Angeklagte vermindert schuldfähig war, als er zustach.
Am 6. Juni um 15.30 Uhr wird Richterin Karin Brönstrup voraussichtlich das Urteil verkünden.



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