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Nach Messerattacke auf eine Mutter - Bewährungsversager auf der Anklagebank / Agron F. droht mehrjährige Haftstrafe

Opfer war dem Tod sehr nahe

HAMELN. Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann, der schon oft mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist - als er am frühen Abend des 13. August 2018 im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses an der Alten Heerstraße in Rohrsen ein Messer zieht und mutmaßlich mehrfach auf die Mutter seines inzwischen anderthalbjährigen Sohnes einsticht, weist sein Bundeszentralregisterauszug bereits zwölf Einträge auf. Mit der blutigen Attacke befasste sich am Montag das Schöffengericht Hameln.

veröffentlicht am 21.01.2019 um 15:50 Uhr

Der Tatort an der Alten Heerstraße – im Treppenhaus dieses Hauses stach der Täter am 13. August 2018 mehrfach zu. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Der 23 Jahre alte Agron F. ist in den vergangenen drei Jahren unter anderem wegen schweren Diebstahls, sondern auch wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung und dem vorsätzlichen Führen einer verbotenen Waffe verurteilt worden. Immer ist er mit einer Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, davongekommen. Das hat ihn offenbar nicht davon abgeschreckt, weiter massiv und über Monate hinweg Gewalt gegen seine damalige Partnerin auszuüben. Am Montag stand der in Hildesheim geborene Deutsche mit Migrationshintergrund wieder einmal vor Gericht - gleich wegen mehrerer Gewalttaten.

Die seinerzeit schwangere Anna M. (Name geändert) war im August dem Tod sehr nahe. Die 30-Jährige hat überlebt - weil Agron F. am Tatabend von dem Versuch, sie zu töten, „freiwillig zurückgetreten ist“, wie es sperrig im Juristendeutsch heißt. Anna M. hatte lautstark um Hilfe gerufen und damit Nachbarn auf den Plan gerufen. Der Täter ergriff die Flucht. Aber - und das hält ihm die Staatsanwaltschaft Hannover zugute - er hat nicht nur aufgehört, weiter auf das Opfer zuzustechen, sondern sogar den Notruf gewählt, sodass seine schwer verletzte Freundin, der er sich eigentlich gar nicht hätte nähern dürfen, rasch von einer Notärztin versorgt und im Krankenhaus gerettet werden konnte. Aus den polizeilichen Ermittlungen wegen Verdachts des versuchten Totschlags wurde deshalb ein Gerichtsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Auch eine solche Straftat kann mit einer hohen Freiheitsstrafe (sechs Monate bis zehn Jahre) geahndet werden. Er habe, so die Staatsanwaltschaft, die Hamelnerin „körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt“. Die letzte Gewalttat sei mit einem „gefährlichen Werkzeug und einer das Leben gefährdenden Behandlung“ begangen worden - gemeint ist ein Messer.

Mit der blutigen Attacke befasste sich am Montag das Schöffengericht Hameln, das allerdings nur eine begrenzte Strafgewalt hat und deshalb lediglich Haftstrafen bis maximal vier Jahre verhängen kann. Nebenklage-Vertreter Roman von Alvensleben passt das nicht - er rügte die sachliche Zuständigkeit des Schöffengerichts und regte an, das Verfahren an das Landgericht Hannover, das deutlich höhere Freiheitsstrafen verhängen kann, zu verweisen. Angesichts der vielen Gewalttaten, die dem Angeklagten zur Last gelegt würden, reiche eine Strafe von vier Jahren „als Ahndung für das vorliegende Unrecht nicht aus“, erklärte von Alvensleben auf Nachfrage. Anna M. hatte unter anderem durch einen fünf Zentimeter tiefen Stich in den Brustkorb einen sogenannten Pneumothorax, also eine Luftansammlung zwischen dem inneren und äußeren Lungenfell, erlitten. Das sei potenziell lebensgefährlich, meinen Experten.

Blutspuren - Agron F. soll die Scheibe der Haustür zertrümmert haben. Foto: ube

Im Gespräch mit der Dewezet unterstellte Opfer-Anwalt von Alvensleben dem Angeklagten ein sonderbares und krudes Frauenbild. „Dieser Mann hat null Respekt vor Frauen. Das, was er getan haben soll, ist unterste Schublade und durch nichts zu entschuldigen.“ Agron F. gehöre zu den Männern, die glaubten, eine Frau habe nichts zu melden und gehöre an den Kochtopf.

Die Beziehung war offenbar zuletzt von häuslicher Gewalt geprägt. Acht weitere Taten, die der Angeklagte zwischen Januar und Juli 2018 - also vor der brutalen Messerattacke - verübt haben soll, wurden am Montag in einem Rutsch gleich mitverhandelt. Anna M. soll schon vor der Bluttat von Agron F. geschlagen, getreten und gebissen, beschimpft, beleidigt, bespuckt und bedroht, gewürgt und durch einen Kopfstoß verletzt worden sein. Die Hamelnerin erlitt bei diesen vorausgegangenen Misshandlungen unter anderem einen Rippenbruch, eine Bisswunde, eine Nasenbeinfraktur, ein Hämatom am Auge und eine Gesichtsprellung. Sie hatte deshalb seinerzeit vor Gericht einen Gewaltschutzbeschluss und ein Annäherungsverbot erwirkt. Den jungen Hamelner interessierte das aber offenbar nicht die Bohne. Die Polizei leitete zwar ein Strafverfahren gegen den heute 23-Jährigen ein - wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz. Aber auch das beeindruckte ihn nicht.

Am 13. August lauerte Agron F. nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft seiner Ex-Freundin gegen 19.30 Uhr vor dem Haus, in dem sie mit ihren Kindern wohnt, auf. Anna M. hatte gerade ihr Auto umgeparkt, weil ihr zugetragen worden war, dass sich Agron F. an dem Wagen zu schaffen gemacht haben soll. Als sie ihren Ex-Partner sah, flüchtete sie sofort ins Treppenhaus. Er soll außer sich vor Wut gegen die Haustür geschlagen und getreten und sich gewaltsam Zutritt verschafft haben. Glas zersplitterte. Der Täter soll sein Opfer zu Fall gebracht und „Ich steche dich ab!“ geschrien haben - Anna M. wurde mehrmals von der Klinge getroffen. Die Tatwaffe, ein Klappmesser, soll der Angeklagte zuvor aus dem Fahrzeug seiner Freundin gestohlen haben. Agron F. flüchtete zwar vom Tatort, forderte aber für die erheblich verletzte Anna M. einen Rettungswagen an. 40 Minuten nach der Bluttat wurde der Tatverdächtige an der Rohrser Warte von Polizisten geschnappt. Er hatte eine stark blutende Wunde an der Hand, saß vor einer Garage.

Staatsanwalt Dr. Jouran mahnte am Montag ein Geständnis an - und traf sich wenig später mit der Vorsitzenden Richterin Kiesel und der Strafverteidigerin Susanne Frangenberg zu einem sogenannten Rechtsgespräch. Es ging um die Ober- und Untergrenzen des zu erwartenden Strafmaßes. Man habe sich - das verkündete später die Richterin - auf zweieinhalb bis dreieinhalb Jahre verständigt. Dann wurden erste Zeugen vernommen.

Der Prozess wird am 7. Februar um 9 Uhr fortgesetzt. Dann soll auch Opfer Anna M. vernommen werden. Ihr Anwalt hätte ihr das gern erspart.



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