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Christoph R. könnte aber schon im Sommer 2020 auf freien Fuß kommen

Neun Jahre Haft für Totschlag

Hannover/Groß Berkel. Christoph R. aus Groß Berkel muss neun Jahre hinter Gitter. Das Landgericht Hannover sah es als erwiesen an, dass der 52-Jährige im Januar seinen 75-jährigen Bekannten erstochen hat und verurteilte ihn am Dienstag wegen Totschlags. Zudem wurde die Einweisung in eine Entziehungsanstalt veranlasst.

veröffentlicht am 21.06.2016 um 11:32 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Der Angeklagte nahm das Urteil regungslos und mit versteinerter Miene auf - Christoph R. (52) aus Groß Berkel muss neun Jahre hinter Gitter. Zudem veranlasste das Schwurgericht in Hannover die Einweisung des alkoholkranken Diplom-Ingenieurs in eine Entziehungsanstalt. Vor dieser sogenannten „Maßregel zur Besserung und Sicherung“ (nach Meinung des Gerichts besteht bei Christoph R. Wiederholungsgefahr, da er unter Alkoholeinfluss zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt) muss der Angeklagte zunächst zweieinhalb Jahre Strafhaft verbüßen. Weil sechs Monate Untersuchungshaft angerechnet werden, kann Christoph R. seine Therapie schon im Sommer 2018 beginnen. Arbeitet er gut mit, bekommt er Lockerungen und wird bereits Mitte 2020 auf Bewährung entlassen. Dann kommt nämlich die Halbstrafen-Regelung zur Anwendung. So sieht es das Gesetz vor. Für den Angeklagten hätte es eigentlich nicht besser laufen können. Der Strafrahmen für Totschlag (5 bis 15 Jahre) war zugunsten des Beschuldigten verschoben worden, weil dieser nach Meinung des psychiatrischen Gutachters zur Tatzeit mit etwa 3 Promille Alkohol im Blut „erheblich vermindert steuerungsfähig“ war. In einem solchen Fall sieht das Strafgesetzbuch ein milderes Strafmaß (2 bis 11 Jahre und 3 Monate) vor. Neun Jahre hält die Kammer für tat- und schuldangemessen.

Die 13. Große Strafkammer sieht es als erwiesen an, dass Christoph R. seinen langjährigen Freund Berthold Mohorn am Nachmittag des 9. Januar mit vier wuchtigen Messerstichen in die Brust getötet hat. „Es ist klar und eindeutig, dass Sie der Täter sind“, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch und schaute dabei den Angeklagten an. „Ihre Lebensgefährtin war es nicht. Und es gibt keinen Anhaltspunkt für eine dritte Person am Tatort.“ Christoph R. hatte es vorgezogen, zu schweigen. Womöglich hält er sich nicht für den Täter. Dem vom Gericht bestellten Psychiater Dr. Tobias Bellin sagte der Angeklagte im April, sollte er verurteilt werden, wäre das schlimm, denn dann würde der wahre Täter nicht gefasst und der Fall ungeklärt bleiben. Ein Geständnis hat er zu keinem Zeitpunkt abgelegt. An allen vier Prozesstagen hatte Christoph R. die Verhandlung aufrecht sitzend und konzentriert verfolgt, sich dabei aber so gut wie nie bewegt. Dr. Bellin bezeichnete den Angeklagten als „normalen Bürger“, bei dem sich „schleichend ein Alkoholproblem ausgebildet“ habe. Folge: Persönlichkeitsveränderungen. Bei der Untersuchung des ledigen Mannes habe er bei Christoph R. einen Mangel an Ernst festgestellt. Der 52-Jährige nehme die Situation, in der er sich befinde, offenbar auf die leichte Schulter. Die Frage ist nur: Warum?

Christoph R. hatte bereits drei Vorstrafen - Trunkenheitsfahrten, die mit seinem Alkoholkonsum (zehn Liter Bier pro Tag) zusammenhängen. Er ist auch dann noch Auto gefahren, als er schon keinen Führerschein mehr hatte. Einmal hat er einen Unfall mit Verletzten gebaut. Der Alkoholpegel bei diesen Verkehrsstraftaten: stets deutlich über 2,5 Promille. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch nahm darauf Bezug, als er in seiner Urteilsbegründung sagte: „Sie haben die Warnfunktion Ihrer Vorstrafen nicht begriffen.“

Das ganze Drama habe begonnen, als der Maschinenbau-Ingenieur seinen Job verlor, meint Richter Rosenbusch. Christoph R. habe nicht mehr in den ersten Arbeitsmarkt zurückgefunden. „Sie haben sich dann eingerichtet in einem bequemen, aber Sie wenig fordernden Leben.“ Der Sohn aus gutem Hause verwaltete zuletzt Mietshäuser seines heute 90 Jahre alten Vaters, schaute Fernsehen und trank über den Tag verteilt 20 Dosen Bier. Richter Rosenbusch bezeichnete R. als „Schwerstabhängigen“. Anders als Staatsanwältin Ann-Kristin Fröhlich geht das Gericht nicht davon aus, dass Christoph R. „einen unbedingten und direkten Tötungsvorsatz“ hatte, als er mit einem 32 Zentimeter langen Messer viermal tief in den Oberkörper seines Freundes stach. „Sie wussten allerdings, dass diese Stiche tödliche Verletzungen hervorrufen können“, sagte Rosenbusch.



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