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24-Jährige war im September 2014 von Auto erfasst worden

Nach tödlichem Autounfall: 18 Monate auf Bewährung

Im Prozess um einen tödlichen Verkehrsunfall auf dem Hamelner Ostertorwall ist der Angeklagte, ein 31 Jahre alter Autofahrer aus Hameln, am Mittwoch zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das Urteil lautet auf 18 Monate Haft, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Zudem erhält der 31-Jährige ein Jahr Führerscheinsperre und muss 200 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

 

veröffentlicht am 16.09.2015 um 12:35 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:16 Uhr

Ulrich Behmann

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Chefreporter zur Autorenseite

Der Vater der am Abend des 7. September 2014 bei einem schweren Verkehrsunfall auf dem Hamelner Ostertorwall ums Leben gekommenen Nina K. (24) gibt kurz vor Ende des Prozesses gegen den Mann, der seine Tochter totgefahren hat, eine Erklärung ab. Er schaut dem 31-jährigen Daniel B. (Name geändert), der auf der anderen Seite des Saales auf der Anklagebank sitzt, tief in die Augen und sagt: „Unsere Tochter ist in einem der glücklichsten Momente ihres Lebens aus ihrem Leben gerissen worden. Sie hatte gerade eine neue Arbeitsstelle gefunden, wollte jungen Menschen mit Behinderungen helfen.“ Nina sei tot, weil er, der Angeklagte, viel zu schnell gefahren sei. Daniel B. habe die Frage nach dem Warum nicht beantwortet. „Leider haben wir nichts erfahren, was unseren Schmerz lindert.“
 Mutter und Vater leiden sehr unter dem Verlust der Tochter. Sie ist in psychiatrischer Behandlung und kaum arbeitsfähig, er benötigt immer noch psychologische Hilfe – Daniel B. offenbar nicht.
 Der Hamelner hat keine Erklärung für den Unfall. Frisch verliebt saß er am Steuer seines BMW. Neben ihm seine Freundin (20). Vom Bowling seien sie gekommen, erzählt er. Dort habe er an einem Piña Colada genippt. Auf der Fahrt nach Hause bestellt der Hamelner – angeblich von einem Tankstellen-Gelände aus – per Handy Essen. Er fährt auf dem Münsterwall, nähert sich gegen 21.15 Uhr der Kreuzung an der Rattenfängerhalle. Die Ampel sei grün gewesen, er habe aber befürchtet, sie könne gleich Rot zeigen. „Deshalb habe ich den Wagen beschleunigt“, gibt er zu. Der Sachverständige Clemens Rehse kommt in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass Daniel B. 75 bis 85 Stundenkilometer schnell gefahren ist.
 Nina K. wartete auf der durchgezogenen Mittellinie. Sie wollte den Ostertorwall überqueren. Der BMW hat die junge Frau nahezu frontal erfasst. Sie war sofort tot. Das Auto des Hamelners sei auf die Gegenfahrbahn geraten, erzählte ein Augenzeuge der Polizei kurz nach dem Unfall. Warum? Daniel B. schweigt. Er habe die Fußgängerin erst Bruchteile von Sekunden vor dem Zusammenstoß gesehen, nur einen „Sprung“ wahrgenommen, behauptet er.
 Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als der Unfall passiert ist, ging eine WhatsApp-Nachricht auf dem Handy des Mannes ein. Die Polizei kann nicht sagen, ob sie während der Fahrt abgerufen wurde. „Damals gab es noch keine blauen Haken“, erklärt Oberkommissar Andreas Meier. Daniel B. bestreitet, auf sein Telefon geschaut zu haben. Er will weder ein visuelles noch ein akustisches Signal bemerkt haben. Opfer-Anwalt Rüdiger Zemlin ist davon überzeugt, dass die WhatsApp-Nachricht den Fahrer abgelenkt hat. Nur: Beweisen kann er es nicht.
 Sagt Daniel B. die Wahrheit? Als er steif und fest behauptet, zum Unfallzeitpunkt sei es dunkel gewesen, wird es sogar seinem Verteidiger Heimo Faehndrich zu bunt. Er weiß, dass die Kreuzung nachts sehr gut ausgeleuchtet ist und ermahnt seinen Mandanten „hier keinen Quatsch zu erzählen“.
 Die Staatsanwaltschaft hat Daniel B. nicht nur wegen fahrlässiger Tötung und Straßenverkehrsgefährdung angeklagt. Am 24. November – also nach dem Unfall – soll er ein Auto verkauft haben und selbst am Steuer eines Ford gesessen haben. Das behauptet ein Ehepaar aus Süddeutschland, das sich von ihm betrogen fühlt. Der Wagen sei zwei Tage zuvor beim TÜV gewesen, habe aber schon vor Bad Pyrmont dermaßen geklappert, dass man die Weiterfahrt habe abbrechen müssen, erzählt die Frau (48). Als das Paar Anzeige wegen Betrugs erstattet, wird die Polizei hellhörig – und fragt, wer gefahren ist. Die Ermittler wissen: Daniel B.s Führerschein ist nach dem tödlichen Unfall sichergestellt worden. Sie habe Angst vor diesem Menschen, sagt die Mutter zweier Kinder vor Gericht. „Er hat mich durch die Blume am Telefon bedroht und gesagt, er habe viele Freunde.“ Später habe sich ein anonymer Anrufer bei ihr gemeldet und sie daran erinnert, dass Herr B. einen großen Bekanntenkreis hat. „Ich wollte deshalb an der Verhandlung nicht teilnehmen.“ Der Angeklagte bestreitet, ein Auto gefahren zu sein. Die Freundin und ein Bekannter bestätigen das. Es steht Aussage gegen Aussage. Das Verfahren wegen Fahrens ohne Führerschein wird eingestellt.
 Das letzte Wort hat der Angeklagte. Daniel B. spricht zu den Eltern. „Es tut mir aufrichtig leid. Ich weiß nicht, wie ich mich bei Ihnen entschuldigen soll. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“ Sein Beileid hat er den Eltern bis heute nicht ausgesprochen.
 Am Ende verkündet Richterin Scheffner das Urteil: Daniel B. wird wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung verurteilt. Bis zu dem Unfall hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen. Das spricht für ihn. Der 31-Jährige muss 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und darf ein weiteres Jahr kein Auto fahren.

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Foto: ube


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