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„Sie hätte sterben können“

Nach Stoß in Weser gerät 16-Jährige in Lebensgefahr

HAMELN. Eine 16 Jahre alte Hamelnerin ist am Samstag gegen 1 Uhr nachts vom Molenkopf des Werders in die Weser gestoßen worden – die Jugendliche fiel zunächst etwa vier Meter in die Tiefe, tauchte dann im Wasser unter und wurde schließlich von dem Sog des Wasserkraftwerks in den Kraftwerksarm gezogen. Die Polizei sucht Zeugen.

veröffentlicht am 28.05.2018 um 12:57 Uhr
aktualisiert am 28.05.2018 um 19:20 Uhr

Ulrich Behmann

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Bei völliger Finsternis geriet die Schülerin in Panik. Vergeblich versuchte sie, sich an der hohen Sandsteinmauer festzukrallen. Zum Glück bekam sie nach ein paar Metern eine verrostete Eisenkette zu fassen, die jemand an einem Haltering, der zum Anlegen von Schiffen dient, befestigt hatte. Die Jugendliche befand sich in Lebensgefahr. Wäre sie weiter abgetrieben worden, hätte sie die Strömung wohl direkt vor den Turbinen-Rechen gezogen.

Eine Klassenkameradin (16) war auf Zack. Sie lief sofort zu einer Toilettenanlage auf dem Werder, holte von dort einen Rettungsring mit Leine. Daran wurde die Schülerin mit vereinten Kräften zurück auf das Werder gezogen. Das Mädchen hat Schürfwunden und Hämatome davongetragen. „Unserer Tochter geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind heilfroh, dass sie diese feige Attacke überlebt hat“, sagte der Vater. „Uns ist bewusst: Sie hätte sterben können.“

Das teure Smartphone, das sich die Gymnasiastin erst vor ein paar Monaten von ihrem Ersparten gekauft hatte, ihr Personalausweis und die Schülerfahrkarte sind bei dem Sturz ins Wasser verlorengegangen. Eine Chance, die Sachen bergen zu können, besteht nicht. Sogar Feuerwehrtaucher können in diesem Gefahrenbereich nicht ohne weiteres ins Wasser gehen. „Das ist zu gefährlich und zudem verboten“, erklärt Lehrrettungstaucher Christoph Nolte, der die Tauchergruppe gemeinsam mit Michael Franke leitet. „Der Sog kann so stark sein, dass der Signalmann, der auf dem Werder steht, den Taucher nicht mehr an der Leine halten kann.“ Ein Tauchgang könne nur gewagt werden, wenn die Wasserkraftanlage abgeschaltet ist. Wegen der Wasserabsenkung während des Abschaltvorgangs und der damit verbundenen Gefahr für den Schiffsverkehr müsse eine solche Maßnahme ohnehin mit dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt abgestimmt werden, sagte am Montag Natalie Schäfer von den Stadtwerken, die das Kraftwerk betreiben. Für ein Handy und einen Pass dürfte dieser Aufwand wohl übertrieben groß sein.

Die Hamelnerin hat nicht sehen können, wer sie ins Wasser gestoßen hat. Sie bereut es inzwischen, über den Zaun auf den Molenkopf geklettert zu sein. „Da waren ziemlich viele junge Leute. Wir sind halt auch dorthin gegangen“, erzählt sie. Die Werderspitze ist ein beliebter Treffpunkt. Die Gefahr, dort ins Wasser zu fallen und vom starken Sog der Turbinen mitgerissen zu werden, ist real – sie wird aber offenbar von den Jugendlichen so nicht wahrgenommen. Nach Angaben der Stadtwerke beträgt die Strömung an besagter Stelle etwa 45000 bis 50000 Liter pro Sekunde.

Ein rot-weißes Sperrschild warnt die Schifffahrt, keinesfalls in den ehemaligen Schleusenkanal und heutigen Kraftwerksarm hineinzufahren. Auch eine gelbe Gefahrentonne signalisiert Lebensgefahr. „Wer dort mit einem Boot hineinfährt, hat ein ernsthaftes Problem. Da gibt es kein Entkommen mehr“, sagt ein erfahrener Binnenschiffer. „Der Sog zieht einen unter Wasser – direkt vor den Rechen.“

Unklar ist, was den Täter dazu gebracht hat, das Mädchen bei Dunkelheit in die Tiefe zu stoßen. Juristen bewerten die Tat als Verbrechen. „Wer so etwas tut, nimmt nicht nur in Kauf, dass sich das Opfer schwere Verletzungen zuzieht, er muss auch damit rechnen, dass die Person zu Tode kommt – zumal er nicht einmal wissen kann, ob der Attackierte überhaupt schwimmen kann.“

Ein anderer Experte weist auf eine weitere Gefahr hin: „Die Weser ist derzeit nicht gerade warm. Wer unvermittelt in den Fluss geschubst wird, läuft Gefahr, unter Wasser schockartig Luft holen zu wollen. Die Lungen füllen sich dann aber mit Wasser. Man spricht von einem Reflextod.“

Die Schülerin hat den Vorfall erst am Sonntagabend bei der Hamelner Polizei angezeigt. Die Ermittlungen werden von dem unter anderem für Mord, Totschlag und Körperverletzungsdelikte zuständigen 1. Fachkommissariat des Zentralen Kriminaldienstes geführt. Die Beamten hoffen, dass jemand Beobachtungen gemacht hat, die ihnen helfen, den Fall aufzuklären. Hinweise werden unter 05151/933222 entgegengenommen.



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