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Warum läuteten keine Alarmglocken?

Nach 130 000 Euro-Betrug: Weitere Anrufe bei Senioren

HAMELN. Es ist eine gigantische Summe und umso tragischer, dass sie durch einen Trickbetrug abhandenkam. 130 000 Euro haben Kriminelle einem älteren Hamelner Ehepaar abgenommen. Sie gaben sich am Telefon als Polizisten aus und setzten die Senioren so stark unter Druck, dass die ihnen innerhalb von zwei Tagen Goldbarren und Bargeld in einem Müllbehälter deponierten. Während die Fahndung nach den Tätern läuft, haben die Betrüger offenbar nach weiteren Opfern gesucht.

veröffentlicht am 05.06.2018 um 16:55 Uhr
aktualisiert am 05.06.2018 um 20:40 Uhr

An diesem Spielplatz in Afferde deponierte eine Hamelnerin Goldbarren und Bargeld. Foto: dana
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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In Hameln und Umgebung sind am vergangenen Sonntag erneut meist ältere Personen von angeblichen Polizeibeamten angerufen worden. „Wir haben Kenntnis von 15 Anrufen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch größer sein“, teilt der Erste Kriminalhauptkommissar Frank Weiss mit. Zum Zuge kamen die Betrüger diesmal nicht. Die Angerufenen waren auf Zack, legten gleich wieder auf.

Das hatten die 87 und 92 Jahre alten Hamelner leider nicht getan, als sie von den Betrügern angerufen wurden. Die Senioren sollen noch stark unter dem Schamgefühl leiden, missbraucht worden zu sein, meint der Leiter des für Betrugsdelikte zuständigen Fachkommissariates 3. Das Ehepaar werde weiterhin von Polizeibeamten betreut, erzählt Weiss. Die Polizei habe den Opfern zudem die Hilfe des „Weißen Rings“, einem Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern angeboten. „Es ist perfide, dass man Menschen ihr lebenslang Erspartes so abnimmt“, ist Weiss verbittert.

Vielen geht es nicht in den Kopf: Warum gehen immer wieder Opfer den Tätern auf den Leim, dass sie sogar Goldbarren im Wert von zigtausend Euro in einen Abfallbehälter werfen? Der Kriminalbeamte weiß genau, wie geschickt Betrüger bei den ominösen Telefonaten vorgehen, konnte sich Mitschnitte von einigen Gesprächen anhören. „Die Täter sind äußerst redegewandt, rhetorisch geschult und haben eine außergewöhnliche Empathiefähigkeit bei Gefühlsschwankungen“, erklärt der Polizeibeamte.

Gewerbsmäßiger Bandenbetrug heißt das Delikt in der Fachsprache. Keiler nennen Ermittler die Anrufer – Läufer die Mittäter, die anschließend deponierte Wertsachen abgreifen. Zwei von ihnen hatte die Polizei im Dezember in der Hamelner Nordstadt dingfest gemacht, als die Männer die Ersparnisse einer 87-Jährigen abholen wollten. Die Keiler, Hintermänner, die oft in Callcentern im Ausland – etwa in der Türkei sitzen, sind schwer zu fassen.

Bleibt die Frage, warum im Geldinstitut, bei dem die Senioren ihr Konto führen ließen, nicht die Alarmglocken klingelten, als die Senioren vor den Bankern standen und die hohe Summe abheben wollten. Das betreffende Kreditinstitut möchte sich dazu nicht äußern, allein schon „aufgrund des Bankgeheimnisses“, wie es heißt. Für Ermittler Weiss sind gerade die Banken das erste Glied in der Kette, bei der die Betrügereien erstmals auffallen, da die Opfer von Tätern zur Verschwiegenheit aufgefordert werden und sich niemanden anvertrauen.

„Es gibt Schulungen, bei denen Bankmitarbeiter über das Verhalten bei solchen Fälle informiert werden“, sagt Anne van Dülmen, Pressesprecherin des Bundesverbandes Deutscher Banken in Berlin. Dennoch sei es ein schwieriges Thema, „denn wann ist jemand alt“, erklärt die Bankerin. Bei bekannt gewordenen Betrugsfällen sollen sich die lokalen Geldinstitute untereinander austauschen, ist aus Bankkreisen zu erfahren.

Es gebe einen regen Austausch von Polizei und Sparkassen“, sagt Michael Schier, Pressesprecher des Sparkassenverbandes Niedersachsen. Mitarbeiter seien geschult und bei auffälligen Beratungen am Schalter auch sensibilisiert. Auf den aktuellen Hamelner Fall angesprochen, meint der Sprecher, dass so etwas nicht passieren sollte. „Leider gibt es keinen Persilschein, der solche Vorkommnisse zu 100 Prozent verhindert, so der Sprecher. Andererseits kenne Schier mehrere Fälle, bei den Sparkassenmitarbeiter Betrugsfälle verhindert hätten.



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