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Hamelner wäre fast verblutet / Urteil am Mittwoch

Messerstiche im Imbiss: Opfer bittet um Milde für Täter

HAMELN. Im Prozess um die Messerstiche in einem Imbiss in der Hamelner Bahnhofstraße wird am Mittwoch (15. Mai) das Urteil erwartet. Die Staatsanwältin hat viereinhalb Jahre Gefängnis für den einen und ein Jahr Bewährung für den zweiten Angeklagten gefordert, die Verteidiger beantragten zweieinhalb Jahre Haft. Das Opfer bat derweil um Milde.

veröffentlicht am 14.05.2019 um 17:20 Uhr

Der Angeklagte Furkan Y., der gestanden hat, den Hamelner Jürgen M. (Name geändert) mit drei Messerstichen lebensgefährlich verletzt zu haben, wird von zwei Justizbeamten in den Schwurgerichtssaal geführt. Der 22-Jährige versteckt sein Gesicht hinter
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Das Messer drang tief in den Bauch des Hamelners ein. Die scharfe Klinge perforierte zweimal die Leber und einmal das Zwerchfell. Die Stichverletzungen lösten starke innere Blutungen aus. Ein weiterer Stich traf das Brustbein. Das 43 Jahre alte Opfer war am frühen Morgen des 3. November 2018 dem Tod sehr nahe. Das bestätigt Gerichtsmediziner Dr. Detlef Günther. „Ohne fremde Hilfe hätte der Mann diese Stichverletzungen nicht überleben können. Er wäre verblutet.“

Der Schwerstverletzte hatte sich mit letzter Kraft vom Tatort an der Hamelner Bahnhofstraße zu einem Altenheim an der Vizelinstraße geschleppt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt Schmerzen und schwebte in akuter Lebensgefahr.

Sechs Monate später sitzt Jürgen M. (Name geändert) im Schwurgerichtssaal dem Mann gegenüber, der ihn um ein Haar getötet hat. Zum allgemeinen Erstaunen hegt er keinen Groll gegen Furkan Y. (22), dem mehrere Jahre Haft wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung drohen. Der Gewalttäter hat ein Geständnis abgelegt, sich bei dem 43-Jährigen entschuldigt – und ein Schmerzensgeld in Höhe von 4000 Euro gezahlt. Der Überlebende zeigt sich versöhnlich. „Egal wie krass das Verhalten mir gegenüber auch war. Ich kaufe dem Angeklagten die Ernsthaftigkeit seiner Reue ab.“ An die Kammer appelliert das Opfer.: „Jeder hat eine zweite Chance verdient.“

Später begründet Jürgen M. im Gespräch mit der Dewezet seine ungewöhnliche Reaktion so: „Wissen Sie, ich habe auch schon Mist gebaut und eine neue Chance erhalten. Was bringt es mir, wenn der Messerstecher härter bestraft wird? Ich habe überlebt und durch diese Tat erkannt, wie wertvoll das Leben ist. Jeder Tag ist ein Geschenk.“ Prozessbeteiligte hatten erwartet, dass sich die 13. Große Strafkammer am Dienstag die Plädoyers anhören und noch am selben Tag das Urteil fällen wird. Doch das Gericht zog sich am Mittag zur Beratung zurück – am Mittwoch um 15 Uhr will der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch die Entscheidung des Schwurgerichts verkünden.

Zwei junge Männer sitzen auf der Anklagebank: Messerstecher Furkan Y. (22) und Shpetim I. (26), Betreiber eines Imbisses an der Bahnhofstraße. In seinem Lokal geschah die Bluttat. Der Wirt wollte seinerzeit einen ungebetenen Gast mit Faustschlägen aus seiner kleinen Gaststätte hinausprügeln. Jürgen M. hatte den Imbiss, in dem gerade eine private Geburtstagsfeier stattfand, betreten, weil er Hunger hatte und die Tür nicht verschlossen war. Er setzte sich zu zwei Frauen an einen Tisch, machte wohl keine Anstalten, zu gehen, als er dazu von Shpetim I. aufgefordert wurde. Aggressiv war er nicht. Partygast Furkan Y. mischte sich offenbar ungefragt ein, nahm ein Springmesser, das angeblich auf einem Tisch lag, in die Hand und stach dreimal zu.

„Der Wirt sei noch sehr unerfahren gewesen, sagt rückblickend Strafverteidiger Dr. Holger Nitz. Natürlich müsse man solche Situationen anders lösen. Seinem Mandanten sei bewusst, dass er es war, „der die körperliche Auseinandersetzung begonnen hat“. Deshalb fühle er sich „auch ein Stück weit verantwortlich“ für das, was sich daraus entwickelt hat. Aus der Sicht des Anwalts war das, was Shpetim I. getan hat, keine gefährliche, sondern nur eine einfache Körperverletzung. Deshalb seien acht Monate auf Bewährung tat- und schuldangemessen. Der Wirt, das gehört auch zur Wahrheit dazu, stand unter laufender Bewährung, als er seine Fäuste sprechen ließ.

Zeugenaussagen, wonach sowohl der Imbiss-Betreiber als auch der Gast den am Boden liegenden Niedergestochenen getreten und geschlagen haben, wischt Dr. Nitz vom Tisch. Die Beweiskraft der Angaben zweifelt der Verteidiger an. Shpetim I. dürfte wohl mit einem blauen Auge davonkommen. Die Erste Staatsanwältin Friederike Riemer geht mittlerweile nicht mehr davon aus, dass dem Gastwirt ein Tötungsvorsatz nachzuweisen ist. Noch im Gerichtssaal hatte sich Shpetim I. am Dienstag mit Handschlag „von ganzem Herzen“ bei dem Opfer entschuldigt und dem Mann ein Schmerzensgeld in Höhe von 1500 Euro überreicht. In bar.

Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben sagt, sein Mandant sei „glücklich, die Attacke überlebt zu haben“. Der Vertreter des Nebenklägers Jürgen M. sprach in seinem Plädoyer das Thema „Unterlassen“ an. „Einigen in diesem Imbiss war bewusst, dass mein Mandant sehr schwere Verletzungen davongetragen hat. Ihn mit diesen blutenden Wunden einfach sich selbst zu überlassen, ist schon heftig. Niemand hat sich offenbar Gedanken darüber gemacht, was mit dem Opfer geschieht. Stattdessen habe man lieber den Tatort gereinigt. „Das Schlimmste ist die Grundlosigkeit des Geschehens.“

Messerstecher Furkan Y, wird von Antje Heiser und Wolfgang Sprich verteidigt. Am Vorwurf des versuchten Totschlags lässt sich nicht rütteln. Das wissen die gewieften Anwälte. Sie versuchen deshalb, das zu erwartende Strafmaß abzumildern. Heiser bezeichnete die Gewalttat als „jugendtypisch“. Ihr Mandant sei zwar erwachsen, aber eben noch nicht ganz so lange, meinte sie. Tritte nach den Messerstichen habe es nicht gegeben, stellt die Anwältin fest. Wolfgang Sprich sagt, sein Mandant habe erst nach dem dritten Messerstich realisiert, dass „er ihn (gemeint ist Jürgen M.) verletzt hat“. Er habe dem Opfer nicht helfen können, weil Furkan Y. übel geworden sei und er die Toilette aufgesucht hätte. „Als er zurückkam, war der Verletzte schon weg.“ Ein frisches T-Shirt zum Umziehen sei seinem Mandanten „einfach so gereicht worden“. Ein planvolles Handeln könne er da nicht erkennen, meinte Verteidiger Sprich.

Die Verteidiger beantragten zweieinhalb Jahre Haft. Die Erste Staatsanwältin Riemer hatte zuvor viereinhalb Jahre Gefängnis für Furkan Y. (versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung) und für Shpetim I. ein Jahr auf Bewährung (gefährliche Körperverletzung) beantragt.



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