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Das Entsetzen bleibt

„Horrorhaus“-Prozess: Heute wird das Urteil gesprochen

HÖXTER/PADERBORN. Lange hat es gedauert, bis der Prozess um das „Horrorhaus“ von Höxter Antworten lieferte. Eine psychiatrische Gutachterin erklärte das Verhältnis der Angeklagten. Dennoch blieben viele Fragen offen. Am heutigen Freitag (5.Oktober) soll das Urteil gesprochen werden.

veröffentlicht am 05.10.2018 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 05.10.2018 um 12:05 Uhr

Das damalige Wohnhaus des beschuldigten Ehepaares in Höxter-Bosseborn. Foto: dpa

Autor:

Carsten Linnhoff

Die Frage nach dem „Warum?“ ist in jedem Strafprozess einer der zentralen Punkte. Warum hat jemand eine schwere Straftat begangen? Im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter galt es, gleich eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten. Wie gelang es den beiden Angeklagten, immer wieder Frauen in ihr Haus zu locken? Warum konnten sich so viele der Opfer nicht von Wilfried W. (48) und Angelika W. (49) lösen, geschweige denn zur Polizei gehen? Was führte zum Tod der beiden Frauen, die das Martyrium nicht überlebten?

Detlev Binder, Anwalt des Angeklagten, spricht von einem doppelten Tabubruch, der für den großen Schock sorgte: „Tabu 1: Man quält keine Menschen. Tabu 2: Frauen quälen keine Frauen. Und die Nachrichten aus dem Haus in Höxter haben sich potenziert. Das konnte sich in diesem Ausmaß niemand vorstellen“, sagt der Anwalt am Rande des Prozesses kurz vor seinem Plädoyer im September. Das Geschehen widerspreche „jeder Grunderziehung in unserer Gesellschaft“, betont der Jurist.

Unabhängig vom Urteil, das das Landgericht an diesem Freitag, 5. Oktober, sprechen will, äußerten sich alle Prozessbeteiligten fassungslos über das Geschehen in Höxter. So nannte Peter Wüller, Verteidiger von Angelika W., die Taten eine systematische Entmenschlichung der Frauen. Die Opfer seien schlechter als Vieh behandelt worden. „Das war abartig, krank“, sagte der Anwalt in seinem Plädoyer.

Auf der Anklagebank: Angelika W. Foto: dpa
  • Auf der Anklagebank: Angelika W. Foto: dpa
Auf der Anklagebank: Wilfried W. Foto: dpa
  • Auf der Anklagebank: Wilfried W. Foto: dpa

Der Verteidiger von Wilfried W. verweist auf den Schock für die Nachbarn und den Ort. „Zuerst der Schock über die Taten in der Nachbarschaft. Doch so etwas nicht bei uns im friedlichen Höxter, hieß es. Das passte ganz einfach nicht zu dieser tief katholischen Region.“ Nach Ansicht von Binder hat sich aber der Blick auf die Angeklagten in dem Prozess verändert: „Einer ist der Böse. Wilfried hält sich Frauen, um sie zu quälen. Am Anfang sahen alle Angelika als Opfer. Dann kippte die Stimmung, nachdem sich die Angeklagte über Tage selbst äußerte“, meint Binder. „Da waren plötzlich beide gleichberechtigt“, sagt er.

Dann folgte im Prozess eine lange Phase der Ungewissheit. Das Gericht musste den Gutachter für Wilfried W. wegen Krankheit von der Aufgabe entbinden. Für ihn sprang die Gutachterin ein, die auch die Angeklagte Angelika W. untersucht hatte. Aber sie brauchte für ihre zusätzliche Aufgabe Zeit.

Dann der Paukenschlag. Im Prozess hatten sich Angelika W. und ihr Ex-Mann immer wieder gegenseitig beschuldigt, für die Taten in ihrem Haus in Höxter verantwortlich zu sein. Die forensische Gutachterin Nahlah Saimeh löste das Rätsel auf. Nach ihrer Analyse hatte das Paar über 16 Jahre ihrer Beziehung ein perfektes System entwickelt, um Frauen in die Falle zu locken. Angelika W. hat demnach Züge von Autismus und kann kein Mitleid für ihre Mitmenschen oder Opfer empfinden. Sexualität setze sie als Machtinstrument ein. Sie sei hochintelligent und extrem herrsch- und machtbewusst. Das zeigte sie immer wieder auch im Prozess, in dem sie nach ihren Regeln spielen lassen wollte. Wilfried W. dagegen ist der Gutachterin zufolge im juristischen Sinne schwachsinnig. Seine Weltsicht sei vergleichbar mit der eines Grundschulkindes. Er sei ständig auf der Suche nach Frauen für die große Liebe. Allerdings wisse er nicht, was das eigentlich bedeutet. „Schuld oder Verantwortung sind ihm nicht beizubringen“, sagte die Gutachterin in ihrer Stellungnahme. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig und sollte in eine Psychiatrie eingewiesen werden. Erst beide zusammen hätten das System ermöglicht. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen in Höxter nicht funktioniert, sagte Saimeh. Nicht alle Fragen konnten in dem Prozess geklärt werden. So die genaue Todesursache des Opfers Anika W. aus Niedersachsen. Das Paar soll die Leiche 2014 in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche an Straßenrändern verteilt haben. Über die Frage, ob der Tod des zweiten Opfers zu verhindern gewesen wäre, tobte im Gericht ein Gutachterstreit. Susanne F., ebenfalls aus Niedersachsen, starb 2016 im Krankenhaus – einen Tag, nachdem eine Autopanne der Angeklagten die Ermittlungen ins Rollen brachte. Sie wollten die Schwerverletzte nur in deren Wohnung zurückbringen.



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