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Lange Freiheitsstrafen im Prozess um das Horrorhaus von Höxter

Höxter-Mordpaar wird für Jahre weggesperrt

Im Mordprozess um den Tod zweier Frauen im sogenannten Horrorhaus von Höxter sind die beiden Angeklagten zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Paderborn verhängte gegen Angelika W. am Freitag 13 Jahre Haft und gegen ihren Ex-Mann Wilfried W. elf Jahre Freiheitsstrafe.

veröffentlicht am 05.10.2018 um 17:36 Uhr

Volle Medienpräsenz am letzten Verhandlungstag. Foto: Pfaff

Autor:

Ulrich Pfaff
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„Das war's.“ Es sind die letzten Worte in diesem an Worten gar nicht armen Prozess. Gesprochen werden sie vom Vorsitzenden Richter Bernd Emminghaus, der damit einen der spektakulärsten Prozesse der deutschen Kriminalgeschichte beendet. Am Freitag hat das Paderborner Schwurgericht das „Folterpaar von Höxter“ zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Das war's auch für Angelika und Wilfried W. Die Ex-Ehepartner, die als „Folterpaar“ im „Horror-Haus“ zwei Frauen bis zum Tod malträtiert und mehrere andere misshandelt und verletzt hatten, verschwinden lange hinter Gitter: Angelika W. (49) nach dem gestrigen Richterspruch für 13 Jahre, Wilfried W. (48) für elf Jahre – wobei seine Gitter auf unbestimmte Zeit die einer psychiatrischen Klinik sind. Mord durch Unterlassen an der 41-jährigen Susanne F. aus Bad Gandersheim und versuchter Mord durch Unterlassen an der 33-jährigen Anika W. aus Uslar gehen auf das Konto beider Angeklagter, Angelika W. wurde zudem auch noch eines Mordversuchs an Anika W. für schuldig befunden, weil sie die Badewanne, in der die damalige Ehefrau ihres Ex-Gatten Wilfried angekettet war, hatte volllaufen lassen – es war schließlich Wilfried W. gewesen, der das Wasser abstellte.

Richter Bernd Emminghaus legte dezidiert dar, wie das Schwurgericht zu seinem Urteil gekommen war, nach 60 Verhandlungstagen in knapp zwei Jahren. Zu einem Urteil, das in der Argumentation der Linie von Oberstaatsanwalt Ralf Meyer folgte, aber nicht im Strafmaß.

Beide Angeklagte hätten als Duo regelmäßig die Frauen, die als Partnerinnen für Wilfried W. nach Bosseborn gelockt worden waren, misshandelt. Bei Anika W. sind nach Auffassung des Gerichts die Merkmale eines Verdeckungsmordes gegeben, weil man habe vermeiden wollen, dass ein nach deren Kopfverletzung hinzugezogener Arzt die körperlich grausam geschundene Frau sehe – und daraus unvermeidlich die richtigen Rückschlüsse gezogen hätte.

Eine Therapie wäre gar nicht schlecht.

Wilfried W., Verurteilter Mörder

Als vollendeten Mord wollte das Gericht den Tod der 33-Jährigen jedoch nicht werten: Die Todesursache sei ohne Leiche nicht festzustellen. Anders bei Susanne F.: Sie war an den Folgen einer Gehirnblutung im Krankenhaus gestorben, ebenfalls nach einem Sturz und verbunden mit ihrem schlechten Allgemeinzustand – weil das „Folterpaar“ wieder aus Angst vor Entdeckung nicht gleich einen Arzt gerufen hatte. „Beide wussten, dass Kopfverletzungen außerordentlich gefährlich sind“, betonte der Richter, „da gibt es keinen Raum für den Grundsatz: in dubio pro reo.“

Die Kammer verhängte dennoch keine lebenslangen Haftstrafen. Wilfried W. sei aufgrund seines Schwachsinns nur eingeschränkt schuldfähig, Angelika W. habe durch ihre umfangreichen Aussagen entscheidend zur Aufklärung der Fälle beigetragen – bei Anika W. sogar „ausschließlich“: „Es gab überhaupt keine Ansätze, die auf die Geschehnisse in Bezug auf ihren Tod hingewiesen hätten“, stellte Emminghaus fest.

Das war's dann möglicherweise auch juristisch mit „Bosseborn“: Dr. Detlev Binder, Verteidiger von Wilfried W., signalisierte durch eine Frage an die Staatsanwaltschaft zwischen den Zeilen, das Urteil eventuell zu akzeptieren. Angelika W.'s Verteidiger Peter Wüller hatte bereits in seinem Plädoyer anklingen lassen, bei einer Haftstrafe von etwa zwölf Jahren nicht in Revision zu gehen. Oberstaatsanwalt Meyer wollte sich zum Verzicht auf Rechtsmittel noch nicht erklären – am kommenden Freitag läuft die Frist zur Beantragung einer Revision ab.

Das war's auch für Richter Emminghaus. Mit Ende des Bosseborn-Prozesses wird er keine weitere Verhandlung mehr leiten: Er hatte den Eintritt in den Ruhestand verschoben, um das an Verzögerungen krankende Verfahren abschließen zu können. Der letzte Tag dieses Prozesses aber bot dem Vorsitzenden Richter – wie den zahlreichen Zuschauern – noch einmal einen Höhepunkt an Skurrilität. Ein inhaftierter Rumäne, der im September mit Wilfried und Angelika W. im Bulli transportiert worden war, sollte als Zeuge der Verteidigung aussagen – angeblich hatte Angelika W. bei dieser Gelegenheit gegenüber ihrem Ex-Mann beteuert, sie habe nur gegen ihn ausgesagt, weil „man das von ihr erwarte“. Indessen: Der Zeuge verstand nur rudimentär Deutsch und beantwortete die Frage von Verteidiger Binder völlig falsch. Und als Wilfried W. sein letztes Wort sprechen wollte, streikten die Mikrofone auf der Anklagebank. Emminghaus bedeutete dem 48-Jährigen, stattdessen das Mikrofon im Zeugenstand zu benutzen. Nach 60 Sekunden hektischer Entschuldigungen bei den Opfern und Dank an seine Familie fand W.: „Eine Therapie wäre gar nicht schlecht“ – und war dann schon fertig. „Dann nehmen Sie noch mal da drüben Platz“, beschied ihn der Richter. „Jetzt haben Sie auch mal auf dem Zeugenstuhl gesessen.“

Information

Chronologie der Ereignisse

1995: Das Amtsgericht Paderborn verurteilt den damals 25-jährigen Wilfried W. wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Er hatte laut Gericht seine Frau misshandelt und gequält – zusammen mit einer Komplizin.


1999: Der gebürtige Bochumer lernt die in Herford geborene, heute 49-jährige Angeklagte Angelika B. kennen. Sie heiraten.


2011: Im Ortsteil Höxter-Bosseborn mietet das Paar einen Hof.


Ende 2011 bis März 2012: Mehr als drei Monate soll eine Frau aus dem Großraum Berlin misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Das Opfer traut sich erst 2016, bei der Polizei auszusagen, als es in Medienberichten das Haus wiedererkennt.


2013: Über eine Zeitungsanzeige kommt Anika W. aus Niedersachsen nach Bosseborn. Nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiter mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der Angeklagten hervorgeht.

August 2014: Die misshandelte Frau stirbt an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche an Straßenrändern verteilt haben.


Februar 2016: Die 41-jährige Susanne F. aus Bad Gandersheim reagiert auf eine Zeitungsanzeige und kommt im März in das Haus. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt.


April 2016: Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Paar in Richtung Bad Gandersheim. Dort wollen sie die Frau in ihre Wohnung zurückbringen. Eine Autopanne durchkreuzt den Plan. Sie entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein. Wenige Tage später wird Haftbefehl gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau erlassen.


Oktober 2016: Beginn des Prozesses gegen Wilfried W. und Angelika W.

Oktober 2018: Die beiden Angeklagten werden zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.



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