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Prozess gegen sechs Angehörige einer Großfamilie beginnt / Es geht um Tumulte mit 30 Verletzten

Gewalt-Exzesse in Hameln: Prozess beginnt

HAMELN. Mehr als zwei Jahre nach den Gewalt-Exzessen mit 30 teils erheblich Verletzten, die sich am 14. Januar 2015 nach einem tödlichen Fenstersturz zunächst vor dem Amtsgericht Hameln und wenig später vor dem Sana-Klinikum abgespielt haben, müssen sich sechs Angehörige einer libanesischen Großfamilie vor dem Landgericht Hannover verantworten.

veröffentlicht am 06.04.2017 um 04:00 Uhr

Nach dem tödlichen Fenstersturz kam es zu Gewalt-Exzessen – sowohl am Amtsgericht als auch vor dem Sana-Klinikum. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Ab dem 24. April werden eine Frau (50) und fünf Männer (27, 27, 28, 30, 46), die in Deutschland und im Libanon geboren wurden, auf der Anklagebank einer Großen Strafkammer sitzen. Es geht um versuchte Anstiftung zu einer Gewalttat, schweren Landfriedensbruch, mehrere gefährliche Körperverletzungen, Morddrohungen und Beleidigungen. Die Anklageschrift hat 47 Seiten. Zwei Beschuldigte gelten als unbescholtene Bürger, der eine ist Box-Weltmeister, der andere wurde von einer Behörde als so zuverlässig eingeschätzt, dass er einen Waffenschein haben darf. Die anderen vier Angeklagten sind allerdings bereits wegen diverser Straftaten in Erscheinung getreten. In den vergangenen Jahren wurde gegen einzelne Tatverdächtige schon wegen Diebstahls, Einbruchs, gemeinschaftlichen Raubes, sexueller Nötigung, gefährlicher Körperverletzung und anderer Delikte ermittelt.

Die Krawalle haben eine Vorgeschichte. Am Nachmittag des 14. Januar war ein 26 Jahre alter mutmaßlicher Räuber bei einem Fluchtversuch ums Leben gekommen. Der Hamelner sollte in der 7. Etage des Amtsgerichts einer Haftrichterin vorgeführt werden. Auf dem Flur soll der Tatverdächtige die vier ihn begleitenden Polizeibeamten gebeten haben, mit seinem Verteidiger ein kurzes vertrauliches Gespräch führen zu können. Deshalb hätten die Kriminalbeamten etwa zehn Meter Abstand gehalten, heißt es. „Dem Mann ist es gelungen, eine Hand aus der Handfessel zu befreien. Er hat ein Fenster geöffnet und ist blitzschnell nach draußen geklettert. In einer etwa ein Meter breiten Mauernische, die sich zwischen dem ummauerten Treppenhaus und dem Gerichtsgebäude befindet, hat er sich mit Händen und Füßen an den Wänden abgestützt. Er wollte sich hinuntergleiten lassen. Dabei ist er abgestürzt“, schilderte seinerzeit Staatsanwalt Oliver Eisenhauer die Ereignisse. Die Staatsanwaltschaft kommt zu dem Schluss, dass die Handfesseln damals wohl nicht allzu fest zugezogen wurden.

Die Angehörigen können nach wie vor nicht verstehen, warum das Fenster im Gerichtsgebäude nicht verschlossen war. Der 26-Jährige sei schließlich als Fassadenkletterer polizeibekannt gewesen. Mit einem Fluchtversuch habe man rechnen müssen. Vor dem Unglück hatten sich einige Familienmitglieder vor dem Amtsgericht versammelt. Sie hofften, dass gegen den Hamelner kein Haftbefehl erlassen wird und sie ihn mit nach Hause nehmen können. Nachdem der mutmaßliche Räuber in die Tiefe gestürzt war, seien einige Personen wütend, aggressiv und handgreiflich geworden, sagen Zeugen. Die Mutter des 26-Jährigen soll lautstark das Gerücht, Polizisten hätten ihren Sohn aus dem Fenster geworfen, gestreut und die Stimmung aufgeheizt haben. Die 50-Jährige soll immer wieder gerufen haben: „Ich habe das genau gesehen.“ Polizisten erinnern sich an ausgestoßene Drohungen wie: „Hameln wird brennen. Ihr werdet dafür büßen.“ Die Mutter des Opfers wird ferner beschuldigt, einen ihrer Söhne (27) aufgefordert zu haben, einen Kriminaloberkommissar anzugreifen. Mehrfach soll die Frau gerufen haben: „Er muss sterben!“

Der 27-Jährige, der die Tat begehen sollte, war am Vortag vor der Polizeiwache an der Lohstraße aufgefallen. Der Hamelner soll spontan den Plan gefasst haben, seinen kurz zuvor nach Raubüberfällen in Klein Berkel und Aerzen festgenommenen Bruder (26) aus einem Streifenwagen zu zerren. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft ihm deshalb nicht nur vor, an den Krawallen beteiligt gewesen zu sein, sondern auch, versucht zu haben, einen Gefangenen zu befreien.

Es wird befürchtet, dass sich der Prozess in die Länge ziehen wird. Die Kammer muss 71 Zeugen vernehmen und zwei medizinische Sachverständige befragen. Schon jetzt sind 30 Verhandlungstage angesetzt worden.

Die gewalttätigen Ausschreitungen hatten bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und sogar die Landespolitik beschäftigt. Einige der Angeklagten sollen aus einer aufgebrachten Menge heraus Steine auf Polizisten und Rettungskräfte geworfen und Pfefferspray versprüht haben. Unter den 30 Opfern sind 24 Polizeibeamte, die durch Schläge, Tritte, Gas und Steinwürfe unterschiedlich schwer verletzt wurden. Ein Oberkommissar ging vor dem Krankenhaus zu Boden, nachdem er vermutlich von einem Pflasterstein im Gesicht getroffen worden war. Diagnose: offener Nasenbeinbruch. Ein anderer Beamter zog sich eine schmerzhafte Verletzung am Spunggelenk zu, war zehn Tage dienstunfähig.

Die Polizisten sollen als „Hitlersöhne“, „scheiß Nazi-Schweine“ und „Hurensöhne“ beschimpft worden sein. Einer Kommissarin soll angedroht worden sein: „Ich töte dich“. Ein Justizhelfer spürte die Hände eines Angreifers an seinem Hals. Er will die Worte: „Ich bringe dich um“ gehört haben. Sätze wie „Hameln, die Richterin, das Krankenhaus und die Polizei werden brennen“ sollen gefallen sein. Ein leitender Kriminalbeamter bezeichnete die Menschenmenge seinerzeit als „Mob“. Durch Steinwürfe gingen viele Glasscheiben zu Bruch, die Klinik musste vorübergehend abgemeldet werden.

Die Polizei schützte wochenlang Gebäude und Personen, stürmte zehn Tage nach den Tumulten sechs Wohnungen. Der Leiter der Inspektion Hameln, Kriminaldirektor Ralf Leopold, sprach seinerzeit von „einer Stadt im Ausnahmezustand“.

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