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... und gibt Täter erneut eine Chance

Gericht verurteilt vorbestraften Brandstifter und Randalierer

BAD PYRMONT/HAMELN. Am 9. August 2017 drohte Horst S. in Bad Pyrmont-Holzhausen damit, wahllos Menschen zu erschießen. Wenig später legte er Feuer in einem Mehrfamilienhaus. Im selben Monat randalierte er im Penny-Markt an der Klütstraße. Das Gericht hat heute ein überraschend mildes Urteil gesprochen: zwei Jahre Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt – ebenfalls ausgesetzt zur Bewährung verurteil.

veröffentlicht am 13.08.2018 um 17:51 Uhr

31. August 2017: Knapp drei Wochen nachdem er in Bad Pyrmont Feuer in einem Haus gelegt und einen SEK-Einsatz ausgelöst hat, randaliert Horst S. in Hameln. Polizisten nehmen ihn im Penny-Markt an der Klütstraße fest. Ein Notarztteam kümmert sich um i
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Horst S. sitzt artig wie ein folgsamer Schuljunge auf der Anklagebank. Er wirkt ruhig und gefasst, tritt betont höflich auf. Mit wachen Augen verfolgt er den Prozess. Es geht um schwere Brandstiftung, Sachbeschädigung, Widerstand gegen Vollzugsbeamte und versuchte gefährliche Körperverletzung. Bei seiner Ex-Freundin, seinem Vermieter, einer Polizistin und bei den Augenzeugen, denen „ich Angst eingejagt habe“, entschuldigt er sich, „für das, was passiert ist“. Es tue ihm aufrichtig leid, sagt er. Eine Frau musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um das Geschehene verarbeiten zu können. Noch heute ist sie traumatisiert. Unter Tränen sagt sie im Gerichtssaal: „Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben.“

Die Straftaten, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, räumt Horst S. ohne Wenn und Aber ein – auch, wenn er sich eigenen Angaben zufolge nur lückenhaft daran erinnern kann. Der Angeklagte macht den Eindruck, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun, doch: Wenn Horst S. viel Alkohol trinkt, ist er ein völlig anderer Mensch. Dann tickt er aus, dann scheint er unberechenbar zu sein. Vor einem Jahr ist der heute 31-Jährige gleich zweimal durchgedreht – in seiner Wohnung in Bad Pyrmont-Holzhausen und in einem Supermarkt in Hameln. Horst S. beteuert, dass er schon seit Monaten abstinent lebe und ein besserer Mensch werden wolle.

Er habe eine Partnerin und eine Wohnung. Am Ende lässt das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Ulrich Schöpe Milde walten. Dass Horst S. noch einmal eine Chance bekommt, sich zu bewähren, hat er vor allem dem psychiatrischen Gutachter Andreas Tänzer, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie in Wunstorf, zu verdanken. Der Experte geht davon aus, dass der Angeklagte erheblich vermindert steuerungsfähig war, als er „Hilfsappelle an andere richtete“. Er spricht von „suizidalen Inszenierungen“, hält die Wiederholungsgefahr „für durchaus gegeben“ und schätzt „das Rückfallrisiko als groß“ ein. Das Zerbrechen von Beziehungen, so der Psychiater, löse bei Horst S. „massive Krisen aus“. Dennoch könne eine Einweisung in den Maßregelvollzug bei Horst S. kontraproduktiv sein, weil er dann das Gefühl habe, alles gerade mühsam Erreichte zu verlieren.

Am 9. August drohte der Mann, der neun Einträge im Bundeszentralregister hat, in Bad Pyrmont-Holzhausen damit, Menschen zu erschießen. Ab und zu hielt er sich ein Messer an den Hals. Er soll den Wunsch geäußert haben, dass ihn Polizisten erschießen. Seinerzeit kündigte Horst S. auch an, er werde Molotow-Cocktails bauen. Und er drohte: „Ich knalle jeden ab, der reinkommt.“ Wenig später legte Horst S. Feuer in einem Mehrfamilienhaus „An der Scharfen Ecke“. Geschätzter Schaden: 35000 bis 50000 Euro. Im selben Monat, am 31. August, randalierte er im Penny-Markt an der Klütstraße. Im Laden richtete er Zerstörungen an. Schaden: mehr als 4000 Euro. Er bewarf Polizisten mit Flaschen. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft „erkannte er dabei die Möglichkeit, die Beamten durch Glassplitter verletzen zu können“.

Der Mann sei äußert aggressiv gewesen. „In diesem Moment habe ich ihm alles zugetraut“, erinnert sich eine Oberkommissarin, die als Zeugin vor Gericht aussagt. Sie habe Glassplitter und Blut gesehen, sagt sie. Horst S. kann sich an nichts erinnern. „Ich bin in der Geschlossenen aufgewacht, konnte kaum glauben, was geschehen ist.“ Möglicherweise war Horst S. vor einem Jahr lebensmüde. Ein Augenzeuge berichtet, der Angeklagte habe im Penny-Markt mehrmals Polizisten zugerufen: „Schießt mich ab! Bringt mich um!“ Schon an dem Tag, als er das Feuer in Bad Pyrmont legte, soll er Einsatzkräfte aufgefordert haben, ihn zu töten. Wie ernst er das gemeint hat, ist unklar.

Wenn Horst S. gefragt wird, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er berichtet von seinem verkorksten Leben. Der Vater sei Alkoholiker und gewalttätig gewesen, die Familie vor ihm geflüchtet. Anstatt in die Schule zu gehen, habe er getrunken. Der Angeklagte rutscht mehrmals in die Drogenszene ab, wird kriminell, verurteilt, kommt aber nur schwer vom Rauschgift los. Als die Mutter auf der Intensivstation behandelt wird und wenig später stirbt, sitzt er gerade im Gefängnis. Mit Fußfesseln darf er sie im Krankenhaus besuchen und steht auch so an ihrem Grab. Daran erinnert er sich noch sehr genau. Horst S. spricht über „massive Abstürze und Selbstmordgedanken“.

Staatsanwältin Reinhild Hering erklärt, die vom Psychiater festgestellte „erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit“ während der Taten wirke sich strafmildernd aus. Sie redet Horst S. ins Gewissen. Der Angeklagte habe Botschaften abgesetzt – aus eigennützigen Motiven. „Das war ziemlich krass. Sie können von Glück sagen, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind. Das war eine extrem gefährliche Geschichte, die Sie da veranstaltet haben.“ Dennoch plädierte die Staatsanwältin für eine Bewährungsstrafe und eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt – allerdings ebenfalls ausgesetzt zur Bewährung. Verteidiger Roman von Alvensleben schließt sich dem Antrag an. „Die Staatsanwaltschaft hat Ihnen ein Angebot gemacht“, sagte der Anwalt und riet seinem Mandanten: „Versuchen Sie endlich, Ihr Leben in den Griff zu bekommen.“

Richter Schöpe verkündet nach mehr als dreistündiger Verhandlung das Urteil – es fällt aus, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert und von der Verteidigung gewünscht. Zwei Jahre Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Unterbringung in einer Entziehungsanstalt – ebenfalls ausgesetzt zur Bewährung. Stattdessen: Monatliche Urinkontrolle zum Nachweis, dass Horst S. auch wirklich keinen Alkohol trinkt. Und eine Überstellung in eine forensische Institutsambulanz, deren Experten ein Jahr lang ein Auge auf ihn haben – unter anderem während einer achtwöchigen stationären Entwöhnung. Schöpe nennt es „brandgefährlich“, was Horst S. gemacht hat. Er ermahnt den Verurteilten: „Wenn Sie Ihr Leben nicht vollständig ändern, ist Ihnen nicht mehr zu helfen.“



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