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Neue Wendung in Ermittlungen zu getötetem Fadi S. aus Stadthagen

Familie von Mord-Opfer wurde erpresst

STADTHAGEN. Der Fall des getöteten Fadi S. aus Stadthagen wird immer undurchsichtiger. Während die Polizei nach dem 71 Jahre alten Nachbarn des tatverdächtigen Mannes aus Hille sucht, kommt eine Erpressung ans Licht.

veröffentlicht am 13.03.2018 um 20:04 Uhr

Die Kripo hat am Dienstag erneut das Gehöft des 71-jährigen Vermissten untersucht. In der Scheune im Hiller Ortsteil Neuenbaum wurde die Leiche von Fadi S. gefunden. Foto: Althoff

Autor:

Verena Insinger
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Wie berichtet, war S. am Sonntag, 4. März, zu seinem Geschäftspartner nach Hille aufgebrochen und seitdem verschwunden. Die Familie startete in den sozialen Netzwerken einen Vermisstenaufruf.

Der zweifache Familienvater war mit seinem Geschäftspartner Jörg W. bei sich zu Hause im Hiller Ortsteil Neuenbaum verabredet. Beide wollten sich gemeinsam in der Baubranche selbstständig machen. Der 30-Jährige war Maurer. Doch in letzter Zeit gab es wohl Unstimmigkeiten zwischen den Männern. Es soll auch um Geld gegangen sein. Am Freitag dann wurde Fadi S. auf einem benachbarten, leer stehenden Gehöft entdeckt – tot. Als dringend tatverdächtig gilt Jörg W. Er soll S. erschlagen haben. Nach seiner Flucht quer durch Deutschland nahm ihn am Sonntag ein Spezialeinsatzkommando in Bayern fest. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Wie Freunde und Verwandte des Opfers im Internet schreiben, wurde die Familie mit libanesischen Wurzeln während der Suche nach Fadi S. erpresst. Ein Mann habe sich einen Tag nach dem Verschwinden gemeldet und vorgegeben, dass er wisse, wo S. sei. Allerdings müsse er für eine Rockerbande aus Duisburg 45 000 Euro von der Familie eintreiben. Offenbar gab es im Anschluss ein erstes Treffen zwischen dem Vater des seit Sonntag, 4. März, Vermissten. Dieses fand im Werre Park in Bad Oeynhausen statt. Ein zweiter Mann kam dabei ins Spiel.

Ein Leichenspürhund läuft das Gelände auf dem Gehöft ab. Anschlagen tut das Tier allerdings nicht. Foto: Althoff
  • Ein Leichenspürhund läuft das Gelände auf dem Gehöft ab. Anschlagen tut das Tier allerdings nicht. Foto: Althoff

Er gab an, nicht nur zu wissen, wo der 30-Jährige ist, sondern ihn sogar in seiner Gewalt zu haben. Der Vater des Vermissten habe den Erpresser aufgefordert, ein Live-Video seines Sohnes sehen zu wollen. Der Unbekannte habe das bejaht. Mit dem Hinweis: Der Vater soll sich nicht wundern, wenn der Vermisste Verletzungen im Gesicht habe, aber er hätte sich ein paar Schläge eingefangen.

Bis Montagnacht habe die Familie auf das Live-Video, den Lebensbeweis des Vermissten, gewartet. Es sei nichts gekommen. Am Dienstag habe die Familie den Druck auf die mutmaßlichen Entführer erhöht. Es folgten Anrufe auf das Handy der Unbekannten. Diese wiederum zogen sich als Reaktion zurück – mit der Begründung, dass die Familie mit den Drohanrufen gegen den Deal verstoßen hätten. Das veranlasste die Verwandten dazu, die Entführung von Fadi S. der Polizei zu melden. Wie aus Ermittlerkreisen bekannt wurde, nahmen die Beamten die Situation ernst. Sie gründeten die Ermittlereinheit. Einen Tag später stand ein junger Mann aus Bad Oeynhausen in Begleitung seines Anwalts vor der Mindener Polizei. Er gab zu Protokoll, als Trittbrettfahrer aufgetreten zu sein. Er habe das Verschwinden des Familienvaters sowie den Online-Hilferuf dazu nutzen zu wollen, Geld zu erpressen.

Aus Ermittlerkreisen ist zu erfahren, dass den Bad Oeynhausener nun ein Strafverfahren wegen versuchter Erpressung sowie Vortäuschen einer Straftat erwartet. Ob und inwieweit ein weiterer Erpresser involviert war, will die Polizei nicht sagen.

Das Ermittlungsverfahren gegen den jungen Mann, der aus dem Tod von Fadi S. Kapital schlagen wollte und ebenfalls libanesische Wurzeln hat, dürfte aber sein kleineres Problem sein. Der Bad Oeynhausener hat durch diese Tat den Hass der Familie des Opfers auf sich gezogen. Im Internet kursieren Fotos des mutmaßlichen Erpressers, die Handynummer seines Bruders wird bekannt gegeben, Aufrufe zur Selbstjustiz machen die Runde. Diese Beiträge werden quer durch Deutschland geteilt. Dem Vernehmen nach hat die Polizei aus diesem Grund ihre Präsenz vor dem Haus des Mannes erhöht. Es besteht die Gefahr der Rache.

Der erweiterte Kreis der Opferfamilie zählt eigenem Bekunden nach zu den Mardellis, auch Mhallamiye-Kurden (M-Kurden) genannt. Diese Familie hat zuletzt wegen Gewaltexzessen in Hameln bundesweit für Aufsehen gesorgt. Unter anderem musste das Sana-Klinikum gesperrt werden, nachdem es Clan-Mitglieder stürmen wollten. Ein Familienmitglied hatte sich einem Prozess entziehen wollen und war aus dem Fenster des Hamelner Gerichtes gestürzt. Schwer verletzt wurde der Mann ins Krankenhaus eingeliefert. Wenig später starb er. Bei der Sicherung des Krankenhauses wurden 14 Polizeibeamte durch Familienmitglieder verletzt.

Allerdings ist der tatverdächtige Erpresser ebenfalls ein Mitglied einer libanesischen Großfamilie. Angehörige gelten als rockernah. Allein der Bruder des mutmaßlichen Erpressers bezeichnet sich als Präsident für einen Bereich der United Tribuns. Dabei handelt es sich um eine rockerähnliche Gruppierung. Mitglieder bezeichnen sich selbst als Vereinigung von Bodybuildern, Kampfsportlern und Türstehern und sind in drei Ländern mit sogenannten „Chaptern“ (Orts- oder Landesclubs) vertreten. Weltweit hat die Organisation laut bayerischem Verfassungsschutz 1700 Mitglieder.

Offenbar geraten durch den Fall S. zwei Großfamilien sowie deren jeweilige Unterstützer aneinander. Die Polizei in Minden sah sich genötigt, aufgrund der Drohungen den Nahbereich des Bad Oeynhauseners abzusichern.

Ebenfalls unter Polizeischutz steht das Familienhaus von Jörg W. im Hiller Ortsteil Neuenbaum. Dort leben die Ehefrau sowie die Stieftochter des mutmaßlichen Mörders von Fadi S. Es wurden offenbar Drohungen bekannt, dass Rächer des Toten das Haus anzünden wollen. Jörg W. streitet die Tat weiterhin ab. Noch sitzt er in Bayern in Untersuchungshaft. Wann er nach Ostwestfalen-Lippe verlegt wird, ist unklar. Die 18-köpfige Mordkommission „Wilhelm“ beschäftigt aber noch ein weiterer Vermisstenfall: Wie berichtet, fehlt seit einem Jahr von dem 71 Jahre alten Nachbarn von W. jede Spur. Ihm gehört das Haus, in dem Fadi S. tot aufgefunden wurde. Gestern war die Kripo erneut mit Leichenspürhunden in Hille-Neuenbaum. Sie durchsuchten das Gelände des 71-Jährigen und das Grundstück des Tatverdächtigen. Allerdings ohne Ergebnis.

Information

Familie vertraut auf Justiz

Während im Internet Morddrohungen gegen Jörg W. sowie den mutmaßlichen Erpresser ausgesprochen werden, bittet der enge Familienkreis des Todesopfers um Ruhe und Frieden. Besonders gegen Selbstjustiz stellen sich die Verwandten aus Stadthagen. Sie haben einen Anwalt in Essen beauftragt und wollen vor Gericht als Nebenkläger auftreten. „Wir haben vollstes Vertrauen in die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und der Justiz und bieten unsere Zusammenarbeit in jedweder Hinsicht an“, lässt die Familie über ihren Anwalt Samir Omeirat ausrichten. „Es kann und wird nur einen Weg geben und dies ist der, dass hier ein rechtsstaatliches Verfahren in Gang gesetzt worden ist, das wir selbstverständlich mitbegleiten und unterstützen werden. Unrecht wird niemals mit Unrecht vergolten.“

Weiter teilt Omeirat mit: „Die Angehörigen bedanken sich herzlich für die entgegengebrachte Anteilnahme, das Mitgefühl und die Solidarität aus der gesamten Bevölkerung. Auch im tiefen Tal der Trauer wird wohlwollend und dankbar wahrgenommen, dass die überwältigende Mehrheit der Mitmenschen auf den verschiedensten Wegen ihr Beileid zum Ausdruck gebracht haben.“

Sobald der Leichnam des 30-Jährigen freigegeben ist, soll eine große Trauerzeremonie in Stadthagen abgehalten werden.

Wie berichtet, haben Familie und Freunde nach Bekanntwerden des Todes von Fadi S. auf dem Gelände der Moschee an der Windmühlenstraße bereits drei Tage dem Opfer gedacht. Auch ein Zelt war aufgestellt. Nach Angaben von Teilnehmern waren daran mehrere hundert Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet beteiligt. vin



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