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Parzelle eines dritten Dauercampers durchsucht

Fall Lügde: Ermittlungen gegen weiteren Verdächtigen

WESERBERGLAND. Im Missbrauchsfall Lügde gibt es einen neuen Beschuldigten, einen 57 Jahre alten Mann aus Steinheim. Bei ihm soll es sich nach Informationen unserer Zeitung um den Großvater zweier mutmaßlich betroffener Kinder handeln. Die Polizei hat die Parzelle des neuen Verdächtigen auf dem Campingplatz durchsucht.

veröffentlicht am 04.07.2019 um 13:39 Uhr
aktualisiert am 26.07.2019 um 13:08 Uhr

In den Fokus der Ermittlungskommission „Eichwald“ soll der 57-jährige Steinheimer durch die Aussage eines minderjährigen Opfers geraten sein. Das teilten Polizei Bielefeld und Staatsanwaltschaft Detmold am Donnerstag mit. Gegen ihn sei ein Verfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs eingeleitet worden. Er sei nicht festgenommen worden und befinde sich auf freiem Fuß, berichtete die Polizei weiter. Ein Haftbefehl sei nicht beantragt worden.

Am späten Donnerstagnachmittag sah man den 57-Jährigen in seinem weißen Kombi auf den Campingplatz fahren. Nach etwa 20 Minuten rollte er wieder davon.

Wenig Verständnis dafür, dass der Steinheimer nicht längst in Untersuchungshaft sitzt, hat Michaela V.. Sie zeigte den Camper im Sommer 2018 an. Da hatte sie erfahren, dass er ihre damals 15-jährige Tochter bei einer privaten Feier an Ostern zunächst betrunken gemacht und dann auf der Parzelle von Mario S. (34) vergewaltigt haben soll. „Meine Tochter musste viermal bei der Polizei in Detmold aussagen“, sagt sie. „Dann haben sie das Verfahren eingestellt.“ Das habe sie erst auf Nachfrage erfahren. Der 57-Jährige bestritt die Vorwürfe. Offenbar sah die Kripo seinerzeit nicht genügend Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen gegen ihn.

Im aktuellen Fall scheint das anders auszusehen: Dem Hinweis des laut Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch erstmals befragten minderjährigen Opfers gingen die Beamten unmittelbar nach. Und die zwischenzeitlich eingekehrte Ruhe auf dem Campingplatz „Eichwald“ in Elbrinxen war erneut dahin: Ermittler durchsuchten die Parzelle des Steinheimers auf dem Campingplatz. Am Donnerstag setzten sie ihre Durchsuchungen fort – im Beisein einiger Medienvertreter. Die durften das Gelände zwar nicht betreten, hielten sich jedoch in Reichweite der Parzelle auf. Fernsehteams filmten das Geschehen, das sich am nordwestlichen Rand des Platzes abspielte, nur etwa 50 Meter entfernt von der ehemaligen Parzelle des zweiten Angeklagten Mario S.. Der seit Mitte Januar in Untersuchungshaft sitzende 34-Jährige und der nun als neuer Verdächtiger in den Fokus geratene Mann sollen Freunde gewesen sein. Beide lebten im selben Mehrfamilienhaus in Steinheim. Die Familien teilen sich dort sogar denselben Briefkasten. Und die beiden Männer lebten lange Zeit auch auf dem Elbrinxer Platz nahe beieinander. Noch bevor der Ältere 2015 seine eigene Parzelle fertig hergerichtet hatte, soll er fünf Jahre lang bei dem Jüngeren untergekommen sein. „Mario hat bei der Tat an meiner Tochter zugesehen“, sagt Michaela V..

Mit weißen Schutzanzügen bekleidete Kriminaltechniker trugen noch am Donnerstag Gegenstände aus dem kleinen Bungalow, der auf der Parzelle steht – und trugen auch wieder etwas hinein. Um was es sich dabei handelte, wurde zunächst nicht bekannt.

Zivile Beamte der Kriminalpolizei sicherten zudem die Zufahrt zum Campingplatz, dessen Betreiber den Medienvertretern Hausverbot erteilt hatte. Mitten in der Hochsaison, in der Kinder auf dem Campingplatz spielen und Gäste vor ihren Wohnwagen frühstücken, solle der Alltag so normal wie möglich weitergehen, hieß es.

NRW-Innenminister Reul (CDU) sagte, dass auch die Wohnung des Verdächtigen in Steinheim durchsucht wurde. Zudem wies er darauf hin, dass der 57-Jährige im Verlauf der Ermittlungen wie andere Parzellenbesitzer auf dem Campingplatz auch schon einmal befragt worden sei. Damals hätten sich keine Hinweise ergeben, die eine Durchsuchung seiner Parzelle notwendig gemacht hätten.

Der Strafprozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz ging unterdessen am Donnerstag vor dem Landgericht Detmold weiter. Am dritten Verhandlungstag wurden vier weitere Opfer und deren Angehörige sowie die Akutpflegemutter angehört, die sich in den ersten Wochen nach der Inobhutnahme von Andreas V.s Pflegetochter um die Achtjährige gekümmert hatte.

Der neue Beschuldigte im Missbrauchsfall von Lügde soll gut mit Mario S. - einem der beiden Hauptangeklagten - befreundet gewesen sein. Nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung teilten sich die beiden Männer von 2010 bis 2015 fünf Jahre lang dieselbe Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen. Auch sollen beide bis heute unter der gleichen Adresse in Steinheim bei Höxter gemeldet sein. Auch dort wurde am Mittwoch nach Recherchen von NDR, WDR und SZ von Ermittlern die Wohnung durchsucht.

Dem bereits angeklagten Mario S. wird sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in 162 Fällen vorgeworfen. Einen Großteil dieser Taten hat er bereits gestanden. Mehrere der Betroffenen, die Mario S. beschuldigen, gaben an, über den Kontakt zu dem jetzt beschuldigten 57-Jährigen aus Steinheim auf den Campingplatz gekommen zu sein.

Gegen den nun neu Beschuldigten hatte es bereits im Sommer 2018 eine Anzeige gegeben. Eine damals 15-Jährige hatte ihn beschuldigt, sie nach einer Feier auf dem Campingplatz vergewaltigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte allerdings aus Mangel an Beweisen die Ermittlungen eingestellt. Es stand Aussage gegen Aussage.

Nun wurde aufgrund der Aussage eines minderjährigen Opfers ein Verfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs gegen den 57-Jährigen eingeleitet. Der neue Beschuldigte ist aber weiterhin auf freiem Fuß, das bestätigte die Polizei Bielefeld.

Der Beschuldigte wollte sich auf Anfrage von NDR, WDR und SZ nicht äußern.

red



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