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Organisierte Gruppierungen bereiten Polizei Kopfzerbrechen

Er kann’s nicht lassen – Dieb erneut erwischt

HAMELN. Innerhalb von nur zwei Tagen ist ein mutmaßliches Mitglied einer Diebesbande aus Südosteuropa zum zweiten Mal auf frischer Tat ertappt worden – wieder nach einer Verfolgungsjagd. Diesmal in Hameln.

veröffentlicht am 13.04.2018 um 12:52 Uhr

Jährlich entsteht Milliardenschaden durch Ladendiebstähle. Foto: pixabay
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Wie bereits berichtet, soll ein kriminelles Trio am Dienstag in einem Salzhemmendorfer Verbrauchermarkt zahlreiche Messer gestohlen haben. Markt-Mitarbeiter und Polizeibeamte hatten die Verdächtigen (23, 29, 50) verfolgt und geschnappt. Nur der Älteste wurde in ein Gefängnis gebracht – weil gegen ihn bereits ein Haftbefehl wegen schweren Diebstahls vorlag. Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte die Komplizen wieder auf freien Fuß gesetzt, obwohl sie bereits durch Diebstahlsdelikte in Erscheinung getreten waren.

Am Donnerstag gegen 9.30 Uhr schlug der 23-Jährige in einem Einkaufsmarkt am Hastenbecker Weg in Hameln erneut zu – er löste beim Verlassen des Gebäudes die Alarmanlage aus. Was der Dieb nicht ahnte: Ein Polizeibeamter befand sich zufällig in dem Markt. Der Fahnder nahm sofort die Verfolgung auf. Unterwegs ließ der Täter seine Beute fallen. „Die Zahnpasta-Packungen im Wert von fast 60 Euro wurden dabei beschädigt und unbrauchbar“, berichtet Hauptkommissar Jens Petersen. Der Gesuchte versteckte sich in einem Gebüsch. Der Oberkommissar entdeckte ihn jedoch und forderte ihn mehrmals auf, sein Versteck zu verlassen.

Schließlich gab der Tatverdächtige auf und stellte sich. Er wurde vorläufig festgenommen und an die zwischenzeitlich angeforderten Unterstützungskräfte der Inspektion übergeben. In der Dienststelle wurde der mutmaßliche Wiederholungstäter erkennungsdienstlich behandelt (Fingerabdrücke, Fotos für den Polizeicomputer) und im Beisein eines Dolmetschers vernommen. Da der rumänische Staatsbürger keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat, wurde bei der Staatsanwaltschaft Haftantrag gestellt und ein beschleunigtes Strafverfahren angeregt. „Eine Entscheidung steht zum jetzigen Zeitpunkt noch aus“, teilte Petersen am Freitag mit.

Durch Ladendiebstähle entsteht dem Handel jährlich ein Schaden in Milliardenhöhe. Eine Studie des Kölner EHI Handelsforschungsinstitut kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2016 Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter Waren im Wert von 3,4 Milliarden Euro mitgehen lassen haben. Nur zwei Prozent der Fälle würden erkannt und angezeigt, heißt es. Wenn das stimmt, entsteht dem Handel jeden Tag umgerechnet ein Schaden von 7,3 Millionen Euro.

Insbesondere gut organisierte Gruppierungen aus Georgien bereiten der Polizei bundesweit Kopfzerbrechen – die Banden werden der organisierten Kriminalität (OK) zugerechnet. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden haben Mitglieder georgische Banden im Jahr 2015 Waren im Wert von 498 Millionen Euro aus Verbrauchermärkten gestohlen. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa der Gesamtschadenssumme, die im selben Zeitraum bei allen in Deutschland begangenen Wohnungseinbrüchen, die den Versicherungen gemeldet wurden, entstanden ist.

Zahlen, die während des Projekts „JASON“ beim Bundeskriminalamt ermittelt wurden. Man sei seinerzeit dem Verdacht nachgegangen, dass georgische Gruppierungen das deutsche Asylsystem ausnutzen, um in Deutschland Straftaten zu begehen, erklärt Marianne Falasch vom BKA im Gespräch mit der Dewezet. Die Auswertung der Fälle hat ergeben, dass „entgegen der Vorgehensweise anderer Tätergruppen, zum Beispiel aus Serbien und Rumänien, georgischen Banden zumeist nicht als erkennbare Gruppe, sondern als Einzelpersonen auftreten und bei der Tatausführung arbeitsteilig und äußerst konspirativ vorgehen“, heißt es in einem Papier des Bundeskriminalamts.

Die Beute wird per Post verschickt oder in Container gestopft. Einige Behälter werden laut BKA in Gebrauchtfahrzeugen verbaut. Aber auch regional und überregional würden die gestohlen Sachen verhökert – auf Flohmärkten, über Hehler und das Internet. Bevorzugte Tatorte sind Drogerien, Lebensmittel-Discounter und Elektronikmärkte. „Im Fokus der aus Georgien stammenden Täter stehen meist Zigaretten, Hygieneartikel, Kosmetika sowie Bekleidung, Schuhe und Elektronikartikel“, heißt es in dem BKA-Papier.

Weibliches Verkaufspersonal werde von vielen Tätern als vermeintlich schwächer eingeschätzt und stelle für diese ein geringeres Risiko dar, festgehalten zu werden. Kommt hinzu: Das Entdeckungsrisiko ist gering, da die meisten Ladendiebe nicht erwischt werden. Und sollte mal jemand auf frischer Tat ertappt werden, sind die in Deutschland zu erwartenden Strafen gering, da der Fall juristisch gesehen häufig als Kavaliersdelikt abgetan wird. Häufig werden die Verfahren sogar eingestellt.

Mein Standpunkt
Ulrich Behmann
Von Ulrich Behmann

Ladendiebstähle nur noch mit Bußgeldverfahren ahnden und auf die bislang üblichen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen verzichten – Politiker, die so etwas fordern, setzen das falsche Signal. Das wäre kein notwendiger Schritt zur Entlastung von Polizei und Justiz, sondern eine Kapitulation vor der Massenkriminalität. Die Politik muss Strafverfolgungsbehörden stattdessen personell und materiell besser ausstatten, falls nötig Gesetze verschärfen und insbesondere bei Diebesbanden, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, hart durchgreifen. Die Justiz hat das Instrument des beschleunigten Verfahrens – sie sollte davon Gebrauch machen – so oft es geht.



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