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Zweiter Prozess um Tod eines Hamelners / Staatsanwalt spricht von Mord und Heimtücke

"Entweder er oder ich"

Hameln/Hildesheim. Der gebürtige Hamelner Oliver T. (30) hat Angst. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren sitzt der derzeit inhaftierte Drogenhändler neben seinem Verteidiger Clemens Anger im Saal 134 des Landgerichts Hildesheim auf der Anklagebank. Zum zweiten Mal droht ihm lebenslänglich. 

veröffentlicht am 04.04.2016 um 14:19 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

Oliver T
Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Der Bundesgerichtshof hat seinen Freispruch kassiert. Und die Staatsanwaltschaft Hildesheim bleibt dabei - sie wertet den gewaltsamen Tod des Hamelners Mahmud Khoder (25) als Mord. Staatsanwalt Lars Bölter spricht zu Beginn der Hauptverhandlung von Heimtücke. Das ist ein Mordmerkmal. Der Angeklagte habe das Opfer nach einem geplatzten Drogendeal "abstrafen" wollen, meint der Ankläger. Der passionierte Kampfsportler Oliver T. soll Mahmud Khoder im Spätherbst 2013 ein langes Messer "wuchtig von unten nach oben in den Rücken gerammt" haben, um ihn zu töten. Die 15 Zentimeter lange Klinge verletzte das Herz, die Lunge, die Hauptschlagader und die Wirbelsäule des jungen Mannes. Nach Darstellung von Bölter hat Oliver T. den Sterbenden danach noch gewürgt. Oliver T. wirkt angespannt. Er vermeidet es, dem Vater des Toten, der als Nebenkläger im Saal sitzt, in die Augen zu schauen. 

Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen hat am Montagvormittag vor dem Landgericht Hildesheim der zweite Prozess gegen den mehrfach vorbestraften Vater eines achtjährigen Sohnes begonnen. Der Flur vor dem Schwurgerichtssaal ist abgesperrt. Wie im Flughafen müssen Besucher durch einen Metalldetektor gehen. Die Beamten suchen nach Waffen und nach anderen gefährlichen Gegenständen. Weit mehr als zwei Dutzend Justiz- und Polizeibeamte, zum Teil bewaffnet und mit kugelsicheren Westen, sind im Einsatz. Tumultartige Szenen soll es nicht noch einmal geben. Angehörige des Getöteten hatten während der ersten Urteilsverkündung am 10. Juni 2014 wütend und lautstark gegen den Freispruch protestiert. Allein im Saal passen 14 Justizwachtmeister und Polizeibeamte auf, dass nichts Unvorhergesehenes passiert. Die Hälfte der Frauen und Männer scheint die Aufgabe zu haben, den Angeklagten zu schützen.

Im Herbst 2013 hatte der heute 30 Jahre alte Oliver T. die Mord-Ermittler zur Leiche des Hamelners geführt. Der in drei Müllsäcke verpackte und in reichlich Folie eingerollte Tote lag auf der Ottensteiner Hochebene am Rande eines Wäldchens; das Opfer war unter einem großen Haufen Grünschnitt versteckt worden. "Dort lag etwas Mumienartiges", beschreibt der damalige Hauptsachbearbeiter der Mordkommission die Auffindesituation. Zwei weitere Ermittler berichten, Oliver T. habe kurz nach seiner Festnahme im Gewahrsamstrakt mit seiner damaligen Freundin gesprochen und ihr gesagt: "Ich hatte keine Wahl. Entweder er oder ich."

Noch liegt vieles im Dunklen. Fest steht bislang nur: Mahmud Khoder ist am frühen Abend des 10. November 2013 getötet worden. Staatsanwalt Bölter glaubt, die Uhrzeit eingrenzen zu können. Er kennt auch den Tatort. "Es ist zwischen 18.11 Uhr und 18.13 Uhr geschehen. In Hehlen, in der Wohnung des Angeklagten", berichtet Staatsanwalt Bölter. Bekannt ist auch: Oliver T. hielt die Tatwaffe in seiner linken Hand, als sie tief in den Körper des damals 25-jährigen Deutschen mit libanesischen Wurzeln eindrang. Unklar ist, ob es Mord oder Notwehr war.

Oliver T. wurde im Juni 2014 überraschend vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Richter waren zu dem Schluss gekommen, dass die Notwehr-Version des Angeklagten nicht zu widerlegen ist. Nebenklage-Vertreter Roman von Alvensleben, der Ibrahim Khoder, den Vater des Getöteten, vertritt, hatte seinerzeit in letzter Minute ein weiteres kriminaltechnisches Gutachten beantragt. Der Rechtsanwalt wollte wissenschaftlich geklärt wissen, ob Oliver T. die Wahrheit gesagt hat. Im Kern ging es um die Frage: Kann sich die Tat so, wie sie von dem Angeklagten geschildert wurde, überhaupt ereignet haben? Das Schwurgericht war darauf nicht eingegangen. Das war ein Fehler. Die vom Nebenkläger eingelegte Revision hatte Erfolg. 

Nun sollen die Vorsitzende Richterin Karin Brönstrup, zwei weitere Berufsrichter und zwei Schöffen bis zum 13. April die Wahrheit herausfinden. Drei medizinische Sachverständige, darunter der renommierte Tathergangsrekonstrukteur Prof. Dr. Oliver Peschel aus München, werden von der Strafkammer angehört und zahlreiche Zeugen vernommen. Peschels Gutachten wird mit Spannung erwartet. Hält er die Schilderung des Angeklagten für glaubhaft oder für wenig plausibel? Das ist die Frage. Am Mittwoch hat der Gerichtsmediziner das Wort.

Oliver T., Kinnbart, rasierter Schädel, Brille, weißes Hemd, schwarzer Binder, hat seit seinem 14. Lebensjahr Drogen konsumiert. Bevorzugt Marihuana, wenn das Geld reichte, auch Kokain. Er hat einen Realschulabschluss gemacht und Tischler gelernt. Er beantwortet freundlich Fragen zu seiner Person. Nur, wenn es um die Tat geht, hüllt er sich in Schweigen - dann lässt er lieber seinen Verteidiger reden und vorbereitete Erklärungen verlesen. Wie beim ersten Prozess. "Ich weise den Anklagevorwurf zurück. Ich habe Mahmud Khoder weder heimtückisch noch aus Habgier, sondern in Notwehr getötet", lässt er Rechtsanwalt Clemens Anger sagen. Mahmud Khoder habe ihn bei einem Drogengeschäft "abziehen" wollen. "Ich wollte mich aber nicht ausrauben lassen, habe mich zur Wehr gesetzt." Er habe Mahmud Khoder aber nicht töten wollen.



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