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Überraschende Wende im Prozess um Gewalt-Exzesse von Hameln

Einem Angeklagten droht nun doch Gefängnis

HAMELN/HANNOVER. Der von Polizisten und Justizbeamten besonders geschützte Prozess um die schweren Krawalle in Hameln ist am Dienstag fortgesetzt worden. Der mögliche „Deal“ auf der Grundlage eines Verständigungsgespräches vom 5. April sah vor, dass die Angeklagten im Falle eines „voll umfänglichen Geständnisses“ mit Bewährungsstrafen davonkommen (wir berichteten). Ein Angeklagter dürfte seit Anfang dieser Woche weniger glücklich sein: Ibrahim S. (27), Bruder des Toten, könnte nämlich am Ende doch noch eingesperrt werden.

veröffentlicht am 25.04.2017 um 17:05 Uhr
aktualisiert am 25.04.2017 um 18:44 Uhr

Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Der von Polizisten und Justizbeamten besonders geschützte Prozess um die schweren Krawalle in Hameln ist am Dienstag fortgesetzt worden. Mehr als zwei Jahre nach den Gewalt-Exzessen mit 30 teils erheblich Verletzten, die sich vor dem Amtsgericht und vor dem Sana-Klinikum abgespielt haben, müssen sich Angehörige einer libanesischen Großfamilie für diverse, teils erhebliche Straftaten, verantworten. Es geht um versuchte Anstiftung zu einer erheblichen Gewalttat, schweren Landfriedensbruch, mehrere gefährliche Körperverletzungen, Morddrohungen und Beleidigungen.

Nachdem der Vorsitzende Richter Stefan Joseph am Montag verkündet hatte, dass es bei allen Prozessbeteiligten offenbar eine grundsätzliche Bereitschaft zu einer „Verständigung“ gibt und kurz darauf ein weiteres Gespräch hinter verschlossenen Türen stattgefunden hatte, wurden die Reaktionen der Verteidiger mit Spannung erwartet. Der mögliche „Deal“ sah vor, dass die Angeklagten im Falle eines „voll umfänglichen Geständnisses“ mit Bewährungsstrafen davonkommen (wir berichteten). Sowohl die Mutter des am 14. Januar 2015 bei einem Fenstersturz am Amtsgericht tödlich verletzten mutmaßlichen Räubers Mohamed S. (26), als auch die die übrigen Familienmitglieder haben sich inzwischen bereit erklärt, die Vorwürfe einzuräumen.

Ein Angeklagter dürfte weniger glücklich sein: Ibrahim S. (27), Bruder des Toten, könnte nämlich am Ende doch noch eingesperrt werden. Zuletzt war der Hamelner wegen Einbruchs zu einer Bewährungsstrafe (ein Jahr und sieben Monate) verurteilt worden. Dagegen hatte er Rechtsmittel eingelegt. Anfang April nahm Ibrahim S. die Revision beim Bundesgerichtshof überraschend zurück. Die Staatsanwaltschaft muss ihre Zustimmung zu einer erneuten Bewährungsstrafe in den vergangenen drei Wochen neu überdacht haben. Am Montagnachmittag rückte die Ermittlungsbehörde während eines nicht öffentlichen Rechtsgesprächs davon ab, dachte laut über ein Jahr und zehn Monate bis zwei Jahre nach, allerdings ohne Bewährung.

Am Dienstag folgte dann eine weitere Neubewertung der Situation – auf Wunsch der Staatsanwaltschaft. Der Vorsitzende Richter Stefan Joseph hält nun für den 27-Jährigen einen Strafrahmen, der zwischen einem Jahr und elf Monaten und zwei Jahren und sechs Monaten liegt, für schuld- und tatangemessen – unter Einbeziehung der bereits ergangenen Verurteilung wegen Einbruchs. Werden am Ende mehr als zwei Jahre verhängt, bedeutet das Gefängnis, denn: In Deutschland können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Ibrahim S. ist schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Der 27-Jährige soll schon wegen gemeinschaftlichen Raubes, sexueller Nötigung in Tateinheit mit Körperverletzung und teils schweren Diebstählen in Erscheinung getreten sein.


Die Staatsanwaltschaft wirft Ibrahim S. nicht nur eine versuchte Gefangenenbefreiung (er konnte von Polizisten gerade noch daran gehindert werden, seinen am 13. Januar 2015 vorläufig festgenommenen Bruder Mohamed S. aus einem Streifenwagen zu zerren), sondern auch gefährliche Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung vor. Ibrahim S.s Verteidiger Dr. Andreas Hüttl sagte im Gespräch mit der Dewezet, sein Mandant werde die Vorwürfe einräumen. „Er will endlich einen Schlussstrich ziehen, steht zu dem, was er getan hat.“

Die Angeklagte Khadra S., Mutter des Verunglückten, war zur Tatzeit möglicherweise vermindert schuldfähig und ist durch den Tod ihres Sohnes psychisch dermaßen angeschlagen, dass sie dem Prozess täglich nur maximal drei Stunden folgen kann. Sie könnte im Falle eines Geständnisses mit sechs bis zwölf Monaten auf Bewährung davonkommen. Die Frau soll seinerzeit das Gerücht, Polizisten hätten ihren Sohn aus dem Fenster geworfen, gestreut und die Stimmung aufgeheizt haben. Polizisten erinnern sich an Drohungen wie: „Hameln, die Richterin, das Krankenhaus und die Polizei sollen brennen“ und „Ich töte dich“. Die Angeklagte wird ferner beschuldigt, ihren Sohn Ibrahim aufgefordert zu haben, einen Kriminalbeamten anzugreifen. Mehrfach soll sie gerufen haben: „Er muss sterben!“ Ihr Verteidiger Roman von Alvensleben ist froh, dass es zu einer Einigung gekommen ist. „Für meine Mandantin wäre es schwer gewesen, ein langes Verfahren durchzustehen.“

Der in Hameln geborene Omar S. (28), bislang ein unbescholtener Bürger, wird wohl sechs bis acht Monate auf Bewährung bekommen; Bashir S. (30), Schwager des Toten, ist dagegen wegen diverser Straftaten (Erpressung, schwerer Diebstahl, gemeinschaftlicher Raub, Einbruchdiebstahl, gefährliche Körperverletzung, Verstoß gegen das Waffengesetz, Besitz von Drogen etc.) in Erscheinung getreten. Gesteht er, wird sein Strafmaß zwischen zehn und zwölf Monaten liegen – ausgesetzt zur Bewährung.
Auch Tarek F. (27) stand schon mehrfach vor Gericht. Er könnte mit acht bis zehn Monaten auf Bewährung bestraft werden. Abdel-Kader S. (46), bislang ein unbeschriebenes Blatt, würde möglicherweise sechs bis acht Monate auf Bewährung bekommen.

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