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Horst R. verzweifelt gesucht

„Die Ungewissheit quält uns“

Hameln. Horst R. verließ am Vormittag des 23. Oktober seine Wohnung. Er kehrte nicht zurück. Jetzt sucht sein Sohn Sven R. mit Familienangehörigen verzweifelt nach dem 76-Jährigen.

veröffentlicht am 03.11.2016 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 27.11.2017 um 14:47 Uhr

Ulrich Behmann

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Chefreporter zur Autorenseite

Sonntag, 23. Oktober. Der Hamelner Rentner Horst R. (76) bereitet in seiner Wohnung das Frühstück für sich und seine Frau Helga (75) vor. Er deckt den Tisch, sie räumt ihn ab. Eine Arbeitsteilung, die die beiden seit vielen Jahren pflegen. Am Samstagabend ist es spät geworden. Die R.s hatten sich mit guten Freunden zum gemütlichen Raclette-Essen getroffen. Es wurde viel geredet und gelacht.

Gegen 8.30 Uhr geht der ehemalige Landesdirektor einer großen Versicherung an diesem Sonntagmorgen ins Bad – er duscht, wäscht sich die Haare, zieht sich an. Am Nachmittag will das Ehepaar Sohn und Schwiegertochter besuchen – beide hatten am Vortag Geburtstag. Als der 76-Jährige kurze Zeit später das Badezimmer verlässt, geht seine Ehefrau hinein. Es ist das letzte Mal, dass Helga R. ihren Mann, mit dem sie seit mehr als 52 Jahren glücklich verheiratet ist, sieht. Horst R. muss zwischen 9.25 Uhr und 9.50 Uhr die Wohnung verlassen haben. Seitdem ist er spurlos verschwunden, seitdem ist im Hause R. nichts mehr, wie es war. Der Senior ist ein bekennender Humanist, ein Familienmensch und ein begeisterter Wanderer. Am liebsten hält er sich in der Natur auf. Dort fühlt er sich wohl. Er hat die Wandergruppe „Rüstige Rentner“ gegründet, ist so oft es geht, zu Fuß unterwegs. Sein Enkelsohn (15) teilt die Leidenschaft seines Opas. Am 11. Oktober sind die beiden zum Hohenstein und Süntelturm gewandert. 24 Kilometer per pedes. Für den Rentner kein Problem. Er ist kerngesund und topfit. Bereits einen Tag später hat er gemeinsam mit seinen Wanderfreunden 17 Kilometer im Wesertal zurückgelegt.

Die Familie hat die Lieblingsorte des Seniors abgeklappert, die Polizei Waldwege abgefahren, Personenspürhunde und einen Hubschrauber eingesetzt – alle Versuche, den Hamelner zu finden, sind ohne Erfolg verlaufen. „Gemeinsam mit meinem Sohn habe ich in Steinbrüchen, Höhlen, Hütten und verlassenen Häuser nach meinem Vater gesucht“, sagt Sven R. (49). Die Polizeihunde haben die Spur des Vermissten am Saint-Maur-Platz verloren. Niemand weiß zurzeit, was geschehen ist. Der Mann ist wie vom Erdboden verschluckt. „Es gab keinen Streit, wir hatten Pläne für die Zukunft geschmiedet und noch so viel vor“, erzählt Helga R. mit Tränen in den Augen. „Ich würde alles dafür geben, wenn ich Horst in die Arme schließen, ihn drücken und küssen könnte“, sagt sie. „Ich liebe ihn doch so sehr.“

Horst R. verließ am Vormittag des 23. Oktober seine Wohnung. Er kehrte nicht zurück. Sein Sohn Sven R. hat gemeinsam mit Familienangehörigen Plakate aufgehängt. Foto ube/pr

Die Ungewissheit quält die Familie. Ehefrau, die Sohn, die beiden Töchter und die vier Enkelkinder sind verzweifelt. In den vergangenen Tagen sind viele Tränen geflossen. „Wir hoffen, dass sich doch noch jemand meldet, der Horst gesehen hat“, sagt Helga R. „Wir wollen wissen, was passiert ist.“ Es sei ein Gefühl der Ohnmacht, das von der Familie Besitz ergriffen hat. Was, wenn der Rentner gestürzt ist und hilflos im Wald liegt? Was, wenn er – aus welchen Gründen auch immer – Abstand brauchte und nun irgendwo sitzt und wartet? Die Frage nach dem Warum – sie bleibt unbeantwortet. Sven R. hat Plakate gedruckt, auf denen sein Vater abgebildet ist. Familienmitglieder haben sie in der Innenstadt, im Klütviertel und auf Wanderparkplätzen aufgehängt. Die älteste Tochter hat zudem Jäger, Forstwirte und Weserschiffer gebeten, die Augen offen zu halten. „Wir sind für jeden noch so kleinen Hinweis dankbar“, sagt die Ehefrau. „Wir brauchen Gewissheit.“

Die Ermittler der Polizei sind rund um die Uhr unter 05151/933222 oder Notruf 110 erreichbar.



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