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Horrorhaus-Prozess: Gutachterin berichtet über Angelika W. und eine destruktive Beziehungsstruktur

Die mitleidlose Hälfte des Folterpaares

HÖXTER/PADERBORN. Eine Beziehung zwischen zwei gestörten Menschen, die nichts miteinander verbindet – und die nur funktioniert, weil andere zerstört werden. So, knapp umrissen, ist es zwischen Wilfried und Angelika W., dem „Folterpaar von Höxter“, 17 Jahre lang gewesen. Am Mittwoch stellte die psychiatrische Gutachterin vor dem Landgericht Paderborn ihre Erkenntnisse über die Paardynamik vor, die im „Horrorhaus von Bosseborn“ letztlich in zwei mutmaßlichen Mordfällen durch Unterlassen mündete.

veröffentlicht am 04.07.2018 um 18:48 Uhr

Die Angeklagte Angelika W. (2. v. re.) sitzt neben ihren Verteidigern Peter Wüller (re.) und Alexander Strato im Landgericht. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh (li.) stellt ihr Gutachten zur Angeklagten vor. Foto: Friso Gentsch/dpa

Autor:

Ulrich Pfaff

Missgünstig, bösartig, dieser Begriff fällt immer wieder in dem mehrere Stunden dauernden Vortrag von Dr. Nahlah Saimeh. Eine bösartige Beziehung, lautet das Fazit der Gutachterin, in der beide Partner aufgrund ihrer Defizite mit im wahrsten Sinne des Wortes tödlichem Ergebnis interagierten: „Zwei Menschen, die einen Lebenspartner suchen, zusammenbleiben wollen, aber nicht zur Intimität fähig sind.“ Die einzige Stabilität der Beziehung sei aus der „massiven psychischen Destabilisierung“ der Opfer entstanden – Frauen, deren Selbstbewusstsein man gemeinsam systematisch zerstört habe, weil beide Angeklagte sonst nichts miteinander anfangen konnten. „Das hat Gemeinsamkeit geschaffen zwischen den Partnern“, stellte die Gutachterin heraus. Und der speziellen Bosseborn-Variante dieses Systems, in der Psychologie allgemein „Gaslighting“ (Gaslicht anzünden) genannt, „ist es egal, ob eine Katze im Wäschetrockner getötet wird oder eine Frau so lange gequält wird, bis sie stirbt.“ Plakativer formulierte es Angelika W.s Verteidiger Peter Wüller: Für die Beiden hätten die psychischen und körperlichen Übergriffe auf Frauen den Stellenwert gehabt, wie für „normale“ Paare ein Kinobesuch. Zu verstehen ist das Ganze nur, wenn man die Person von Angelika W. näher betrachtet. Ohne Mitgefühl, „fanatisch regelversessen“, unkaputtbar – so beschreibt die Gutachterin die Angeklagte. Attribute für Angelika W. (49), die im Zusammenwirken mit Wilfried W. erst das „Folterpaar von Höxter“ geschaffen haben. Sie ist nach Erkenntnis der Gutachterin eine Frau mit massiv autistischen Zügen, ohne wirklich eine Autistin zu sein – und stehe auch hinsichtlich einer Persönlichkeitsstörung hart an der Grenze dazu. „Ein zentrales Element ist ihre eigene Wichtigkeit“, betont Saimeh: Angelika W. wolle gebraucht werden, dabei aber auch zeigen, dass sie leistungsfähig und unzerstörbar sei, unentbehrlich für Wilfried W. Sie habe einen Intelligenzquotienten von 119, sei damit überdurchschnittlich intelligent – und könne strategisch denken, überlegt und planvoll handeln. Aufgrund ihrer autistischen Züge aber fehle ihr die Fähigkeit, emotional an Dinge heranzugehen: Sie sei kaltherzig und mitleidlos, halte sich selbst sklavisch an Regeln und fordere von anderen deren Einhaltung, selbst wenn diese noch so absurd seien. Angelika W. sei überdurchschnittlich autistisch, Wilfried W. unterdurchschnittlich intelligent – deshalb habe die „bösartige Beziehung“ so stabil funktioniert. „Das Prinzip hätte in einer Endlosschleife weiter gehalten, wenn nicht die besonderen Umstände es ans Tageslicht gebracht hätten“, erklärt Saimeh: Wenn Frauen erst einmal in dem Haus in Bosseborn in den Händen von Wilfried und Angelika W. gelandet seien, „dann durften sie auf Güte und Mitleid nicht mehr hoffen. Da war das Überleben dem Zufall geschuldet.“

Denn Angelika W. habe aufgrund ihrer Wilfried überlegenen Intelligenz dessen System der Manipulation früh in der Ehe durchschaut, dann das Ruder übernommen und es weiter ausgebaut. So habe sie die Quälereien als Werkzeug eingesetzt, um ihre dominante Stellung und damit Macht und Kontrolle in der Beziehung zu behalten. Dafür seien aber immer neue Frauen nötig gewesen: Angelika W. habe Wilfrieds „neue Spielzeuge“ immer wieder schnell kaputtgemacht, um als „Beschafferin“ gebraucht zu werden. „Es war ein Reigen der ständigen Akquise und ständigen Zerstörung“, so Saimeh.

Während Saimeh bei Wilfried W. wegen seines Schwachsinns eingeschränkte Schuldfähigkeit sieht und die Unterbringung in der Psychiatrie empfiehlt, gilt dies nicht für Angelika W.: Sie sei voll schuldfähig. Allerdings gibt die Gutachterin auch eine Prognose für die Zukunft ab: Beide könnten sich in einem Umfeld mit einer „strikten Sozialkontrolle“ anpassen und strafrechtlich unauffällig bleiben – sprich, nach einer Entlassung aus Haft oder Psychiatrie unter enger Beobachtung und Betreuung in Freiheit leben, aber ohne Paarbeziehungen. Angelika W. sei intelligent genug, „zu lernen, wie man vernünftig miteinander umgeht“, aber man dürfe sie dennoch nicht aus den Augen lassen. Wilfried W. hingegen benötige eine spezielle Ausbildung für Intelligenzgeminderte, um erwachsener zu werden. Bis Anfang September soll der Prozess mit sogenannten Sprungterminen fortgesetzt werden. In der ersten Septemberwoche sind die Plädoyers geplant.



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