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Mordprozess mehr als 34 Jahre nach der Tat eröffnet: Einbrecher schoss Rintelner Polizisten in Rücken

Die Kugel steckt noch immer im Körper

RINTELN/WESERBERGLAND. Ein 62-jähriger Kosovo-Albaner muss sich derzeit vor dem Schwurgericht wegen versuchten Mordes aus Verdeckungsabsicht und gefährlicher Körperverletzung verantworten – gut 34 Jahre, nachdem er als Einbrecher einem damals 24 Jahre alten, gebürtig aus Schaumburg stammenden Kriminalbeamten in Zivil in den Rücken geschossen und diesen lebensgefährlich verletzt haben soll.

veröffentlicht am 25.02.2019 um 12:49 Uhr
aktualisiert am 26.02.2019 um 18:50 Uhr

Die Kugel steckt nach wie vor im Rücken des Kriminalbeamten, der vor gut 34 Jahren Opfer eines Einbrechers wurde. Foto: Michael Zgoll

Autor:

Michael Zgoll
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Der angeklagte Jakub S. gab vor Gericht ein anderes Geburtsdatum an als früher bei der Polizei und war zur Tatzeit demnach 27 Jahre alt. Er äußerte sich mit keinem Wort zu dem Tatvorwurf, auch sein Verteidiger Joe Thérond gab keine Erklärung ab.

Erschütternd waren die Schilderungen des Opfers und seiner damaligen Ehefrau, wie das Verbrechen in Hannover die junge Familie aus der Bahn warf. Der 59-jährige Polizist aus Schaumburg, der in jüngerer Vergangenheit jahrelang krank geschrieben war, und jetzt in Rinteln seinen Dienst versieht, wirkte während seiner Zeugenvernehmung sehr mitgenommen.

Die damalige Ehefrau des Polizeibeamten, heute 56 Jahre alt, hatte am 8. Juni 1984 gegen 4.30 Uhr in der gemeinsamen Wohnung verdächtige Geräusche gehört. Im Erdgeschoss, eine Etage tiefer, befand sich zur damaligen Zeit ein Fachgeschäft für Windsurfartikel. Die Mutter einer kleinen Tochter, die gerade mit einem zweiten Kind schwanger war, blickte vom Balkon auf den Innenhof und sah zwei verdächtige Gestalten. Sie rief „Haut ab“ und verständigte per Notruf die Polizei. Ihr Ehemann, selbst Polizist, zog sich blitzschnell ein paar Sachen über und rannte auf die Straße, um die Täter zu stellen. Diese hatten zwei Seesäcke mit Diebesgut im Wert von 3000 Mark in den Händen und rannten davon. Unterwegs sei der Kleinere von beiden stehengeblieben, habe ihm „Lass, lass“ zugebrüllt und einen Schuss in die Luft abgegeben, sagte der 59-jährige heutige Obernkirchener aus: „Ich dachte, das sei eine Gaspistole.“

Ich kann bis heute nicht begreifen, dass mich einer wegen eines geklauten Videorekorders totschießen wollte.“

Schaumburger Polizist

Als er den größeren der beiden Flüchtigen festhalten wollte, so der Beamte, habe ihm der Kleinere plötzlich eine Waffe direkt zwischen die Schulterblätter gepresst und abgedrückt – es war eine Pistole vom Kaliber 6,35, wie sich später herausstellte. Die Kugel verfehlte sein Herz nur um zwei Zentimeter, prallte von der Wirbelsäule ab und blieb in einem Lungenflügel stecken. Vier Tage lag der 24-Jährige auf der Intensivstation, war anschließend fünf Wochen dienstunfähig. Das Projektil steckt bis heute in seinem Körper, verursacht ihm aber keine unmittelbaren Beschwerden. Doch das Verbrechen zog andere, schwerwiegende Folgen nach sich. Aufgrund der eingeschränkten Lungenfunktion konnte der Beamte nie mehr in gleichem Maße Sport treiben wie früher.

Ein Vorgesetzter habe ihn verdächtigt, mit den Einbrechern unter einer Decke gesteckt zu haben, berichtete das Opfer, Kollegen hätten ihm unprofessionelles Verhalten vorgeworfen, seine Wohnung sei durchsucht und das Vorleben von ihm und seiner Ehefrau unter die Lupe genommen worden. „Die Geschichte hat meinen Mann völlig aus der Bahn geworfen, er hat viel von seiner Lebenslust verloren und wurde irgendwann depressiv“, erklärte seine damalige Frau, von der er seit etlichen Jahren geschieden ist, vor Gericht. Er leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, erklärte der Beamte, und seine psychischen Probleme hätten in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen: „Ich kann bis heute nicht begreifen, dass mich einer wegen eines geklauten Videorekorders totschießen wollte.“ Dieses Gerät war neben den Seesäcken gefunden worden.

Der Angeklagte, ein kleiner Mann mit Halbglatze, wagte es während der Befragung des Opfers nicht, dem Polizisten in die Augen zu schauen. Dieser konnte den Täter nicht direkt identifizieren, kaum verwunderlich nach einer Verfolgungsjagd bei Dunkelheit. Einer der Einbrecher, ein 19-Jähriger, war am Tattag festgenommen und später wegen Diebstahls mit Waffen zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Als zweiten Verdächtigen hatten die Ermittler zunächst einen Bruder von Jakub S. im Visier, dies entpuppte sich 1992 aber als Irrtum. Der Angeklagte soll sich nach 1984 in Monaco, Mazedonien, dem Kosovo und Albanien aufgehalten haben, konnte aber trotz internationalen Haftbefehls viele Jahre nicht gefasst werden. 2016 nahmen sich Zielfahnder aus Hannover erneut des Falls an und wurden mithilfe von Landes- und Bundeskriminalamt fündig: Fingerabdrücke aus dem Kosovo schlugen die Brücke zu S. Im September 2016 wurde der Verdächtige in Tirana verhaftet, kurzzeitig entlassen, im November 2017 erneut festgenommen und im August 2018 nach Deutschland ausgeliefert. Das Schwurgericht hat für den Prozess wegen versuchten Mordes vier Verhandlungstage anberaumt.



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