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Prozess um Dreifachmord von Hille: Jörg W. belastet 24-Jährigen schwer und schildert brutale Taten

Der Ziehsohn soll an allem schuld sein

HILLE / BIELEFELD / STADTHAGEN. Im Prozess um den mutmaßlichen Dreifachmord von Hille bei Minden könnte für die Angeklagten am Ende die Sicherungsverwahrung stehen. Darauf hat der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann am zweiten Prozesstag in Bielefeld hingewiesen. Er beruft sich auf ein vorläufiges psychologisches Gutachten. Demnach geht von den beiden Angeklagten ein Hang zu erheblichen Straftaten aus. Die beiden sollen aus Habgier drei Männer getötet und verscharrt haben: zuerst einen Nachbarn (72), dann einen Hilfsarbeiter (64) und später einen Geschäftspartner (30) aus Stadthagen.

veröffentlicht am 21.09.2018 um 13:44 Uhr

Jörg W. (51) betritt den Gerichtssaal in Bielefeld. Dort bleibt er stumm – doch eine Gutachterin berichtet ausführlich aus einem Gespräch mit dem Mordangeklagten. Foto: dpa

Autor:

Stefanie Dullweber und Carsten Linnhoff
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Kein Wort kommt Jörg W. (51) im Gerichtssaal über die Lippen. Er blickt starr geradeaus, zeigt keine Gefühlsregung. Ganz anders hat sich der ehemalige Fremdenlegionär offenbar vor wenigen Tagen im Gespräch mit der Psychologin Sabina Nowara gegeben. Dabei soll er seinen Ziehsohn Kevin R. schwer belastet und geschildert haben, wie dieser drei Männer aus Mordlust getötet habe. Sogar weitere Morde mit Axt oder Beil habe der 24-Jährige nach dem Tod von Gerd F., Jochen K. und Fadi S. angekündigt. „Der hätte auch seine Oma umgebracht“, zitiert die Gutachterin aus dem Gespräch.

Der Psychologin gegenüber räumte W. als Fehler ein, beim Vergraben der Leichen geholfen zu haben. Aber Kevin sei wie ein Sohn für ihn gewesen – und wer zeige schon sein eigenes Kind wegen Mordes an? „Hätte ich ihn bloß nicht nach Hille geholt“, zitiert Nowara den Angeklagten. Im Gespräch mit der Gutachterin schiebt Jörg W. die Schuld auf das Patenkind seiner Frau. Dabei habe dieser immer alles von ihm bekommen. Als er mit seinen Eltern in Duisburg nicht mehr klargekommen sei, habe er ihn zu sich geholt. Kevin R. habe nach Einschätzung von W. die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Er sei immer fordernder geworden. Außerdem habe sich der eigentlich hilfsbereite junge Mann durch seine Zeit bei der Bundeswehr und der Feuerwehr verändert.

Mit roher Gewalt soll Kevin R. – W. zufolge – getötet haben. Auf Gerd F. habe er 15- bis 20-mal mit einer leeren Bierflasche eingeschlagen. Er selber sei wie gelähmt und schockiert gewesen. Als Grund für seine eigene Unschuld spreche außerdem, dass er das Haus von F. sowieso bekommen hätte, dafür hätte er niemanden umbringen müssen. W. beruft sich auf ein Testament aus dem Jahr 2013, in dem Gerd F. seinen Nachbarn als Erben eingesetzt hat.

Den Mord an dem Knecht Jochen K. soll Kevin R. bei einem gemütlichen Grillabend begangen haben. Kevin habe zigmal mit einem Ziegelstein zugeschlagen und anschließend mit einem Messer zugestochen, behauptet W. „Jetzt kannst du sowieso nichts machen“, soll dieser zu seinem Ziehvater gesagt und beim Abtransport der Leiche noch mit dessen Arm gewunken haben. „Ich könnte heulen“, soll sich Jörg W. gegenüber der Gutachterin geäußert haben.

Das würde sie nicht glauben, soll der 51-Jährige im Gespräch über den Mord an Fadi S. zu Sabina Nowara gesagt haben. Demnach soll der 30-jährige Fadi S. Jörg W. zu einem Anschlag angestiftet haben, woraufhin dieser ihn mit einem Gummihammer „lediglich außer Gefecht gesetzt“ habe. Während er mit seinem Auto geflohen sei – auch um von einer möglichen Bedrohung gegen seine Familie abzulenken –, habe Kevin R. „noch mal draufgehauen“. Er habe wohl Spaß dabei gehabt. Für ihn selbst sei das alles zu viel gewesen. „Ich weiß genau, dass ich niemanden umgebracht habe“, zitiert Nowara aus dem Gespräch. Während die Gutachterin spricht, schüttelt Kevin R. immer wieder mit dem Kopf.

Dass das Verhältnis nicht immer so unterkühlt war, wie es sich aktuell im Gericht darstellt, belegen SMS-Nachrichten zwischen Jörg W. und Kevin R. aus der Zeit von März 2015 bis März 2017, die der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann verliest. Dabei geht es um Kevins Umzug nach Hille, ein Testament, das der 24-Jährige von seinem Ziehvater bekommen soll und um ein Haus, in das der Zeitsoldat einziehen soll. Im Chat-Verlauf tauchen immer wieder „Heil-Hitler-Grüße“ und Hinweise auf „Führers Geburtstag“ auf, die für das sprechen, was Jörg W. gegenüber der Gutachterin gesagt hatte: „Er ist ein Rechter.“

Was Jörg W. gegenüber der Psychologin auch immer wieder betont haben soll, sind Pannen bei der polizeilichen Ermittlung im Zusammenhang mit den Leichenfunden. Es gebe sowohl Morddrohungen gegen seine Frau – die Polizei habe sie in Ostdeutschland versteckt – als auch gegen seine Anwältin. Außerdem habe er Kenntnis davon, dass man ihn im Gerichtssaal umbringen wolle. Er vermisse seine Frau und seine Enkelkinder. Zur Ablenkung habe er sich im Gefängnis Malstifte besorgt.

Der Prozess wird am Montag, 8. Oktober, fortgesetzt. Die Ehefrau von Jörg W. wird nicht aussagen; sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht, teilte das Gericht mit. Nach Auskunft seiner Verteidiger wird Kevin R. sich eventuell später äußern.



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